Krankenhäuser im Krieg

Erste Hilfe

Wenn es eine Hölle gibt, sieht es dort aus wie im Schifa-Krankenhaus im Gasastreifen. »Der Fußboden ist voll mit Blut, Verletzte warten stöhnend in überfüllten Gängen auf ihre Operation«, beschreibt der Chirurg Dr. Dschumaa a-Saka die aktuelle Situation. Saka und seine Kollegen fahren seit Beginn der israelischen Offensive 16-Stunden Schichten, um der verzweifelten Lage Herr zu werden. Doch das größte Krankenhaus Gasas ist, wie alle anderen Krankenhäuser im Landstrich, mit der schieren Masse an Toten und Verwundeten überlastet. Sie hatten bereits mehr als 600 Tote und über 2.500 Verletzte zu beklagen. »Wir haben alle unsere Abteilungen in Notaufnahmen verwandelt, trotzdem kommen wir kaum klar«, sagt Saka. Die sechs Operationssäle im Krankenhaus reichen nicht, deswegen führt Saka Notoperationen auf dem Gang aus.
Nur 17 Kilometer Luftlinie vom Schifa-Krankenhaus im Gasastreifen entfernt liegt das Barzilai-Krankenhaus im israelischen Aschkelon. In Schifa zucken Patienten und Ärzte jedes Mal zusammen, wenn vor ihren Türen eine israelische Bombe explodiert. Ebenso gerät auch Barzilai immer wieder unter Beschuss. Vergangene Woche schlug eine Hamas-Rakete nur 200 Meter vom Klinik-Eingang ein und tötete einen israelischen Bauarbeiter.
Wie auch in Schifa muss Barzilai sich jetzt auf Notdienste beschränken. Fast 70 Prozent der 500 Betten wurden geräumt, um Platz für eine Welle von Verwundeten zu machen, falls eine Rakete der Hamas eine große Menschenansammlung treffen sollte: »Wir haben alle chronisch Kranken nach Hause geschickt oder in andere Krankenhäuser überwiesen«, sagt Krankenhaussprecherin Lea Malul. Die obersten Etagen der Gebäude wurden, in der Hoffnung, dass die Sprengköpfe der Hamas-Raketen nicht in die vorletzte Etage durchdringen können, geräumt, ebenso der gesamte Südflügel, von dem aus man die Häuser Gasas sehen kann. Acht Abteilungen wurden komplett in den Keller verlegt, die Notaufnahme vergrößert.
Lange fehlte es in Schifa an Arzneimitteln, doch inzwischen kommen die meis-ten Hilfslieferungen wieder durch, wenn sie nicht unterwegs ausgeraubt und auf dem Schwarzmarkt verkauft werden. Doch wie im Barzilai zwingt der Platzmangel die Verwaltung dazu, chronisch Kranke nach Hause zu schicken.
Zum eigenen Schutz soll das Krankenhaus inzwischen auch der Hamasführung dienen. So erklärte der israelische Geheimdienst, dass die Führungskader der Islamisten sich als Pfleger und Ärzte verkleidet in Schifa versteckt hielten. Quellen im Krankenhaus dementierten dies heftig.
Gesichert ist jedoch, dass in den Korridoren des Schifa-Krankenhauses Menschenleben nicht nur gerettet wurden: Laut einem Bericht der New York Times richteten Hamasangehörige mindestens sechs Patienten in ihren Krankenbetten mit Kopfschüssen hin. Sie wurden verdächtigt, mit Israel kollaboriert zu haben.
Dr. Saka, der von den Islamisten vor einem Jahr im Rahmen einer umfassenden politischen Säuberungskampagne eigentlich entlassen worden war, macht in erster Linie die radikalen Palästinenser für die Lage verantwortlich: »Sie hätten mit der Staatengemeinschaft kooperieren sollen. Mit ihrem Beschuss haben sie Israel unnötig herausgefordert. Doch die Israelis treffen hauptsächlich die Bewohner des Gasastreifens. Damit erreichen sie nichts.« Laut Angaben von Saka waren 80 Prozent seiner Patienten Mitglieder der Hamas.
Während das Schifa-Krankenhaus in Gasa von der Hamas für seine politischen Zwecke missbraucht wird – ihre Anhänger erhalten dort inzwischen eine bessere Behandlung als die der Opposition – bleibt Politik in Barzilai außen vor. »Im Augenblick behandeln wir sogar zehn Patienten aus dem Gasastreifen«, sagt Malul. Dies ist in Barzilai keine Seltenheit. Opfer der Kassamraketen liegen auf derselben Abteilung wie palästinensische Opfer israelischer Bombardements. So bietet Barzilai inmitten des Krieges neben der Hoffnung auf Genesung auch einen Ausblick auf eine friedliche Koexistenz. Gil Yaron

Vereinte Nationen

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