Oleg Marin

»Er wird allein bleiben«

W enn ich aus meinem Haus trete, fällt mein Blick auf ein Straßenschild: Gaußstraße. Oft muss ich dann ein bisschen lächeln, denn ich habe früher in der Weltraumtechnik gearbeitet und die statistischen Auswertungen mit den Formeln von Friedrich Gauß berechnet. Nun sehe ich den Namen des großen Mathematikers täglich vor mir. Ich empfinde dann eine große Dankbarkeit, dass ich mit meiner Frau Valentina und unserem Sohn Sergey – er ist 49 Jahre alt – nach Deutschland kommen durfte. Ein Glück, dass wir Moskau hinter uns gelassen haben. Hier geht es uns viel besser.
Montags spaziere ich mit meinem Sohn Sergey immer durch die Gaußstraße. Wir gehen zum Gemeindehaus, dort besuchen wir zusammen einen Deutschkurs. Beim Unterricht achte ich darauf, dass auch mein Sohn aufmerksam ist und nicht abschaltet. Manchmal berühre ich ihn, damit seine Gedanken bei der Sache bleiben. Er kann sich nur kurze Zeit konzentrieren, denn er hört Stimmen. Manchmal spricht eine Stimme zu ihm, und dann tut er das, was sie ihm befiehlt.
Das war nicht immer so. Früher war Sergey ein lebensfroher, talentierter, unkomplizierter Junge. Er hatte viele Freunde. Seine Lehrer sagten ihm eine große Zukunft voraus. Er fing an zu studieren – das Gleiche wie ich: Flugzeugbau. Doch eines Tages musste er zum Militär. Drei Monate war er dort – dann schickten sie ihn zurück. Er kam als ein anderer wieder. Irgendetwas muss vorgefallen sein bei der Armee. Was genau, haben meine Frau und ich nie erfahren.
Damals war Sergey 23 Jahre alt. Sein Studium konnte er gerade noch zu Ende bringen, danach arbeitete er in einem Unternehmen für leichtbehinderte Menschen. Er musste Geschäfte aufsuchen und Preise von Lebensmitteln vergleichen. Damit er halbwegs normal leben konnte, musste er viele Medikamente einnehmen. Sieben verschiedene Flaschen waren es. Die gaben ihm das Gefühl, richtig krank zu sein. Heute bekommt er nur noch ein Medikament, in dem alle notwendigen Wirkstoffe enthalten sind, die seine Krankheit zu 80 Prozent unterdrücken.
Mittlerweile geht es ihm gut. Wir haben uns vor einem Jahr dazu entschieden, dass er in eine betreute Wohneinrichtung kommen soll. Nun lebt er mit sieben anderen psychisch Kranken zusammen auf einer Etage in einem Wohnheim der Evangelischen Kirche. Er hat ein eigenes Zimmer, teilt sich aber mit den anderen die Küche. Vier Betreuer sind dort im Einsatz, mit denen er sich mittlerweile gut versteht. Alle müssen mithelfen, dass die Tische abgewischt sind und alles andere auch sauber ist. Die Betreuer achten auch immer darauf, dass er seine Medizin wirklich einnimmt. Zwei Betreuer auf einer anderen Etage sprechen sogar Russisch, so dass er weiß, im Notfall kann er sich dort Unterstützung holen, wenn ihm die deutschen Worte ausgehen. Leider kann er noch nicht gut Deutsch. Es wäre schön, wenn es Sprachkurse speziell für behinderte Menschen gäbe. Nun überlegen wir uns, selber einen Lehrer zu suchen.
Wenn Sergey uns besuchen kommt, spricht er immer mehr von seinen Mitbewohnern und den Betreuern. Wir merken ihm an, dass ihm die Einrichtung guttut. Zu unserer Entscheidung, ihn in ein Heim zu geben, haben uns auch die Mitarbeiter des Behinderten-Projekts der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland inspiriert. Auf deren Seminaren haben wir viel gelernt.
Wir werden älter: Ich bin 72 Jahre, meine Frau 74. Sergey muss sich sein eigenes Leben aufbauen. Wir schaffen es manchmal schon nicht mal mehr, ihn dazu zu bewegen, seine Medikamente einzunehmen – weil eine Stimme ihm etwas anderes sagt.
Eines Tages werden wir nicht mehr da sein. Und dann hat Sergey seine eigene Welt, nämlich die Einrichtung mit den ihm vertrauten Menschen. Traurig sind wir, denn wir hätten ihm ein anderes Leben gewünscht. Um diese Trauer zu beschreiben, fehlen mir die Worte. Sergey ist unser einziges Kind. Er wird alleinbleiben, er wird nie eine eigene Familie haben. Das tut mir so leid.
Wir haben keine Verwandten. Meine gesamte Familie ist im Holocaust gestorben. Ich habe überlebt, weil ich als Kind zufällig nach Weißrussland verschickt worden war. Deshalb bekomme ich heute eine kleine Holocaust-Opfer-Rente.
Nach dem Montags-Sprachkurs geht Sergey immer in die Bibliothek, um englische Bücher zu lesen. Die Sprache kann er gut. So gut, dass in seinem Bücherregal etliche englische Bücher stehen, die er alle gelesen hat. Mittlerweile läuft er von der Bibliothek aus zurück in sein Heim. Ich mache mich dann auf den Weg zum Einkaufen. Montags koche immer ich, weil der Sprachkurs meiner Frau später beginnt und sie zu wenig Zeit dafür hat. Am liebsten essen wir Gemüse, Kartoffeln und Geflügel. Und natürlich Borschtsch. Das russische Nationalgericht mögen wir sehr, aber die alte Heimat vermissen wir überhaupt nicht.
Mehr als fünf Jahre mussten wir auf unsere Ausreise warten. Und unsere Situation wurde immer schlimmer. Unsere Gehälter – meine Frau arbeitete auch in der Weltraumforschung – wurden immer unzuverlässiger bezahlt, manchmal mussten wir ein halbes Jahr darauf warten. Aber wir brauchten doch das Geld für Sergeys Medikamente. Bald waren unsere Ersparnisse aufgebraucht. Als wir dann endlich die Ausreiseerlaubnis hatten, waren wir froh und gingen mit leichtem Herzen. Mit nur zwei Koffern kamen wir vor vier Jahren in Deutschland an. Über Arbeitsplätze machten wir uns keine Illusionen – wir wussten, dass wir keine mehr finden würden. In Potsdam haben wir Gutscheine bekommen für Möbel aus zweiter Hand. Und wieder hatten wir Glück: Wir fanden schöne, kaum gebrauchte Möbel.
Dienstags gehe ich oft in die Sprechstunde des Sozialamts. Meine Frau soll zur Kur fahren, sagt der Arzt. Wir müssen aber erst sehen, wer das bezahlt. Valentina bekommt manchmal taube Beine, kein Arzt hat bisher die Ursache dafür gefunden. Wenn wir spazieren gehen, hakt sie sich oft bei mir ein. Das ist auch ein Grund, weshalb ich häufig mit einkaufen gehe.
Im Supermarkt haben wir unsere Freunde kennengelernt. Ich rief durch die Halle nach meiner Frau. Aber es kam jemand anderes. Die Frau heißt ebenfalls Valentina, sie ist Anfang 60 und stammt auch aus Russland. Sie und ihr Mann sind unsere besten Freunde geworden. Auch im ersten Deutschkurs haben wir Freunde gefunden, noch heute unternehmen wir viel gemeinsam. Vor Kurzem waren wir zusammen im Harz.
Meistens ist auch unser Sohn mit dabei. Die Freunde gehen unglaublich nett auf unseren Sergey zu. Sie behandeln ihn ganz normal – so wie wir es uns wünschen. Jeden Samstag kommt Sergey aus dem Heim zu uns und bleibt bis Montag früh – bis wir zum Sprachkurs gehen. Weil Sergey noch ein Zimmer bei uns hat, dürfen wir in unserer Drei-Zimmer-Wohnung bleiben.
Donnerstags besuche ich ihn meistens im Heim. Ich staune, wie erwachsen er geworden ist. Vielleicht haben wir ihn früher zu stark kontrolliert. Jetzt kann er selber entscheiden, was er essen mag – und hat auch etwas zugenommen. Das fällt mir manchmal schwer zu akzeptieren. Von seinem Heim aus gehe ich meistens zufrieden wieder in Richtung Gaußstraße: Dann denke ich, wir haben aus unserer Situation das Beste gemacht.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

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