Schtetl

Es war einmal ein Städtchen

von Katarzyna Weintraub

Du hast sie nicht mehr, die jüdischen Schtetl in Polen, in Hrubieszów, Karczew, Brody, Falenica suchst du vergeblich im Fenster die brennenden Kerzen und lauschst dem Gesang aus dem hölzernen Bethaus. Die letzten Reste sind verweht, jüdische Lumpen, das Blut mit Sand verschüttet, die Spuren ausgelöscht und die Wände mit blassblauem Kalk getüncht wie nach einer Seuche oder einem großen Fest. Nur ein Mond scheint hier, kühl und blass und fremd, hinter der Stadt auf der Straße, wenn die Nacht aufleuchtet, werden meine jüdischen Vettern, poetische Jungen, keine zwei goldenen Monde Chagalls erblicken. Diese Monde umkreisen jetzt einen anderen Planeten, sie flogen davon, vom düsteren Schweigen verschreckt. Es gibt diese Schtetl nicht mehr, wo der Schuster Poet, der Uhrmacher Philosoph, der Frisör ein Troubadour war. Es gibt diese Schtetl nicht mehr, wo biblische Psalmen der Wind mit polnischen Liedern und slawischer Wehmut verwob, wo alte Juden im Schatten der Kirschbäume die heiligen Mauern Jerusalems beweinten. (Antoni Slonimski, Elegie auf die jüdischen Schtetl, 1947)

Dreihundert Jahre sind eine lange Zeit. So lange lebten Juden im polnischen Kolbuszowa. »Ich denke, 300 Jahre sind genug, um ein Patriot zu werden«, sagt der 84‐jährige Naftali Saleschuetz vel Norman Salsit. So lautet sein amerikanischer Name heute. Und er fängt an zu singen: »Gott, der du Polen in all den Jahren geschmückt hast mit dem Glanz von Ruhm und Macht. Und sorgend schütztest mit deinem wunderbaren Schild vor Unheil und böser Niedertracht. Vor deinen Altar tragen wir das Flehen: Lass Vaterland und Freiheit auferstehen!«
Dieses Gebet zu Gott mit der Bitte um Unabhängigkeit für seine Heimat sang Naftali, neben der polnischen Nationalhymne, jedes Jahr während der Gebete anlässlich der polnischen Nationalfeiertage in der Synagoge von Kolbuszowa. Und sein Vater hielt während der wichtigsten städtischen Feierlichkeiten Reden im Namen der jüdischen Gemeinschaft des Städtchens. Von allen örtlichen Juden sprach er, der galizische Chassid, das schönste Polnisch. »Ich habe Kolbuszowa geliebt. In Amerika lebe ich schon doppelt so lange – aber wenn ich Zuhause sage, denke ich an Kolbuszowa«, sagt Naftali Saleschuetz.
Bis zum Krieg war Kolbuszowa ein typisches galizisches Schtetl, eine Kleinstadt, von denen auf dem Gebiet der Polnischen Republik im Laufe der Jahrhunderte Tausende entstanden waren. In solchen Städtchen machten die Juden meist die Hälfte oder mehr aller Einwohner aus. Schon seit dem frühen Mittelalter wiesen die Stadt‐ und Kirchenväter den dorthin kommenden Juden Orte zur Ansiedlung zu. Sie siedelten sich am liebsten in königlichen, fürstlichen oder privaten Städten an, wo sie sich der Privilegien und des Schutzes des Königs oder des Hochadels erfreuen konnten. Anfänglich, als es noch wenige Juden gab, waren in den größeren Städten ihre Häuser mit christlichen vermischt. In dem Maße jedoch, wie ihr Zustrom immer stärker wurde, entstanden jüdische Viertel in Übereinstimmung mit dem mittelalterlichen Prinzip, Bevölkerung verschiedener ethnischer Abstammung oder Berufe an eigenen Straßen oder Plätzen zu gruppieren (es gab deutsche, russische, armenische, Schuster‐, Goldschmied‐, Bäckergassen).
Im Falle der Juden war diese Isolierung besonders dauerhaft, denn während sich die anderen Gruppen nach und nach in die polnische Umgebung integrierten, behielten die Juden bis zum Schluss ihre ethnisch‐religiöse Eigenart. Der städtischen Gerichtsbarkeit nicht unterstellt und mit weitgehender Autonomie beschenkt, gewährleisteten die jüdischen Viertel und Straßen, in denen man ein anderes Leben als im Rest der Stadt führte, den Erhalt der inneren Integrität sowie der eigenen Sprache und Sitten; diese wiederum erleichterten es, die rigorosen religiösen Vorschriften des Judaismus zu befolgen, sie unterstellten das Leben und Handeln der Einwohner der Kontrolle des »Kahal«, der jüdischen Religionsgemeinde, und schränkten gleichzeitig den Einfluss von außen ein.
Maria und Kazimierz Piechotkowie haben die »Jüdische Stadt«, das »oppidum Judaerum« folgendermaßen beschrieben: Diese Stadt in der Stadt bildete einen städtischen Raum, dessen »religiöses und ge‐
sellschaftliches Leben sich in der und um die Synagoge konzentrierte (…). Neben religiösen Funktionen diente sie weltlichen Bedürfnissen. Sie war der Sitz des Gemeindevorstandes, der Ort der Ältestenberatun‐ gen, dort wurden wirtschaftliche Entscheidungen getroffen, das Gericht tagte dort, und man verbüßte dort seine Strafen, dort waren die Schatzkammer und das Archiv der Gemeinde untergebracht. Der Zugang zu ihr sollte nicht leicht sein. Es war besser, wenn Fremde keinen Einblick hatten, was in ihr und um sie herum geschah. Die Synagoge sollte auch in Fällen einer Gefährdung von außen, die vor allem in den Großstädten real wurde, Schutz bieten (…). Das stimmte auch mit den Forderungen der katholischen Kirchenbehörden überein, von denen die Genehmigung für den Bau einer Synagoge abhing. Sie verlangten, dass diese bescheiden aussehen, ihre Form nicht an eine Kirche erinnern, ihre Höhe nicht die Höhe anderer Gebäude in der Stadt überschreiten und ihr Standort so gewählt sein sollte, dass die Juden durch das Geräusch ihrer Gebete nicht den kirchlichen Gottesdienst störten. Daher befand sie sich gewöhnlich nicht direkt an der Straße, sondern wurde in die Tiefe verschoben, hinter die Linie der Wohnhäuser. In der Nähe wurden manchmal andere Gebäude und Anlagen untergebracht, die mit den Bedürfnissen der Gemeinde verbunden waren: das Lehrhaus, Bet Hamidrasch, der Brunnen, das Ritualbad, das Hochzeitshaus sowie koschere Fleischbänke, Mazze‐Bäckereien, Wohnhäuser für den Rabbiner und den Melamed sowie das Armenhospital.« Diese Anordnung findet man noch heute in den Städtchen ganz Polens. Auch in Kolbuszowa.
»Hier war die wichtigste Gasse. Denn hier hindurch gingen die Juden 300 Jahre lang zur Synagoge. Jeden Tag drei Mal.« Naftali Saleschuetz zeigt auf das kleine Sträßchen, das eigentlich nur einen schmalen Durchgang zwischen den Häusern darstellt. Während das jüdische Leben in den Großstädten in einem eigenen, selbstgenügsamen Rhythmus verlaufen konnte, ohne größere Bedürfnisse nach Kontakten mit der christlichen Mehrheit, waren die Kontakte zwischen den Juden und der polnischen Bevölkerung in den Schtetl notgedrungen sowohl häufiger als auch enger. Doch obwohl überall in den lokalen Behörden Juden vertreten waren, konnte von einem wirklichen Zusammenleben zwischen ihnen und den Polen keine Rede sein: Zu weit entfernt voneinander waren diese beiden Welten: die christliche und die Welt des orthodoxen Judentums.
So war im Schtetl der wichtigste und oft auch der einzige Ort, an dem beide Kulturen aufeinandertrafen, der Markt. Der Hauptmarkt füllte sich schon in den frühen Morgenstunden mit Wagen, auf denen die Bauern aus den umliegenden Dörfern ihre Produkte brachten. Die örtlichen oder aus der Umgebung stammenden Händler stellten ihre Verkaufsstände auf. Es herrschte Bewegung und Trubel. Die Kunden drängten sich in den kleinen Läden. Den ganzen Tag über machte man Geschäfte, immer wieder ging man in die nahe gelegene jüdische Schenke, »um einen zu heben« oder um einen Teller heiße Suppe und Gänsebraten zu essen. Am Abend leerte sich der Platz; nach dem hektischen Tag blieben nur Berge von Pferdemist zurück.
Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen, seit Naftali Saleschuetz Polen verlassen hat. Jetzt befand er, dass die Zeit gekommen sei, seiner Tochter und seinen Enkeln Kolbuszowa zu zeigen. Die erste Begegnung mit einer Einwohnerin der Stadt stimmt nicht gerade optimistisch: Polen für die Polen, der Platz der Juden sei in Palästina, sagt die Frau. Auch der erste Versuch, sein Vaterhaus zu besuchen, endet mit einem Streit: Die heutigen Bewohner sind nicht damit einverstanden, dass die Räume gefilmt werden. Obwohl ausgerechnet in diesem Fall die Eigentumsverhältnisse geregelt sind, herrscht immer noch die unterschwellige Angst: Vielleicht wird der Jude doch noch kommen und das Seine zurückfordern? »Das Seine«, allein schon diese Formulierung beweist, dass der Konflikt programmiert ist. Das sich entwickelnde Gespräch bestätigt die klinischen Symptome dieses beinahe klassischen Falles: »Wir wollen nur keine Probleme haben. Man hört, dass verschiedene Dokumente gesammelt werden«, sagt die neue Eigentümerin. Die Versuche Naftalis, ihr zu erklären, dass es einzig darum gehe, den Nächsten sein Vaterhaus zu zeigen, werden mit der nüchternen Feststellung quittiert: »Aber es gibt Erben. Jetzt wohnen wir hier, und wir könnten nicht damit einverstanden sein, wenn jemand käme und sagte, das Haus gehöre ihm.« Auf die Versicherung hin: Meine Erben wollen nichts. Sie haben alles, folgt die schulmeisterliche Formel: »Wer viel hat, der will noch mehr.«
Ein ähnliches Gespräch könnte in Tausenden von Häusern in Tausenden polnischer Städte und Städtchen stattfinden, wo im Unterbewusstsein der heutigen Bewohner von früher jüdischen Häusern die Angst, das Dach überm Kopf zu verlieren, sich mit dem diffusen Gefühl vermischt, dass die Eigentumsfragen nicht endgültig und anständig geklärt wurden. Ein allgemeines Symptom also ist die Vogel‐Strauß‐Politik«, das Vermeiden des Themas. Darüber wird nicht gesprochen. Doch was der Literaturkritiker und Autor Kazimierz Wyka bereits im Jahre 1946 schrieb, hat nichts an Aktualität verloren, obwohl schon so viele Jahre seit dem Krieg vergangen sind: »Die Art und Weise, wie die Deutschen die Juden liquidiert haben, fällt auf deren eigenes Gewissen zurück. Die Reaktion darauf belastet jedoch unser Gewissen. Der einer Leiche herausgerissene Goldzahn wird immer bluten, auch wenn keiner sich mehr daran erinnert, woher er stammt. Deshalb darf man nicht zulassen, dass diese Reaktion vergessen wird oder sich verfestigt, weil in ihr ein Hauch kleinlicher Nekrophilie steckt.«
Man kann sich nur schwer des Ein‐
drucks erwehren, dass eben dieses unreine Gewissen aufgrund dieser »kleinlichen Nekrophilie« der Grund für ähnliche, oft sogar viel schlimmere Reaktionen ist, denn sie sind voller Aggressivität und Hass. An dieser Stelle sollte man darauf zu sprechen kommen, wie die ehemaligen deutschen Besitzer als Teilnehmer der beliebten Heimatreisen von den heutigen polnischen Bewohnern empfangen werden – hier ist zumindest die Sache des Gewissens und der Schuld klar, der Tisch ist rein. Man kann den Deutschen also ruhig ins Haus lassen, ihn zu Kaffee und selbst gebackenen Keksen einladen und freundlich mit ihm reden. Sie sind es schließlich gewesen, die den Krieg entfesselt haben, wir als Polen haben uns da nichts vorzuwerfen. Großzügigkeit und Höflichkeit kosten uns also nichts, ganz im Gegenteil: Wir sammeln Sympathiepunkte. Anders sieht die Sache mit den heutigen Eigentümern des ehemaligen Saleschuetz‐Hauses in Kolbuszowa aus: Sie sind dort vor 26 Jahren eingezogen und haben einen Elektroladen aufgezogen. Das plötzliche und unerwartete Auftauchen des ehemaligen Besitzers ruft ein unterbewusstes Gefühl der existenziellen Bedrohung hervor. Darf man sich darüber wundern, wenn sie ihn nicht mit offenen Armen empfangen? Vermutlich würden sie am liebsten vergessen, dass in ihrer Stadt überhaupt jemals Juden gelebt haben. Das ist der Schatten, einer von vielen Schatten. Und gar nicht einmal der schlimmste.

Der Beitrag ist eine gekürzte Fassung des Textes von Katarzyna Weintraub, der im »Jahrbuch Polen 2007 Stadt« erschienen ist (Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2007).
www.deutsches-polen-institut.de

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