Roman

Entführung aus dem Paradies

Marie verstand, daß Juden nicht getauft waren und deshalb nicht in den Himmel kommen konnten. Dies betrübte das Kindermädchen manchmal, denn trotz des abfälligen Geredes über ihre Herrschaft war sie gern in deren Dienst. Sie bewunderte die vornehme Kleidung der resoluten Mirjam und war voll Ehrfurcht vor dem Hausherrn, der am Hof des Markgrafen arbeitete.
Von zu Hause an Kinder gewöhnt, war Marie sofort gut zurechtgekommen mit der kleinen Hanna, für die sie angestellt war. Nie war dem Dorfmädchen etwas zu viel. Sie vergötterte Hanna, die alle im Haus mit ihrem zarten Lachen bezauberte. Miri war froh, daß sie sich auf Marie verlassen und ihr den Säugling anvertrauen konnte, denn sie erholte sich nur langsam von der schweren Geburt.
Es war am ersten Abend des Chanukka-Festes, die Löws zündeten zusammen mit Freunden aus der Stadt fröhlich die erste Kerze an, aßen Lattkes und spielten mit dem Dreidel, da bemerkte Miri, daß Hanna ungewöhnlich weinerlich war. Das Kind fieberte, Marie rief sofort Jakob, den alten Diener, zu Hilfe. Mirjam ließ rasch den Leibarzt des Markgrafen ans Bett des kleinen Mädchens kommen. Der untersuchte Hanna. In diesem Alter bekommen kleine Kinder ihre ersten Zähne, beruhigte er die Mame. Bei manchen Kleinen löse dies nicht nur Schmerzen, sondern auch Fieber aus. Miri solle sich keine Sorgen machen. Der Arzt meinte, Hanna brauche Ruhe und Schlaf, er verabreichte ihr ein Fiebermittel und blieb an ihrem Bett, bis sie ein-
geschlafen war. Zu Marie sagte er, sie solle sofort nach ihm rufen, für den Fall, daß es Hanna schlechter gehe, auch in der Nacht. Marie legte sich auf die Matratze neben der Wiege des Kindes. Als sie aufwachte, war der Tag gerade angebrochen. Sie beugte sich über den Säugling, erschrak heftig, als sie dessen Blässe sah. Es schien Marie, als ob Hanna kaum atmete, gleichzeitig fühlte sich das kleine Herz an, als ob es viel zu schnell schlug. Marie hielt den Atem an. Das arme, liebe Kind! Wenn es nun sterben sollte, würde die Hölle auf das unschuldige Wesen warten. Ein schrecklicher Gedanke.
Marie nahm ihren Umhang, ohne den sie nie aus dem Haus ging, schlüpfte in die Schuhe, die sie ebenfalls nur beim Betreten der Straße trug, und rannte so schnell sie konnte zur Kirche am Marktplatz. Dort fiel sie vor dem Kreuz schluchzend auf die Knie, bevor sie aus einem Becken eine halbe Tasse Wasser schöpfte, erneut ein Kreuz schlug und zurück zum Haus der Löws eilte. Hier tröpfelte sie etwas Wasser auf Hannas Stirn, wie sie es bei Taufen gesehen hatte, hauchte einen halben Satz wie »Getauft im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes« und war froh, daß das Kind weiterschlief. Sie sank auf die Knie und betete inbrünstig zur Heiligen Jungfrau, daß diese das Kind schützen möge.
Zur Erleichterung der gesamten Familie erholte sich das Kind rasch, und nach wenigen Tagen schien es, als ob ihr nie etwas gefehlt habe. Ihre dunklen Augen erkannten langsam die Menschen ihrer Umgebung wieder, sie lächelte immer mehr und weinte kaum noch. Marie schenkte der Heiligen Mutter bei ihrem nächsten Kirchenbesuch im Heimatdorf eine Kerze, gleich nachdem sie ihre Beichte abgelegt hatte.
Hanna wurde der Familie eine Freude. Dabei war die Freundschaft zwischen der Kleinen und ihrer Bobe Judith nicht zu übertreffen. Wenn Hanna verschwunden war, suchte Marie die Kleine zuerst in den Erdgeschoßgemächern, in denen die alte Frau Löw wohnte. Hanna war wißbegierig und Judith glücklich, daß sie auch in ihren letzten Lebensjahren eine große Aufgabe hatte. »Mein letzter Sonnenstrahl«, nannte sie die kleine Enkelin.
Im Dezember 1703, um das Chanukka-Fest, genau drei Jahre nach Hannas Erkrankung, kam der Jesuitenpater Pius auf einer Pilgerreise durch Ralensburg, nachdem er vor dem Schrein eines Heiligen in Walberg gebetet hatte. Er übernachtete beim Ralensburger Pfarrer, und beim Abendessen sprach man auch über die Hofjuden-Familie. Der Ortspfarrer erwähnte, daß Marie ihm in einer Beichte anvertraut habe, daß sie ein Kind der Familie getauft hätte. Er, der Pfarrer, habe es aber nicht ernst genommen. Der hochgewachsene Pater, dessen langes, schmales Gesicht mit der straff gezogenen Haut und den tief liegenden Augen an einen Totenschädel erinnerte, brauste erzürnt auf. Wie konnte der Pfarrer dies als nebensächlich abtun! Wie konnte er zulassen, daß nichts geschah! Das getaufte Kind müsse sofort aus dem Haus der Jesusmörder geholt werden! Die Tat der Magd ehre die Kirche! Der Pfarrer erschrak, murmelte, der Markgraf schätze seinen Hofjuden sehr und würde es bestimmt nicht gern sehen, wenn man ihm ein Kind wegnähme. Der Einwand war Wasser auf des Paters Mühle, er wetterte gegen den protestantischen Markgrafen, einen Abtrünnigen, der sich vor seinem Richter einst schwer zu verantworten hätte.
Noch in derselben Nacht traf der Pater in Bamberg ein und erhielt eine Audienz beim Dompropst. Dieser lag seit einiger Zeit mit dem Markgrafen im Streit über einen Landstrich in der Gegend, die Sache war noch nicht vor Gericht verhandelt worden. Es kam ihm gelegen, seine Macht gegenüber dem Kontrahenten auszuspielen.
Zwei Tage später entsandte er sechs seiner Bewaffneten mit Pater Markus nach Ralensburg zum Haus des Hofjuden. Kaum hatte Jakob, der alte Diener, die Tür geöffnet, stürmte Pater Pius durch das Haus die Treppen hinauf, hinter ihm die Männer des Dompropsts. Noch ehe jemand verstand, worum es ging, hatte der Pater bereits das Kind oben in Maries Zimmer gefunden.
Marie schrie um Hilfe, als der Pater eintrat und ihr das Kind entriß. Mirjam, vom Lärm aufgeschreckt, rannte die Treppen hinunter. Der Pater, gefolgt von seinen Männern und der schreienden Marie, hatte bereits die unterste Stufe erreicht. Da trat Judith ins Haus, sie hatte im kleinen Garten gesessen und wußte nicht, worum es ging. Als sie ihr geliebtes Enkelkind im Arm eines Priesters zappeln sah, schrie sie den Geistlichen gebieterisch an: »Stehen bleiben! Was wollen Sie mit dem Kind?«
Hanna versuchte, sich zu befreien, sie brüllte und trat mit den Füßen nach dem Pater. Der befahl einem der Männer, das Kind zur Kutsche zu bringen. Außer sich vor Wut griff Judith den Priester an. Einer der Männer versetzte ihr einen heftigen Schlag auf den Hinterkopf. Die alte Frau fiel zu Boden und blieb bewußtlos liegen. Mirjam und Jakob hoben sie auf und trugen sie in ihr Wohnzimmer im Erdgeschoß. An Marie dachte in diesem Augenblick niemand.
Jonathan war unterwegs gewesen. Als er zurückkehrte und hörte, was vorgefallen war, war es zu spät. Der Pater hatte mit seinem Gefolge den Weg nach Bamberg eingeschlagen, war inzwischen dort eingetroffen und hatte das Kind den Schwestern des Ordens Unserer Lieben Frau übergeben, die sich um Arme kümmerten. Hanna Löw war in die Obhut der Kirche geraten, die nicht bereit war, das Mädchen wieder herauszugeben. Die Entführung war gelungen.
Erst am folgenden Tag erfuhr die Familie, daß die Kirche behauptete, das Kind gehöre ihr, da die Magd es vor drei Jahren getauft hatte in der Annahme, es müsse sterben. Fast gleichzeitig kam eine andere Nachricht: die von Maries furchtbarem Tod. Das Kindermädchen war dem Pater nachgestürzt, hatte gesehen, wie er mit einem seiner Männer in eine wartende Kutsche stieg. Zwei Wachen ritten neben dem Wagen her. Marie rannte verzweifelt zum Pfarrer. Der erklärte ihr, daß ihre Taufe nun von der Kirche gewürdigt worden sei. Sie schrie auf, rannte aus dem Haus und nahm einen anderen Weg. Der führte zu einem engen Pfad hinunter zum Fluß. Sie lief ins Wasser, bis es ihr bis zum Hals reichte. Dann ging sie noch einen Schritt weiter, die Wogen schlugen über ihrem Kopf zusammen, sie kam noch einmal an die Oberfläche, dann war ihr Schicksal besiegelt.
Die Kirche verurteilte Marie wegen ihres Selbstmords. Das Kindermädchen konnte nicht auf dem Friedhof begraben werden, sondern wurde an der Mauer verscharrt. Trotzdem lag einige Tage nach ihrem Tod ein kleiner Blumenstrauß an dem Ort. Mirjam Löw, die verstand, daß Marie weder Hanna noch der Familie Leid zufügen wollte, hatte sich zum christlichen Friedhof geschlichen, wo ein Gärtner sie schroff ansprach, ihr aber trotzdem den Weg zu Maries letzter Ruhestätte wies. Als sie vor dem Grab stand und weinend Blumen niederlegte, wurde sie von jemandem angesprochen. Erschrocken drehte sie sich um. Es war der alte Ralensburger Pfarrer. Offensichtlich hatte der Gärtner ihn gerufen. »Sie haben das Kind zu den Schwestern nach Bamberg gebracht«, flüsterte er. Die traurigen Augen des alten Mannes zeigten Mirjam, daß auch er es nicht guthieß. Er verabschiedete sich von Mirjam mit den Worten: »Alles liegt in Seiner Hand, bei Ihm allein findet man Trost.«
Mirjams Kummer um ihr entführtes Kind war groß. Zwei Tage später reiste sie nach Bamberg. Ihr alter Diener Jakob, der sie begleitete, erkundigte sich nach dem Haus der Ordensschwestern. Mirjam ging nicht zur Pforte, es wäre nutzlos und wahrscheinlich gefährlich gewesen. Langsam schritt sie um die hohe Mauer, in der Hoffnung, irgendwo einen Ort zu finden, der ihr einen Blick in den Hof erlaubte. Doch alle Türen waren verriegelt, und hinter den Fenstern bewegte sich nichts. Zuletzt bat sie Jakob, mit ihr einen Hügel zu besteigen, der hinter dem Gebäude lag. Mirjams Herz klopfte vor Aufregung. Oben angekommen, konnte sie in den Hinterhof des Ordens blicken. Gebannt schaute Mirjam auf das Haus: Zweimal gingen Frauen in Ordenstracht über den Hof. Doch sie sah keine Kinder, obwohl man ihr gesagt hatte, daß sich eine Mädchenschule im Kloster befand. Jakob, der die Straße beobachtet hatte, trat an Mirjam heran und flüsterte, in einem der kleinen Häuser habe sich bereits ein Fenster geöffnet. Mirjam nickte und folgte Jakob zurück zum Marktplatz. Dort kaufte sie einige Dinge, als ob das der Zweck der Reise gewesen sei und versprach sich, bald wiederzukommen. Sie wollte ihr Kind sehen.
Als drei Wochen später Menachem zu Hause eintraf, wurde er sofort in den Strudel der Aufregung über die Entführung seiner kleinen Schwester gerissen. Wie alle in der Familie verspürte auch er Trauer und ohnmächtigen Schmerz über Hannas Raub. Er überlegte nicht lange, was er tun könnte, sondern fuhr nach Fürth, um sich dort Rat und Hilfe zu holen. Hatte er nicht gute Freunde in der Stadt aus der Zeit im Hekdesch? Doch er kehrte enttäuscht zurück. Der Parnes Elsässer konnte nichts in Bamberg erreichen, er wurde nicht einmal zum Dompropst vorgelassen. Und der Besuch bei einem der Ratsherren, der von Menachem und Ben Gideon vor Jahren erfolgreich von einer schweren Krankheit geheilt worden war, brachte auch keinen Erfolg.
Der Ratsherr war Protestant. Er hatte von der Entführung des Judenkindes gehört. Mit düsterer Miene empfing er Menachem. »Ich kann nichts tun«, sagte er, »das muß er verstehen.« Menachem sagte: »Der hohe Herr kennt keinen Amtsträger in der anderen Kirche? Sind einige der Ratsherren nicht Katholiken, deren Wort schwer wiegen könnte?« »Die Kirche konvertiert seit langem. Das Kind ist getauft, der Pater hat nur seine Pflicht getan, so wie er sie sieht.«
Menachem war empört. Er hatte nicht erwartet, daß ein protestantischer Ratsherr sich auf die Seite der katholischen Kirche stellen würde. Hätte ein protestantischer Geistlicher ähnlich gehandelt? Der Ratsherr fügte hinzu: »Ich verstehe, dies ist hart für die Familie. Nur der Dompropst könnte etwas erreichen. Aber ich habe keinen direkten Zugang zu ihm, noch weniger zu seinen Vorgesetzten. Meine Hände sind gebunden.« Der Ratsherr verabschiedete den Arzt kühl. Menachem hatte das Gefühl, daß dies sein letzter Besuch in Fürth sei.
Hanna war den Händen der Kirche nicht mehr zu entreißen. Die Proteste des Markgrafen blieben so erfolglos wie die seines Hofjuden. Im Gegenteil. Je mehr der Markgraf auf sein Recht pochte, desto ablehnender antwortete der Dompropst. Seine Pflicht sei es, sich um das Seelenheil der Menschen zu kümmern, und genau das tue er in dem Fall des getauften Mädchens. Der Markgraf hatte da nicht mitzureden.
Alle im Haus trauerten tief um Hanna. Für Mirjam Löw war die Trauer nie beendet. Die Frau des Hofjuden verlor ihre Lebenslust, ihr üppiges Haar ergraute vor seiner Zeit. Und obwohl Mirjam es verstand, anderen, vor allem Jonathan, ihren Kummer nicht ständig vor Augen zu halten, konnte sie den Verlust ihrer Tochter doch nie überwinden.

ruth weiss: die nottaufe. roman
Mosse Berlin 2006, 187 S., 12.90 Euro

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