Dimitri Goldenberg

»Es war die Flucht nach vorn«

von Holger Biermann

Der Mann aus Odessa kommt aus dem Dunkeln. Im schwachen Licht der Straßenlaterne streckt er zur Begrüßung die Hand entgegen und stellt sich dem Besucher mit Namen vor: Dimitri Goldenberg. Die Stimme ist ruhig, der Händedruck verhalten, der Augenkontakt schüchtern. Dann wird ein Café in der Nähe betreten. An den Tischen sitzen nur wenige Gäste.
Dimitri Goldenberg wählt einen Platz hinten im Raum und läßt sich auf einer Bank nieder. Er sitzt auf Leder, sein Rücken lehnt an einer Spiegelwand. Er trägt einen schwarzen Anzug, dazu Hemd und Krawatte. Die Uniform der Geschäftsleute steht ihm blendend. Sein markanter Kopf ist rasiert. Die millimeter-kurzen Haare sind dunkel und passen zum Outfit. Man kann sich diesen Mann an der Börse vorstellen, an der Hotellobby, im Modemagazin.
Doch da gehört er nicht hin. Dimitri Goldenberg ist Architekt und als solcher möchte er anerkannt sein – in Paris und weltweit irgendwann. Das ist sein Ziel.
Weil er in Deutschland keine Arbeit fand, ging er vor zwei Jahren nach Frankreich. Er sagt: »Ich hatte damals keinen Job und keine Anlaufstation.« Was er hat, ist ein Lebenslauf voller Brüche und den Traum von einer Karriere, die Hoffnung, eines Tages Gebäude zu bauen, denen ein Zauber innewohnt sowie den festen Glauben an sich selbst. »Falls nötig«, sagt Goldenberg, »wollte ich von Tür zu Tür gehen, um Arbeit zu finden«. Paris sollte Schicksal spielen – et voilà. Nach einer Woche in der Stadt beginnt Goldenberg mit der Arbeit im Büro von Dominique Perrault, dem Star der Branche. Ein Job wie ein Lottogewinn.
Perraults Gebäude muß man kennen, um Goldenbergs Glück zu verstehen. Also,
was baut der Meister? In Berlin hat er das Velodrom entworfen, ein großes unterirdisches Stadion. In Paris die Nationalbibliothek mit einem offenen Innenhof, der mit tropischen Bäumen bepflanzt ist. Perraults Gebäude sind Reduzierungen auf das Wesentliche. Sie bestechen durch klare Linien und deutliche Formen, gepaart mit einem Schuß Größenwahn.
»Betrachte alle Arbeit für mich als Investition in die Zukunft. Das ist deine Chance«, hat Perrault seinem Schüler bei Dienstantritt mit auf den Weg gegeben. »Seitdem bin ich mit meinem Beruf verheiratet«, sagt Goldenberg und grinst, als käme er gerade aus den Flitterwochen. Ein bißchen müde, aber glücklich. Er arbeitet nun oft 13 Stunden pro Tag. Er verzichtet freiwillig auf Feiertage und ein geregeltes Wochenende. Auch Urlaub hat er kaum und keine Zeit für eine Freundin.
Das Einkommen reicht nur für ein Zimmer am Gare du Nord. Man könnte sagen, das ist Ausbeutung im teuren Paris. Goldenberg sagt: »Es ist genug zum Leben und für einen wöchentlichen Barbesuch mit den Kollegen.« Dann unterbricht ihn der Kellner und serviert, was der junge Mann zuvor in fließendem Französisch bestellt hat: Salat mit Thunfisch, dazu Orangensaft. Etwas Leichtes auf dem schweren Weg zum Erfolg. Doch die härteste Passage, so scheint es, liegt hinter ihm.
Geboren wurde Dimitri Goldenberg 1971 in Odessa am Schwarzen Meer. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter Musiklehrerin. Die Familie ist jüdisch – eine von vielen in der Vielvölkerstadt. Doch was heißt das? Auf der Straße wird er beschimpft. Kleine Gemeinheiten gibt es immer wieder, »weil man mir das Jüdische ansieht«, wie er glaubt. Er lernt damit zu leben. So gesehen verläuft die Jugend in der Sowjetunion nach Plan – bis die Perestrojka kommt. Auch die muß man kennen, um Goldenberg zu verstehen. Also, was ist Perestrojka? Der Übergang des kommunistischen Systems zur Marktwirtschaft. Ein Umbruch, begleitet von politischen Krisen, Arbeitslosigkeit und Inflation.
Der junge Mann sucht Halt – und findet ihn am Theater, das ihn fasziniert. Man schenkt ihm die Nebenrolle in einem klassischen Stück. Er darf den Halbgott spielen und verguckt sich in die Regisseurin. »Sie war sehr spirituell«, sagt Goldenberg, »das hat mich interessiert«. Statt zu studieren, beginnt Dimitri zu meditieren. Er taucht innerlich ab und versinkt so tief, daß er von der Universität geworfen wird. »Das war egal, ich fühlte mich gut aufgehoben«. Doch für die Eltern ist es eine Katastrophe. Was soll aus dem Sohn werden?
Der Junge muß zum Militär und seinen Wehrdienst bei der Luftwaffe leisten. Er landet beim Bodenpersonal, wo er vier Wochen lernt, wie man Flugzeuge wartet. Dann löst sich der Sowjetstaat auf, die Ukraine wird eigenständig, und über Nacht wird aus der Roten die ukrainische Armee. Bei Tageslicht ist klar, was das heißt: Es gibt kaum Flugzeuge – die nehmen die Russen mit. Es gibt kaum Benzin – das ist nicht organisiert. Es gibt kaum Soldaten – alle Nicht-Ukrainer gehen nach Hause. Von 1.000 Mann bleiben 60 auf dem Stützpunkt. Die Kaserne wird zur Kulisse, der Aufenthalt darin zum realen Schauspiel. Goldenberg sagt: »Es war eine Art Kindergarten. Ich wurde beschäftigt mit dem Malen von Warnschildern und patriotischen Plakaten.«
Nach der Heimkehr des Sohnes beschäftigt die Eltern nur noch eines: die Ausreise. Die ist für Juden seit kurzem möglich, und sie wird von der Familie – angetrieben von Freunden und Verwandten – bei der deutschen Botschaft beantragt. »Es war die Flucht nach vorn«, sagt Dimitri, der so mit 24 Jahren nach Potsdam kommt. Dort leben die Goldenbergs sechs Monate im Aufnahmelager, sind abhängig von Sozialleistungen und sprachlos. Er sagt: »Ich konnte weder Deutsch noch Englisch und mußte lernen, daß Männer und Frauen hier manchmal einfach so im selben Bett schlafen.« Es dauert Jahre, bis er im Westen ankommt.
Dimitri schiebt die Salatschüssel zur Seite und tupft sich mit der Serviette über die Lippen. Er hat keinen Hunger mehr, nur noch Durst. Er gießt sich Wasser aus der großen Karaffe nach und macht eine kurze Pause. Wie es weiterging? »Ich habe in Dresden mein Studium nachgeholt«, erklärt er. Im Jahr 2000 ist er diplomierter Architekt. Er verbringt einige Monate mit einem Austauschprogramm in Straßburg und findet in Berlin einen Job auf der Baustelle des Kanzleramts, wo er Fliesen und Badewannen abnimmt. Eine befristete Stelle, da das Haus fast fertig ist. Danach ist er arbeitslos. Er nennt es seine »größte Krise«.
Goldenberg schreibt hunderte von Bewerbungen, versucht sich als Künstler und werkelt an Projekten, für die er 2002 den zweiten Preis beim Architektur-Wettbewerb Europa gewinnt. Ein Jahr später findet er endlich eine Assistenzstelle an der Dresdner Technischen Universität und sagt zu. Als die befristete Stelle nach einem Jahr ausläuft und Dimitri eingebürgert wird, steht für ihn fest: »Ich gehe ins Ausland.«
Auf der Website von Dominique Perrault liest er schließlich von der Stelle in Paris. »Suchen russisch- und französischsprechenden Architekten.« Er reicht seine Mappe ein und erklärt, unabhängig vom Ausgang der Bewerbung, in die französische Hauptstadt zu wechseln. Viele junge Architekten aus Deutschland haben in Paris Jobs gefunden. Die Eltern, die sich in Berlin mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser halten, sind entsetzt. »Sie haben mich für ein verlorenes Kind gehalten«, sagt er. Zu Hause können sie es noch immer kaum glauben, daß Dimitri heute den Umbau eines der bekanntesten Theater in Rußland leitet – die Erweiterung des Mariinsky in St. Petersburg. Ein Theater mit 2.000 Plätzen und neun Bühnen, das von außen bald wie ein riesiger goldener Kokon leuchten wird. Ein helles Zeichen für das neue Rußland.
Der Mann aus Odessa ordert nach den vielen Worten noch einen Espresso, den er in Paris so gerne im Stehen trinkt. Einfach bestellen, am Tresen ein paar Worte wechseln, einige Münzen liegen lassen und gehen. »Dieses städtische, südländische, nachlässige Leben, das gibt es so nicht in Deutschland«, sagt er. Sicher hat er Recht, und doch klingt es wie heimlicher Stolz. Man kann es verstehen, wenn man die Geschichte des jungen Herrn Goldenberg hört. Es ist die Freude des Heimatlosen, die Begeisterung des Neulings, der die große Bühne betritt. Im November hat Dimitri bei Perrault einen unbefristeten Vertrag unterschrieben. Vielleicht steht auch er eines Tages im Scheinwerferlicht.

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