Islamismus

Feuer, Feuer!

von Harald Neuber

Der US‐Soziologe David P. Phillips untersuchte 2001 eine statistische Besonderheit: US‐Bürger japanischer oder chinesischer Herkunft erleiden besonders häufig am 4. eines Monats einen Herztod. In beiden asiatischen Kulturen, fand Phillips heraus, gilt die 4 als Unglückszahl und löst deshalb Angstvorstellungen aus. Nach Arthur Conan Doyles Roman Der Hund von Baskerville, in dem ein vermeintlicher Geisterhund den Protagonisten das Leben kostet, nur weil er an den Geist glaubt, nannte er dieses Phänomen „Baskerville‐Effekt“. An solchen Beispielen sich selbst erfüllender Prophezeiungen mangelt es auch auf politischer Ebene nicht. Als der Politologe Samuel P. Huntington seine These vom „Kampf der Kulturen“ veröffentlichte, wurde sie ebenfalls als Szenario einer kulturpolitischen Apokalypse verstanden.
Ist der Kampf gegen den Terror Teil eines unvermeidlichen Zusammenpralls der Kulturen? Über die Bedrohung des Westens durch den Islamismus diskutierten am vergangenen Sonntag in Berlin der Publizist Henryk M. Broder und der ehemalige CDU‐Generalsekretär Heiner Geißler. Broder las zunächst aus seinem jüngsten Buch Hurra, wir kapitulieren! und holte dann zum Angriff auf die Political Correctness aus. Wer ein Auto stehle und einen Menschen totfahre, werde als Verbrecher behandelt; wer sich in einem Bus in die Luft sprenge, als „verzweifelter Mensch“ bedauert. Der Westen setzte dieser Gefahr wenig bis gar nichts entgegen, beklagte er. Wie Huntington rückte Broder das kulturelle Konfliktpotential in „mulitkulturellen“ Gesellschaften zugunsten des Dialogs in den Vordergrund: Der „Kalif von Köln“, Metin Kaplan, sei 2003 trotz seiner Mordaufrufe aus der Haft entlassen worden, Zweit‐ und Drittfrauen kämen nach der Gesundheitsreform in den Genuß einer Familienversicherung.
Das saß. Mit Gespür für Pointen zitierte Broder immer neue Beispiele rechtsstaatlicher „Kapitulationen“ ein. Geißler wartete mit eher sozialkritischen als realpolitischen Erklärungen auf: Die Ökonomi‐ sierung der Gesellschaft dränge den Staat in die Defensive. Weil die Steuerfreiheit für Großunternehmen akzeptiert sei, bluteten die Kommunen aus. Das Ergebnis: strukturschwache Regionen, bankrotte Verwaltungen, Nährboden für Rechte. Für Geißler gilt das eingeforderte Fürsorgeprinzip auch auf globaler Ebene: „Wir können nicht Hunderttausende wirtschaftlich ausgrenzen, ohne die Quittung dafür zu bekommen.“ Im übrigen fände er es nur schwer akzeptabel, daß Broder den Terrorismus mit einem Brand vergleicht, bei dessen Bekämpfung man die Feuerwehr auch nicht bitten könne, sich an die Straßenverkehrsordnung zu halten. Auch ein Löschzug dürfe nicht „über den Gehweg rasen und Passanten überfahren“, konterte er. Die USA hätten den Antiterrorkampf mit ihrem Verhalten „moralisch ausgehebelt“. Statt auszugrenzen, sei ein Dialog mit dem Islam auf Basis humanistisch‐progressiver Werte nötig.
David P. Phillips kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Ziffer 4 sei eben nicht aus Leben und Alltag zu verbannen. Also müsse der Aberglaube an ihren tödlichen Effekt zurückgedrängt werden.

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