Niederlande

Fragen des Alters

von Tobias Müller

Geahnt hat er es immer. Seit seiner Jugend hatte Ron de Leeuw* die Vermutung, eigentlich Jude zu sein. Von seinen Pflegeeltern, die ihn im Alter von drei Jahren adoptiert hatten, erfuhr er nur, dass er keine Familie mehr habe. Seine Vermutung war daher so abwegig nicht. Erst als er nach ihrem Umzug in ein Pflegeheim das Haus ausräumte, fand er in einer Tasche die Wahrheit: eine Arbeitsgenehmigung mit Foto seiner Mutter und eine Identitätskarte seines Vaters. Beide waren Juden, die die deutsche Besatzung nicht überlebten. Ron de Leeuw, der mit über 50 Jahren zum ersten Mal ein Bild von seinen Eltern gesehen hatte, machte sich auf die Suche nach Familienangehörigen – und fand sie in seiner Stadt, in der Nachbarstraße.
Eine solche Entdeckung stellt alles auf den Kopf – und ist doch alles andere als ein Einzelfall. Zumal in den Niederlanden, wo es vor der Schoa selbst in kleinen Dörfern jüdische Gemeinden gab. Oberrabbiner Binyomin Jacobs geht davon aus, dass es im Land noch Hunderte Personen gibt, die als Kind von nichtjüdischen Familien angenommen wurden und bis heute nichts davon wissen. Diese Menschen zu finden, ist ihm ein Anliegen – aus Respekt gegenüber ihren ermordeten Eltern.
Seit 1975 ist Jacobs Rabbiner im Sinai-Centrum, der einzigen jüdischen psychiatrischen Einrichtung Westeuropas. Dort kam er mit dem Thema in Berührung und mit zahlreichen Betroffenen, die dort behandelt werden. »Wer den Krieg überlebt hat und normal geblieben ist, ist gestört« – hinter dieser süffisanten Bemerkung ist es Jacobs bitterernst. Die Entdeckung der jüdischen Wurzeln im hohen Alter stelle oft das gesamte bisherige Leben infrage, und die Folgen seien unabsehbar. »Zudem fühlen sich viele ihren leiblichen Eltern gegenüber als Verräter.« Behutsamkeit ist daher unabdingbar: »Es ist nicht so einfach, dass die Wahrheit immer eine Erlösung bedeutet. Im Gegenteil.«
Wie komplex dieses Verhältnis ist, weiß Louk de Liever. Der 69-Jährige gehörte zu einer Gruppe von 51 Kindern, die im September 1944 mit dem letzten Gefangenenzug aus dem Durchgangslager Westerbork nach Bergen-Belsen und später nach Theresienstadt transportiert wurde. Sie galten als »unbekannte Kinder«, die bei nichtjüdischen Familien untergebracht und verraten worden waren. Im Mai 1945 wurden sie von der Roten Armee befreit. Die Gruppe ist heute in der ganzen Welt verstreut, doch es besteht Kontakt untereinander, seit vor zehn Jahren ein Buch über sie erschien und ein Dokumentarfilm gedreht wurde.
Unter ihnen, erzählt de Liever, gebe es alle denkbaren Varianten von Schicksalen untergetauchter Kinder: Viele blieben bei ihren Pflegefamilien, da ihre Eltern ermordet worden waren. Bei anderen stritten sich weitläufige Verwandte mit den Pflegeeltern um die Kinder, was nicht selten vor Gericht endete. Wer noch ein Elternteil hatte, kehrte zu diesem zurück. Louk de Liever selbst gehörte zu den wenigen, deren Eltern beide noch lebten. »Aber sie hatten im Krieg derart Schaden gelitten, dass ihr Band zu mir kaputt war. Die Beziehung ist nie wieder geworden, wie sie sein sollte.«
De Liever war zwei Jahre alt, als seine Eltern ihn aus dem ostniederländischen Nijkerk zu Bekannten nach Amsterdam brachten. Dreieinhalb Jahre später kehrte er zu- rück. Seine Großeltern erkannten ihn, sein Vater anfangs nicht. Seine Mutter glaubte erst ans Überleben, als er die Narbe auf seinem großen Zeh zeigte. Während die Beziehung mit den eigenen Eltern zeit ihres Lebens mühsam blieb, hat Louk de Liever engen Kontakt mit seiner Pflegefamilie. »Das ist mir sehr wichtig. Nicht aus Verpflichtung, sondern aus dem Gefühl heraus.«
Wie verschlungen die Wege der Überlebenden auch nach Jahrzehnten sein können, zeigt das Schicksal von Joop Snoek*. Als er in fortgeschrittenem Alter von seiner jüdischen Herkunft erfuhr, begab er sich auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit. Zusätzlich zum Namen seiner Pflegefamilie, den er noch immer trug, nahm er den seiner leiblichen Eltern wieder an. Er trat mit der jüdischen Gemeinde in Kontakt, vertiefte sich ins Judentum, widmete seine Freizeit Gedenkveranstaltungen im In­ und Ausland.
Eine Sisyphosaufgabe, meint Louk de Liever: »Snoek hat sich auf eine Aufholjagd begeben nach etwas, das sich nicht aufholen lässt.« Dass der Spagat zum bisherigen Leben mit meist nichtjüdischen Partnern zur Herausforderung werde, liege nahe. »Oft bekommen auch deren Kinder große Probleme.«
Dass sich die Entdeckung der eigenen Biografie erst in einem gewissen Alter einstellt, ist typisch. Die meisten, die ihre jüdischen Wurzeln erst spät finden, sind im Rentenalter oder kurz davor – in einem Lebensabschnitt, der andere Prioritäten setzt als Arbeit und Verdienst. Zudem schiebt die Psyche das Leben in der sogenannten Illegalität oft auf eine lange Bank.
»Untertauchen dringt als Kind nicht zu dir durch. Erst später wirst du dir der Dimensionen bewusst«, sagt Erna Houtkooper. In der Besatzungszeit in Ermelo untergetaucht, ist sie heute Sekretärin der Vereinigung Jüdische Kriegskinder (JOK). Diese entstand auf dem ersten großen Treffen untergetauchter Kinder Mitte der 90er-Jahre in Amsterdam. Verdrängungsprozesse sieht Erna Houtkooper nicht nur bei den damaligen Kindern. Auch die niederländische Gesellschaft habe lange gebraucht, sich diesem Thema zu stellen. »Es wurde totgeschwiegen, die Leute hatten selbst mit Mühe den Krieg überlebt und sahen sich als Opfer, da wartete niemand auf Geschichten jüdischer Überlebender.« Die relative Offenheit, die in den 80er- und 90er-Jahren gegenüber solchen Berichten bestanden habe, wähnt Houtkooper heute auf dem Rückzug. »Damals war die Einstellung gegenüber Israel positiver.« Heute dagegen nehmen antiisraelische und antijüdische Tendenzen in den Niederlanden wieder zu. Dadurch finden sich die Schicksale untergetauchter Kinder weniger in der Öffentlichkeit wieder.
Die Art, wie das Jüdische Wohlfahrtswerk JMW eine Gesprächsgruppe für Betroffene vorstellt, spricht Bände: »Selbst gute Freunde gucken manchmal seltsam, wenn du über deinen Hintergrund redest. Doch in den Kindern von damals bleibt der Krieg stecken wie ein Kaktus.«

* Namen von der Redaktion geändert

Eva Erben

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