Gebote der Tora

Fromm auf Zeit

von Tobias Kühn

A.J. Jacobs hat einen Riecher für Bestsellerthemen. Der Redakteur des New Yorker Lifestylemagazins Esquire las vor einigen Jahren die gesamte Encyclopaedia Britannica – 32 Bände, mehr als 33.000 Seiten –und machte daraus den Bestseller Britannica & ich: Von einem, der auszog, der klügste Mensch der Welt zu werden (List 2006). Auf den Geschmack des Superlativs gekommen, suchte Jacobs, nachdem das Aufsehen über seinen Erstling verklungen war, ein neues Projekt. Wieder sollten sich Leben und Schreiben miteinander verbinden lassen. »Das einzige intellektuelle Abenteuer, das da mithalten konnte, schien mir die Auseinandersetzung mit dem einflussreichsten Buch der Welt, dem Bestseller schlechthin, der Bibel«, schreibt er im Vorwort seines jüngsten literarischen Produkts Die Bibel & ich: Von einem, der auszog, das Buch der Bücher wörtlich zu nehmen (Ullstein 2008). Die amerikanische Originalausgabe erschien 2007 und stand wochenlang auf den Bestsellerlisten.
Für sein Bibelexperiment kopierte Jacobs die Versuchsanordnung des Britannica‐Projekts – und setzte der alten Idee noch eins drauf: Er las die Bibel nicht nur, sondern versuchte auch, ein Jahr lang alle dort enthaltenen Gebote zu befolgen, selbst die obskursten wie das Steinigen von Ehebrechern: »Ich wollte zum absoluten Fundamentalisten werden.«
Im richtigen Leben ist A.J. Jacobs nicht sonderlich religiös. Er wuchs in einem säkularen jüdischen Elternhaus in New York auf. Einer amerikanischen Zeitung sagte er, er sei so jüdisch, wie ein Olivenbaum ein italienisches Restaurant sei. Und so fragte er sich zu Beginn seiner Bibelforschung: »Soll ich mich nach dem Alten Testament, dem Neuen Testament oder beiden Testamenten richten?« Er entschied sich dann für das sogenannte Alte Testament –- weil es die meisten Regeln enthält.
Sein Projekt verstand Jacobs aber auch als Schlüssel zur Welt der Spiritualität, der ihm von seinen Eltern nicht mitgegeben wurde. Die Beziehung seiner Familie zum Judentum erschöpfe sich, sagt er, in »jenem paradoxen Klassiker der Assimilation: dem Davidstern als Christbaumspitze«. Er selbst möchte es besser machen: »Falls mein religiöses Defizit tatsächlich einen Makel darstellt, möchte ich diesen ungern an meinen Sohn weitergeben.«
Mit viel Sinn für Komik und absurde Details erzählt Jacobs auf fast 400 Seiten, wie sich die »Operation Bibel« auf sein Leben auswirkt – auf seine Arbeit als Journalist, auf seine Ehe und auf die Beziehung zu seinen Eltern. Er lässt sich einen Bart wachsen, »ein üppig sprießendes Gestrüpp«, trägt nur noch biblisch erlaubte Kleidungsstücke und fängt an, jeden Tag zehn Minuten zu beten – auch wenn er anfangs nicht weiß, wie das geht. »Ich habe mein Lebtag noch nicht gebetet«. Er entwickelt auch Strategien gegen das Begehren. Jedes Mal, wenn er eine schöne Frau sieht, versucht er, an seine Mutter zu denken. »Sie ist tabu. Der bloße Gedanke, geschlechtlich mit ihr zu verkehren, ist abstoßend, undenkbar, außer für Perverse oder Leute, die zu viel Freud gelesen haben.« Er fängt an, langsamer zu sprechen, legt jedes Wort auf die Goldwaage, fragt sich: »Ist es gelogen? Ist es geprahlt? Ist es obszön? Oder verbreite ich Klatsch und Tratsch?« Und nicht zuletzt versucht Jacobs in dem Jahr, das Fruchtbarkeitsgebot zu halten – zum Leidwesen seiner Frau, die sich überwacht fühlt, weil er sich »regelmäßig nach ihrem Eisprung, ihrer Basaltemperatur und ihrem Fünftagestrend« erkundigt.
Neben solchen heiteren Passagen enthält Jacobs’ Tagebuch auch lehrreiche Kapitel. Denn auf der Suche nach Inspiration besucht der Autor religiöse Gruppierungen, die sich Journalisten in der Regel kaum öffnen. Er fährt zu den Amish, deren Demut und Bescheidenheit ihn berühren, ist Gast bei einem Atheistenstammtisch, nimmt an einem Treffen schwuler Evangelikaler teil, entdeckt die Freude an der Religion bei Chassidim in Brooklyn.
Übung macht den Meister. Im Laufe des Jahres fällt Jacobs das Halten der Gebote und das Beten immer leichter. Sein frommes Alter Ego gewinnt, wie er schreibt, allmählich Überhand über sein areligiöses Ich. Das Buch verliert dadurch zwar an Lustigkeit. Dafür gewinnt es an Tiefsinn und Anmut, ohne dabei kitschig zu werden. Am Ende seines Bibeljahres stellt Jacobs fest, er werde in Zukunft vieles anders machen. Zwar sei er nach wie vor Agnostiker, aber ein frommer Agnostiker. »Ich glaube nicht unbedingt an einen Gott, doch ich glaube, dass manche Dinge heilig sind.« Auch sei er toleranter geworden, besonders in religiösen Dingen. Und dankbarer. »Ich werde auch weiter Dankgebete sprechen. Ich weiß zwar nicht recht, wem ich danke, bin aber richtiggehend süchtig nach dem Akt des Dankens.« Vielleicht liegt in dieser Erkenntnis der Höhepunkt des Buches.

a.j. jacobs: die bibel & ich
Übersetzt von Thomas Mohr
Ullstein, Berlin 2008, 432 S., 19,90 €

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