folter

Enfants terribles

von Tilman Vogt

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. In Bagneux, derselben Pariser Vorstadt, in der vor zwei Jahren Ilan Halimi bestialisch ermordet wurde, ist am 22. Februar erneut ein jüdischer junger Mann Opfer einer Gruppe Gleichaltriger geworden, die ihn neun Stunden lang folterten. Der Misshandelte überlebte die Tat, bei der auch diesmal Antisemitismus eine Rolle gespielt hat.
Wie diese Rolle genau zu definieren ist, bleibt allerdings umstritten: Während Halimi 2006 gezielt von einer Frau in eine Wohnung gelockt worden war und dort von einer selbst betitelten »Bande der Barbaren« zwei Monate lang zu Tode gefoltert wurde, weil er Jude war, kannte der 19‐Jährige Mathieu R. seine Peiniger und machte mit ihnen Drogen‐ und Hehlereigeschäfte.
Nachdem er einem seiner »Geschäftspartner« am Morgen freiwillig ins Appartement von dessen Eltern gefolgt war, wurde er beschuldigt, Cannabis, ein Handy und eine Videokamera gestohlen zu haben. Als er die Vorwürfe abstritt, fesselten ihn die sechs Jugendlichen im Alter von 17 bis 25 im Keller an einen Heizkörper, schlugen und traten auf ihn ein, zwangen ihn, Zigarettenstummel und Alkohol zu schlucken. Sie schrieben zuerst »Saujude« auf seine Stirn und dann »Schwuchtel«. Um ihn weiter zu ängstigen, erklärten sie, dass sie ebenfalls zur »Bande der Barbaren« gehören. Am Abend ließen sie ihn jedoch frei, und er kam mit nur leichten Verletzungen davon. Mathieu und seine Familie, die sich nun überlegt aus Bagneux wegzuziehen, stehen immer noch unter Schock.
Inzwischen ist eine Diskussion darüber entbrannt, inwieweit dieses Verbrechen antisemitisch war. Patrick Gaubert, Europaabgeordneter und Präsident der Antidiskriminierungsorganisation LICRA, warnt davor, die judenfeindliche Motivation der Täter zu unterschlagen. Man dürfe das Verbrechen nicht als aus dem Ruder gelaufene Strafaktion in der Schattenökonomie betrachten. »Der einzige Unterschied zum Fall Halimi ist, dass das Opfer dieses Mal am Ende nicht gestorben ist«, betont Gaubert. Tatsächlich entspricht gerade die Kombination von Antisemitismus und Homophobie dem bekannten Stereotyp der sexuellen »Entartung« von Juden.
Andererseits lebt die Familie des Opfers säkular, und Mathieu selbst betrachtete sich nie als jüdisch, sodass dieser Familienhintergrund unter den Jugendlichen höchstwahrscheinlich gar nicht bekannt war. So schätzt auch Emmanuel Weintraub, Vorstandsmitglied des Dachverbandes der französischen Juden CRIF und Präsident der französischen Sektion des jüdischen Weltkongresses, den neuerlichen Gewaltexzess grundlegend anders ein als den Fall Halimi: »Das ist ein völlig unterschiedliches Verbrechen als vor zwei Jahren, ich würde nicht sagen, dass es mit Antisemitismus anfing, das kam später.«
Auch wenn Weintraub damit recht haben sollte und »Jude« sowie »Schwuler« in diesem Fall »nur« beliebige Alltagsschimpf‐ worte waren, zeigt sich daran, wie prekär das Klima in der französischen Gesellschaft ist. Auch wenn die 2007 erfassten antisemitischen Vorfälle im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent zurückgegangen sind, klagt der CRIF, dass der Antisemitismus in dieser Generation zu einer Art kulturellem Hintergrund geworden ist. Die Bedrohung sei zwar längst nicht mehr so präsent wie vor fünf Jahren, trotzdem herrsche prinzipiell eine »gespannte Atmosphäre«, so Weintraub. Beispielsweise würden jüdische Kinder auf dem Weg zur Schule oftmals von ihren großen Brüdern begleitet, um sie vor Übergriffen zu schützen.
Darüber hinaus weist Weintraub auf den großen Unterschied zwischen der Innenstadt und der Banlieue, den Vorstädten, hin, in denen immerhin 30 Prozent der jüdischen Bevölkerung Frankreichs leben. Zu den Trabantenstädten, in denen sich im Herbst 2005 bürgerkriegsähnliche Zustände zwischen der Polizei und den Jugendlichen abspielten und zu denen auch Bagneux gehört, herrscht häufig eine katas‐ trophale soziale Situation, in der Antisemitismus besonderen Anklang findet. Zwar sollte man sich hüten, die antijüdischen Exzesse sofort relativierend mit der Entschuldigung durch Armut und Elend zu übertünchen, trotzdem gedeiht in den von der Regierung mehr oder weniger aufgegebenen Hochhaussiedlungen eine Alltagsbrutalität, die sich eine Form sucht – sei es Antisemitismus, Sexismus oder Homophobie –, um zu explodieren.
Einen weiteren Baustein der Bedrohung in den Banlieues, so Emmanuel Weintraub, bilde die Judenfeindschaft der maghrebinischen Communities, die sich in Folge der misslungenen Integration von »den Franzosen« abgrenzten und ihre Diskriminierungserfahrungen ein Stück weit kultivierten.
Dass sich die Wut der sozial Ausgeschlossenen, wie im Fall Mathieu R., gegen ihresgleichen richtet, ist vor allem auch eine Folge davon, dass die Solidarkultur der Arbeiterbewegung in den Vorstädten zerfällt, die sich früher gegen die gegenseitige Konkurrenz und Gewalt richtete. Daher rührt für Mathieu R. auch der große Schock und das völlige Unverständnis, wie er Patrick Gaubert schilderte: »Wir sind Kumpels und leben alle in der gleichen Scheiße«, habe ihm der jüdische Jugendliche in einem Telefonat gesagt.
Heute weicht die Kritik an dem sozialen Elend immer öfter einem pseudointellektuellen Halbwissen, das sich als diffuse Kritik an den Staatseliten und vorrangig auch als Antisemitismus darstellt. Für Emmanuel Weintraub ist der soziale Organismus erkrankt, was die Juden als Erstes zu spüren bekommen: »Mit den Banlieues sitzen wir auf einem Vulkan.«

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