Udi Lehavi

Extrem im Einsatz

von Helmut Kuhn

Udi Lehavi kommt gerade vom Sport. Um sechs Uhr ist er aufgestanden, im Fitnessstudio 45 Minuten gelaufen und hat an „ein paar Geräten“ trainiert. Eigentlich läuft er lieber draußen. „Schwere Läufer brauchen die frische Luft, den Sauerstoff.“ Aber das ist vor der Arbeit nicht so einfach. Udi Lehavi wohnt am Gendarmenmarkt in Berlin Mitte und muss bald in sein Büro am Ku’damm. Bleibt nur noch wenig Zeit für einen Kaffee, ein Croissant und ein Gespräch im Café an der Ecke.
Wenn einer Vorbild für gute Vorsätze im neuen Jahr sein kann, dann ist es Udi Lehavi. Vor zwei Jahren ist der 49‐Jährige zum ersten Mal in seinem Leben einen Marathon gelaufen. „Auch wenn man mir das nicht glauben mag“, lacht der große, kräftige Zweizentnermann. Aber er lief nicht, um sich selbst etwas zu beweisen, sondern für Michal Emunah, ein krebskrankes Mädchen in Beer Sheva. „Als ich in Israel aufwuchs, habe ich etwas gelernt, das mich bis heute geprägt hat: zu teilen. Das ist für mich sehr wichtig.“ Seit 2004 repräsentiert Lehavi Keren Hayesod in Deutschland, die zentrale Hilfsorganisation für Israel.
Eigentlich sei er ein „israelischer Bayer“ geblieben, sagt Udi Lehavi. Zehn Jahre lebte er in Ebersberg bei München und arbeitete dort für das israelische Tourismusministerium. „Die bayerische Lebensart ist einfach wunderbar.“ Geboren ist er im Kibbuz Gan Shmuel bei Hadera, zwischen Tel Aviv und Haifa gelegen. Sein Vater war dereinst mit dem letzten Zug aus Wien geflohen und über Umwege nach Palästina gelangt.
Seine Mutter, in Warschau geboren, hatte am Aufstand des Ghettos teilgenommen. Nach der Niederschlagung wurde sie nach Majdanek verschleppt. Ihre Mutter, Schwester, der Schwager und zwei Kinder waren bereits in Treblinka ermordet worden. Lehavis Mutter hatte Glück: Im Arbeitslager Tschenstochau wurde sie von den Russen befreit. Über Süditalien und ein Lager in Zypern gelangte sie in den Kibbuz Gan Shmuel.
Heute sei er „Fundraiser“, sagt Lehavi, er möchte das Wort „Spenden“ vermeiden. „Wenn ich das Wort „unterstützen“ benutze, dann drücke ich damit aus, dass ich Verantwortung übernehme. Wenn ich nur spende, kümmere ich mich nicht weiter darum, was mit dem Geld geschieht.“ Das sei ein wesentlicher Unterschied. Er versuche, so viele Unterstützer wie möglich auch persönlich zu treffen, ihnen von den Projekten zu berichten und sie daran teilhaben zu lassen. „Man muss bereit sein, Danke zu sagen auch für kleine Hilfen und den Menschen das Gefühl geben, dass wir gemeinsam in einem Boot sind.“
Aber gerade beim Teilen und Verantwortungübernehmen werde ein Wertewandel sichtbar. „Die jüdischen Gemeinden der Nachkriegszeit waren sehr großzügig, auch und vor allem Israel gegenüber. Vielleicht ein wenig aufgrund eines Schuldgefühls, hier geblieben zu sein, vor allem aber aus dem echten Bedürfnis zu teilen heraus. Die nächsten Generationen sind mehr für sich selbst da.“ Dies will er aber weniger als Kritik, denn als Feststellung verstanden wissen: „Es ist mehr eine Frage, auf die ich keine Antwort finde.“
Dabei stelle er immer wieder fest, dass viele Eltern der neuen Generationen ihre Kinder durchaus in die richtige Richtung erzögen, diese Bereitschaft zu teilen werde jedoch im höheren Alter wieder verlernt. „Ich sehe die Diskrepanz, dass Eltern manchmal ihren Kindern etwas beizubringen versuchen, was sie von sich selbst nicht mehr verlangen.“
Udi Lehavi möchte daher mit seinem Beispiel vorangehen. Er ist auch selbst bereit, „mehr zu geben“. Im vergangenen Jahr hat er am Chicago‐Marathon teilgenommen. „Ich habe alle meine Bekannten und Freunde gebeten, mich dabei zu unterstützen. Das Ziel war, ein Euro pro Meter, also 42.000 Euro zusammenzubekommen. Das ist nicht ganz gelungen, aber es kam eine sehr nette Summe dabei heraus.“
Die letzten fünf Kilometer seien eine echte Quälerei gewesen, gibt er gern zu: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich es noch schaffe. Aber wenn man das Ziel hat, Medikamente für krebskranke Kinder zu beschaffen, dann ist sogar das eine Freude. Es geht ja nicht um mich, es geht um die Menschen in Israel.“ So habe er auf diesen Kilometern an das kleine Mädchen gedacht und ihren Kampf gegen Krebs. „Emunah ist der Glaube. Und dieses Mädchen glaubt an sich, und sie hat diesen Kampf jeden Tag – so schaffte ich auch diese Kilometer.“
Mit einer anderen spektakulären Aktion hatte Udi Lehavi ebenfalls Unterstützer gewinnen können. Er bestieg den 5.416 Meter hohen Thorong‐La‐Pass im nepalesischen Himalaya. „Hey Leute, ihr müsst mich unterstützen“, habe er seinen Freunden gesagt. Das Geld wird verwendet zur psychologischen Therapie von Terroropfern. „Das ist doch ein Teil unserer Pflicht. Diese Menschen haben ihre Ge‐
sundheit für Israel gegeben. Wir müssen ihnen zeigen: Ihr seid nicht allein!“
Das Ergebnis: „Es kommt immer etwas zusammen. Und jeder Unterstützer ist gleich. Manchmal muss jemand, der 20 Euro gibt, auf mehr verzichten als derjenige, der 1.000 Euro gibt.“
Und seine guten Vorsätze für 5768? „Es wird wohl wieder ein Marathon werden. Und ich möchte etwas mit Makkabi Deutschland unternehmen. Ich möchte die Kinder erreichen und ihre Verbundenheit mit dem Staat Israel fördern. Ich sehe mich da als Botschafter und fordere: ‚Teile und übernimm Verantwortung für die Gesellschaft‘. Ich werde irgendwann nicht mehr da sein, aber die Botschaft soll bleiben.“
Das passt zum 60‐jährigen Bestehen des Staates Israel im nächsten Jahr, das unter dem Motto steht: „Kinder Israels“. Und diese Kinder brauchen wieder Hilfe: „Im September beginnt dort das neue Schuljahr. In der Agamim‐Schule in Zefad müssen dringend drei Luftschutzbunker renoviert werden. Die Mittel dazu fehlen noch: Damit die Menschen bei der nächsten Auseinandersetzung ihr Leben retten können – und dabei ihre Würde nicht verlieren.“

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