Purimgeschichte

Esthers Weg

von Rabbiner Avichai Apel

Im Zentrum des Purimfestes steht eine Frau, die für die Erlösung der Juden im persischen Reich verantwortlich war: Esther. Die Intrigen von Haman und die Anordnung von Achaschwerosch, alle Juden zu vernichten, brachten die Zukunft des Volkes Israel in Gefahr. Esther besaß nicht die Macht, das Gesetz des Königs zu ändern. Doch konnte sie einen Schutzbrief unter seinem Namen verfassen, der die Juden vor feindlichen Angriffen bewahren sollte. Es‐ther ist es, die den Prozess der Erlösung des Volkes Israel anführt und gleichzeitig in der Mitte der Geschichte von Purim steht.
Esther ist es auch, die irgendwie zwischen den Fronten der jüdischen Gemein‐
schaft in Schuschan und dem Königreich von Achaschwerosch steht. Einerseits wollen viele Juden dem König gefallen und nehmen deshalb an den Trinkgelagen des Herrschers teil, die einen hedonistischen Stil haben und nicht mit dem Geist des Ju‐
dentums im Einklang sind. Andererseits lesen wir über Mordechai, der in der biblischen Erzählung »jüdischer Mann« genannt wird, dass er selbst im Exil die Regeln des Judentums bis ins kleinste Detail praktiziert.
Wo hat Esther in diesem Spektrum ih‐
ren Platz? War sie wie ihr Onkel Mordechai, hütete sie die Tradition ihrer Vorfahren und vermied sie die Anpassung an die Sitten und Gebräuche anderer Völker? Oder war sie eine assimilierte Jüdin, die in die persische Gesellschaft integriert werden wollte, um für sich eine bessere Zu‐
kunft zu schaffen?
Das Leben eines Menschen ist durch Werte bestimmt, die er von seinen Eltern erhalten, von seinen Lehrern gelernt, in Büchern gelesen und mit der Umwelt, in der er sich befindet, verglichen hat. Normalerweise möchte der Mensch ein Wertesystem haben, das mit seiner Umwelt zusammenpasst und seine Existenz nicht erschwert. In jeder Station des Heranwachsens eines Menschen, und immer, wenn der Mensch seinen Ort wechselt, prüft er erneut die Werte und versucht, sie an seinen Wohnort anzupassen. Jeder Einzelne dieser Prozesse verursacht eine Änderung in seiner Denk‐ und Herangehensweise. Die Größe der Veränderung sowie seine Qualität sind von Individuum zu In‐
dividuum verschieden.
Wie alle Juden in Persien war auch
Esther in einer Übergangsphase. In ihr werden die Grenzen der Anpassung in der Gesellschaft in Abhängigkeit von dem Wil‐
len, die eigene Identität zu bewahren, definiert. Eine Ehe mit einem König ist zwar eine verlockende Perspektive, erschwert aber andererseits die Weiterführung des jüdischen Lebens. Esther setzt sich damit auseinander. In der Purimgeschichte wird berichtet, wie sie gegen ihren Willen in das Königshaus genommen wird, sich dort aber weigert, sich für den Monarchen schön zu machen und sich fein herauszuputzen. Sie fühlte sich bei dem Gedanken, sich mit dem nichtjüdischen König zu treffen, unwohl. Gleichzeitig verheimlicht sie ihre Herkunft. Vielleicht wollte sie ihre jü‐
dische Identität vertuschen, um einfach als Mensch und nicht wegen ihrer nationalen Identität akzeptiert zu werden? Schließlich kamen sie doch zusammen. Esther fand zum gemeinsamen Leben mit dem König – ein Leben in Assimilation. Nicht nur, dass Achaschwerosch nicht zum Ju‐
dentum konvertierte, seine neue Frau verheimlichte vor ihm sogar ihre Religion.
Dieser Weg der Anpassung an die Ge‐
sellschaft ist zwar möglich, wird aber in Krisenzeiten, wenn der Mensch Entscheidungen treffen muss, auf den Prüfstand gestellt. Esther wurde wegen der Gefahr, die durch Hamans Intrigen dem Volk Is‐
rael drohte, zur Entscheidung gedrängt. Sie musste zwischen der Rettung ihres eigenen Lebens und der weiteren Verheimlichung ihrer Herkunft einerseits, sowie der Offenlegung ihrer jüdischen Abstammung und der damit verbundenen Todesgefahr andererseits entscheiden. Keine leichte Entscheidung. Zumal ihr Mordechai noch eine ganz andere Frage stellt: »Wer weiß, ob du nicht um dieser Zeit willen zur kö‐
niglichen Würde gekommen bist?«
Die Assimilation ist nicht der Weg des Judentums. Es ist zwar nicht einfach, un‐
ter Nichtjuden zu leben und sich dabei nicht auch irgendwie anzupassen. Doch muss man bei diesem so wichtigen Thema auch zwischen unterschiedlichen Lebensbereichen unterscheiden: Dem öffentli‐
chen Leben, also zum Beispiel Schule, Studium und Beruf, und dem privaten Leben in der Familie. Denn eins ist klar: Ein wirklich jüdisches Familienleben kann man nur mit einem jüdischen Partner führen. Es stimmt, dass viele Nichtjuden nett, begabt und liebenswert sind. Niemand kann dies bestreiten. Aber die Bildung ei‐
ner Familie, in der die Kinder im jüdischen Geist und Alltag erzogen werden, funktioniert eben nur durch eine Eheschließung zweier jüdischer Partner. So‐
genannte Mischehen führen zu einem Konflikt, der zum Verzicht auf wichtige Werte oder zur Vertuschung der eigenen Identität führt. Die jüdische Eheschließung ist nicht nur wichtig für Großvater und Großmutter, sondern auch für die Kinder. Und für die kommenden Generationen, die nicht aufwachsen sollen, ohne zu wissen, wer sie sind, was ihre Herkunft ist und wohin ihr Weg sie führt.
Die Ehe Esthers mit Achaschwerosch war erzwungen. Esthers Wille spielte dabei keine Rolle. Der König hatte so entschieden. Aber Esther verstand dann auch, warum sie Achaschwerosch heiraten muss‐te: »Und wer weiß, ob du nicht um dieser Zeit willen zur königlichen Würde gekommen bist?« Ihrem Volk droht die Vernichtung, und nur derjenige, der sich in der Nähe des Königs aufhält, kann die Gefahr abwehren. Nicht zufällig wurde von Esther verlangt, einen Nichtjuden zu heiraten. Es handelt sich hier nicht um die Legitimierung einer sogenannten Mischehe, sondern um einen geheimen göttlichen Plan, der das Volk Israel vom Tod retten sollte.
Nur durch das Erwachen Esthers und durch die Stärke ihres jüdischen Glaubens konnte sie sich an den König wenden und gegen die Gefahr und für das Volk Israel kämpfen. Stellen wir uns vor, sie hätte wie jeder assimilierte Jude weiter versucht, den Schaden zu begrenzen und vielleicht sogar argumentiert, die Juden möchten endlich aufhören, sich von den anderen Völkern zu unterscheiden. Dann hätte sie die Möglichkeit verloren, das Volk Israel zu retten. Es‐ther wurde nur deshalb Königin.
Hätte sie weiter ihre Jüdischkeit verheimlicht, wäre auch ihre Zukunft unbekannt geblieben, wie Mordechai es gesagt hat: »So wird eine Hilfe und Errettung von einem andern Ort her den Juden entstehen.« Das bedeutet, G’tt wird einen Weg finden, das Volk Israel aus jedem Unglück zu retten, und das in einer Weise, die über unserer Vorstellungskraft liegt: »Und du und deines Vaters Haus werdet umkommen.« Doch Esther kennt die Alternative: »So gehe hin und versammle alle Juden, die zu Schuschan vorhanden sind.« Einigkeit statt Assimilation. Juden, die zusammenstehen, statt in fremder Umgebung aufzugehen. In der Purimgeschichte ist das Ergebnis: »Den Juden aber war Licht und Freude und Wonne und Ehre gekommen.« So wird es uns ebenfalls geschehen.

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