Azad Abramov

„Es war die Entscheidung meines Vaters“

von Vera von Wolffersdorff

Ein zierlicher, leicht untersetzter Mann sitzt in einem Raum des „Berufsförderungswerk Würzburg“ vor einem Computer. Zuerst fällt sein schwarzes Haar auf, ein Haarkranz, der lustig in alle Richtungen steht und ihn wie einen zerstreuten Wissenschaftler aussehen lässt. Konzentriert tippt Azad Abramov Zeichen um Zeichen, dazwischen fährt seine rechte Hand auf einer Leiste unterhalb der normalen Tastatur hin und her. Auf dem Balken befindet sich eine Zeile in Braille‐Schrift: Was auf dem Monitor vor ihm steht, liest Azad mit Hilfe dieser Zeile. Denn er ist blind. Wenn der Cursor über die verschiedenen Icons auf dem Monitor huscht, meldet eine Computerstimme den jeweiligen Namen des Zeichens aus einem Lautsprecher: „Desktop, Desktop, Desktop, Internet Explorer, Explorer, Desktop“. Die Stimme quäkt blechern auf immer der gleichen Tonlage, doch sie ist Mittel zum Zweck: Das Berufsförderungswerk (BFW) ist ein Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte, alle Computer sind Spezialgeräte. Neben Azad lehnt in Griffweite sein weißer Metallstock mit einer Schlaufe am oberen Rand. Als der 43‐Jährige aufsteht und sich vorsichtig tastend umdreht, lächelt er gewinnend. Seine Hände, seine Brücke zur Außenwelt, sind klein und schmal.
Hier, im Münchner Nordwesten, hat das BFW Würzburg eine Geschäftsstelle. Der Hauptsitz des Zentrums aber ist im fränkischen Veitshöchheim. Dort leben rund 200 Blinde und Sehbehinderte und lernen, wie sie trotz ihres – oft plötzlich auftretenden – Handicaps ihren Beruf weiter ausüben können oder qualifizieren sich neu. Für Azad Abramov bot das Bildungszentrum eine doppelte Chance: deutsch zu lernen und an einem blindengerechten PC zu arbeiten.
Der promovierte Historiker kam im Sommer 1999 als jüdischer Zuwanderer mit seiner Frau und seinen beiden Kindern nach München. Die fremde Sprache verstanden sie nicht, Azad sollte Papiere ausfüllen. „Es war eine Katastrophe, kein Übersetzer war da“, sagt er und wiederholt kopfschüttelnd: „Eine Katastrophe.“ Sein Englisch half ein wenig. Später, in München, konnte er an keinem regulären Sprachkurs für Zuwanderer teilnehmen. Doch die Blindheit ermöglichte ihm eine ganz spezielle Schulung: Von 2000 bis 2002 lebte und lernte er am BFZ in Veitshöchheim. „Meine Lehrerin hat immer gesagt: Nur deutsch lernen reicht nicht. Und so machte ich auch Ausflüge mit, nahm an Wanderungen teil, ging mit ins Kino, ins Theater, in Museen“, erzählt Azad. Heute spricht er hervorragend deutsch. Nur seine Familie sah er in dieser Zeit eher selten: Sie blieb in München.
„Nach einem Jahr verloren wir unsere Wohnung im Flüchtlingsheim und mussten in Baracken am Stadtrand umziehen.“ erinnert sich Azad. „Das war schrecklich.“ Er winkt ab. „Eine Katastrophe“, murmelt er wieder, seine Stimme klingt nun sehr dunkel, für einen Moment verstummt er und sackt ein wenig in sich zusammen. Doch er richtet sich gleich wieder auf. „Das Leben ist eben so. Es ist schwierig“, sagt er und lacht. Sein Lachen kommt von tief innen, manchmal gluckst er dabei. Er lacht viel. Und Schwierigkeiten schrecken ihn nicht: „Ich kämpfe immer wieder, ich möchte weiter“, beschreibt er seine Lebenseinstellung.
Im Alter von sechs Jahren erkrankte Azad am Glaukom, dem Grünen Star – eine der häufigsten Ursachen für eine allmähliche Erblindung. Damals lebte er mit Eltern und Geschwistern in Baku, der Hauptstadt von Aserbaidschan. Sein Vater war Professor für sozioökonomische Geografie. Azad besuchte die örtliche Blindenschule, wechselte mit 13 Jahren auf ein Internat in Moskau und studierte später Geschichtswissenschaften an der Universität von Baku. „Eigentlich wollte ich Jura studieren, aber das war mir als Professoren‐Sohn in der UdSSR verboten“, erinnert Azad bedauernd. Stattdessen also Geschichte. Was genau? Da sprudelt es aus ihm heraus: „Geschichte des Altertums und des Mittelalters in Asien, Afrika, Amerika. Wir haben viel studiert: Logik, Pädagogik, Ethik, Ästhetik, Psychologie, Latein, Englisch als Fremdsprache, Philosophie, historischer und dialektischer Materialismus und natürlich die Geschichte der kommunistischen Partei.“ Fünf Jahre dauerte sein Studium, etwa 45 benotete und 40 unbenotete Prüfungen musste er ablegen. „Das war viel“, sagt er lachend. „Aber das ist dort ganz normal.“ Er lacht noch lauter.
Seine Frau lernte er 1988 über seinen Vater kennen. „Sie war einverstanden“, sagt Azad lapidar über ihre Begegnung – einverstanden, ihn zu heiraten. Sie ist Muslimin, wie die meisten Aserbaidschaner, und stammt aus einer kleinen Nachbarstadt von Baku. „Sie ist ein ganz normal sehender Mensch“, beschreibt sie Azad. Doch er redet nicht gern über sie. Denn sie leben schon lange nicht mehr zusammen, seit September 2006 sind sie geschieden. Von Anfang an hatte es in der Ehe viel Streit gegeben.
Azad entschloss sich nicht selbst, nach Deutschland zu gehen: „Es war eine Entscheidung meines Vaters“, sagt er. Dem Vater schienen die Lebensverhältnisse in Aserbaidschan zu schwierig zu werden, er riet Azad und seiner Familie, Baku zu verlassen. Seine Schwester war bereits 1990 nach Israel ausgewandert, dann entschied sein sechs Jahre jüngerer Bruder, ihr zu folgen. Die Idee, auch dorthin zu gehen, lag nahe. Zu Besuch waren Azad und seine Frau schon dort gewesen. „Es hat uns aber nicht so gut gefallen“, erklärt er ausweichend, „das Klima war zu heiß.“
Also Deutschland. Azad zog es weg von zu Hause: „Ich bin ein multikultureller Mensch. Seit meiner Kindheit träumte ich davon, nach England zu gehen. Ich habe mich schon immer für die westliche Kultur interessiert“, berichtet er. Ob er sich hier einsam fühlt? „Nein, einsam nicht“, meint er. Aber er bereute es schon manchmal, ausgewandert zu sein. Seit vier, fünf Jahren geht es ihm besser. Dass er hier vielleicht doch eine neue Heimat finden könnte, dieses Gefühl hatte er auf einem Konzert. Azad ist großer Beatles‐Fan: „Ich habe hier in München ein Konzert von Paul McCartney besucht. Da wusste ich, dass ich hier schon richtig bin – nach Baku ist McCartney nämlich noch nie gekommen“, grinst er. Rock‐und‐ Pop‐Fan war er schon als Teenager.
Inzwischen war Azad tatsächlich in England: Mit einer russischen Reisegruppe, auf einer viertägigen Busreise nach Oxford, Cambridge und London. Er reist viel. Mit dem Blindenbund war er in bayerischen Städten wie Burghausen oder Nördlingen unterwegs und – wieder mit einer russischen Reisegruppe – in Amsterdam und Luxemburg. Überhaupt hat er viele Termine und führt ein sehr aktives Leben. „Ich mache Gymnastik, schwimme und jeden Freitag mache ich Aikido mit einem japanischen Trainer“, erzählt er. Ein spezielles Sommer‐Hobby ist Tandem fahren: Blinde und Sehende fahren gemeinsam Rad – auf Tandems. So lernt Azad nach und nach das Münchner Umland kennen. Und er engagiert sich in der Kultusgemeinde, arbeitet dort in der ehrenamtlichen Gruppe der Integrationsabteilung. Deren Mitgliedern ist er besonders dankbar: Beim Wohnungsuchen haben sie ihm geholfen, beim Umzug, beim Einrichten. Nun versucht er, durch seine Sprachkenntnisse anderen ein bisschen zu helfen, dolmetscht, übersetzt. Neben aserbaidschanisch spricht er russisch, englisch, türkisch – und inzwischen hervorragend deutsch. Mittlerweile schreibt er sogar Artikel. Dafür kommt er viermal pro Woche ins Münchner BFW, denn seit Juli 2006 macht er ein Praktikum für das Online‐Magazin haGalil, das über jüdisches Leben berichtet.
Azad hofft, in Zukunft selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen zu können: Als Mitarbeiter in einem wissenschaftlichen Archiv, in einem Verlag, bei einer Zeitung oder Zeitschrift. „Am liebsten etwas mit Geschichte und Literatur, ich habe Geschichte studiert, und ich kann nicht als Schlosser oder Telefonist arbeiten“, meint er. Beruflich Fuß zu fassen, ein fester Job, das ist sein größter Wunsch – und wieder eine Familie. Azad lächelt: „Eine gute neue glückliche Familie. Das ist nicht einfach, aber ich denke, wenn’s mit einem Job klappt, dann klappt es auch mit einer Familie – oder umgekehrt.“ Fast beschwörend hört sich das an. Noch ist er auf der Suche.

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