Fernsehgroßereignisse

Feuer vom Himmel

Willige Helfer
Mogadischu (ARD)

Vor 31 Jahren hätte ein Montblanc‐Kugelschreiber Birgitt Röhll beinahe das Leben gekostet. „Captain Mahmud“, der Anführer eines palästinensischen Terroristenquartetts, das im Herbst 1977 die Lufthansamaschine Landshut entführt hatte, um die in der Bundesrepublik einsitzenden RAF‐Gefangenen freizupressen, hatte bei einer Überprüfung der Passagiere das Symbol der Firma als Davidstern interpretiert. Der Aktivist der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) folgerte daraus, Röhll sei Jüdin, und kündigte für den kommenden Tag ihre Hinrichtung an.
Röhlls Erlebnis ist in dem Fernsehfilm Mogadischu zu sehen, den die ARD am Sonntag zeigt. „Das Herbst‐Event im Ersten“, so die Eigenwerbung, wurde produziert von Nico Hofmanns Firma Teamworx. Das schreckt im ersten Moment ab, weil Teamworx für patriotisch‐penetranten TV‐Politkitsch steht wie Dresden oder Die Flucht. Aber Mogadischu ist anders. Der Spielfilm und die ergänzende Dokumentation, die am späteren Abend ausgestrahlt wird, haben Substanz.
Zu der zählt eine neue Sicht auf den „Deutschen Herbst“ 1977. Demnach hätte es eine zweite Generation der RAF ohne Unterstützung der PFLP nie gegeben. Maurice Philip Remy, Drehbuchautor des Spielfilms und Regisseur der Dokumentation, glaubt, die RAF‐Mitglieder seien „Marionetten“ der PFLP gewesen, „instrumentalisierte Träumer“. Die Aktionen des Jahres 1977 – die Ermordung Siegfried Bubacks und Jürgen Pontos und die Entführung Hanns‐Martin Schleyers – seien im Jahr zuvor in den Terrorlagern der PFLP im Südjemen geplant worden; deren 1978 verstorbener Auslandsoperationschef Wadi Haddad, sei „über alles im Bilde“ gewesen. Baader, Ensslin und die anderen Gefangenen in Stammheim, so Re‐ my, hätten lediglich die Rolle von Statisten gespielt. Damit bezieht der TV‐Autor eine völlig andere Position als Stefan Aust, der mit seinem Bestseller „Der Baader‐Meinhof‐Komplex“ bisher die RAF‐Geschichtsschreibung geprägt hat.
Mit der zentralen Rolle der PFLP verknüpft ist auch der Antisemitismus des bundesdeutschen Linksterrorismus, der, wie Remy beklagt, in der medialen Aufarbeitung „immer wieder untergegangen“ sei. Er verweist auf die enge Verbindung zwischen der Entführung der Landshut und der Geiselnahme von Entebbe im Sommer 1976. Damals hatte die PFLP, unterstützt von deutschen Terroristen, darunter Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann von den Revolutionären Zellen (RZ), eine Maschine der Air France in die ugandische Hauptstadt entführt. Kuhlmann agierte unter dem Kampfnamen „Halimeh“. Nach ihr nannten sich ein Jahr später die Landshut‐Hijacker. In Entebbe wiederholte sich „deutsche Geschichte in besonders perverser Form“, sagt Remy. Auf dem Flughafen wurden 80 Israelis sowie die französischen Juden unter den Passagieren selektiert, der Rest kam frei. Der RZ‐Mann Böse, der später wie Kuhlmann bei der Befreiungsaktion durch israelische Elitesoldaten starb, soll bei dieser Selektion eine wesentliche Rolle gespielt haben.
Mittelbar, sagt Remy, sei die RAF auch vom KGB beeinflusst gewesen: „Ohne KGB keine PFLP.“ Der sowjetische Geheimdienst habe deren Anführer Haddad seit Anfang der 70er für „Sonderaufträge“ eingesetzt. Ob der KGB auch bei der Entführung der Landshut eine Rolle spielte, sei bei den Recherchen für die beiden Filme „nicht abschließend“ zu klären gewesen. In der Dokumentation ließ Remy diesen Aspekt deshalb weg, im Spielfilm dienten die bei der Recherche gesammelten Indizien als Basis für fiktive Gespräche zwischen Haddad und dem Botschafter Moskaus in Bagdad. Das sei, so Rémy, eine legitime Lösung. René Martens

„Mogadischu“, ARD, Sonntag, 30. November, 20.15 Uhr, anschließend „Mogadischu – Die Dokumentation“, 22.45 Uhr

Endzeit

Die Apokalypse (Arte)

Man kann im Fernsehen über den Jerusalemer Tempel reden, ohne auch nur einmal die Westmauer gezeigt und darüber nachgedacht zu haben, warum dieser Ort bis heute eine so hohe religiöse Bedeutung besitzt. Man kann auch rein akademisch stundenlang über das Heilige Land und das Verhältnis von Juden, Christen und heidnischen Religionen debattieren, ohne auch nur einmal einen Blick auf antike Synagogen, Tempel‐ und Kultanlagen geworfen zu haben. Aber ist das sinnvoll für die Zuschauer?
Die neue Arte‐Serie Die Apokalypse präsentiert die perfekt ausgeleuchteten Gesichter von 50 Theologen, Historikern und Judaisten aus den Universitäten der Welt. Sonst ist wenig auf dem Bildschirm zu sehen. Die französischen Autoren Gérard Mordillat und Jérôme Prieur sitzen mit ihren Interviewpartnern im sterilen Studio, zeigen höchstens einmal eine alte biblische Schrift, eine Landkarte oder historische Münzen. Man kann beruhigt das Bild wegschalten. Der Fernsehkanal Arte sendet Hörfunk.
Also machen wir die Augen zu und lauschen der ersten Folge „Die Synagoge des Satans“, die am Mittwoch, den 3. Dezember um 21 Uhr ausgestrahlt wird. In immer wieder neuen redundanten Anläufen erklären Fachleute die Bedeutung der Offenbarung (griechisch Apokalypse) des Johannes von Pathmos. Apokalypse, erfahren wir, bedeutete ursprünglich nicht Weltuntergang, sondern die Verkündigung der baldigen Ankunft des Messias. Der Autor des letzten Buches im Neuen Testament war wahrscheinlich Mitglied einer judenchristlichen Gemeinde in Kleinasien. Seine Polemik gegen die „Synagoge des Satans“ richtete sich nicht gegen das Judentum, sondern gegen heidenchristliche, vom Apostel Paulus geprägte Gemeinden, die sich nicht mehr streng an das Gesetz Moses’ und Israels hielten.
Wir erfahren auch, dass die Offenbarung des Johannes ein Reflex auf und ein Erklärungsversuch für die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch die Römer im Jahr 70 n. d. Z. war – theologisch in ei‐ner Linie zu nennen mit dem 1. und 2. Buch Henoch, 2. Buch Baruch, 4. Buch Esra, dem Buch der Jubiläen oder dem Testament der 12 Patriarchen, allesamt jüdisch‐apokalyptische Schriften. Erst in späteren Jahrhunderten ist dieses „jüdische Buch“ in den christlichen Kanon hineinchristianisiert worden. Von der fatalen Wirkungsgeschichte des Ausdrucks „Synagoge des Satans“, dem biblisch fundierten Antijudaismus der folgenden Jahrhunderte, erfährt man in der ersten Folge der Serie jedoch leider nichts. Thomas Klatt

„Die Apokalypse“, Arte, 12 Folgen, 3. bis 20. Dezember, mittwochs und samstags 21 Uhr

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