Rumänien

Ejnhejmisch

von Laura Capatana Juller

Die jüdische Gemeinde in Rumänien hat seit einigen Monaten einen neuen Rabbiner. Der 29-jährige Shlomo Sorin Rosen ist der fünfte Rabbiner für die rund 10.000 Juden im Land und der Einzige unter ihnen, der aus Rumänien stammt.
Rosen ist jung, kennt die Sorgen und Bedürfnisse der Gemeinden und spricht die Sprache der Jugendlichen. »Das ist sein größter Vorteil«, sagt Liviu Goldenberg aus Botosani in der rumänischen Provinz Moldau. Der 19-jährige Schüler kennt den Rabbiner schon lange, sie haben gemeinsam an Machanot teilgenommen, Goldenberg hat Rosen in verschiedenen Vorlesungen und Workshops erlebt, in denen der heutige Rabbiner über jüdische Kultur und Religion sprach.
An einem kalten Herbsttag Anfang Dezember ist Rabbiner Sorin Rosen in Botosani. Nur wenige Stunden verweilt er hier, denn er wird auch in anderen Orten erwartet. Wie seine Vorgänger besucht er zu Chanukka Gemeinden im ganzen Land. Für viele Mitglieder ist es das einzige Mal im Jahr, dass sie einen Rabbiner sehen. Doch auch wenn Rosen kaum Zeit für Liviu hat, weiß der Schüler, dass er bei seinem Freund wenigstens via Internet immer Rat findet.
Dass Shlomo Sorin Rosen einmal Rabbiner werden würde, war ihm nicht in die Wiege gelegt. Im Elternhaus wurde kaum über Religion gesprochen. Der Junge sollte den Glauben selber entdecken, entschieden die Eltern. »Mit 16 habe ich den Weg zum Judentum gefunden, als ich einmal auf dem jüdischen Friedhof war«, sagt Rosen. »Ich musste etwas für mein Judentum tun, ich musste Jude werden.« Er entschied sich aktiv, die Religion seines Vaters zu übernehmen. Seine Mutter – sie ist Christin, rumänisch-orthodox – unterstützt ihn auf seinem Weg. Als Autodidakt in Sachen Ju- dentum ist Rosen in die jüdische Gemeinde Bukarest hineingewachsen.
»Ich habe Sorin gewählt, weil ich gewusst habe, er ist der Richtige«, sagt Rumäniens Oberrabiner Menahem Hacohen, über den früheren Polytechnik-Absolventen, der sich in New York an der Yeshivat Chovevei Torah zum Rabbiner ausbilden ließ. Sorin ist »eine große Hoffnung für die rumänischen Juden, denn er kann die Gemeinde wiederbeleben und die Kluft zwischen den Generationen entfernen«, so Hacohen. »Sorin redet wenig, sagt viel und macht sich gut verständlich«, lobt Aurel Vainer, der Präsident der Föderation der Jüdischen Gemeinden in Rumänien (FJGR), den jungen Rabbiner.
Auch wenn Rosen nicht traditionell ist, so wie man es hierzulande gewohnt ist, freuen sich die meisten, dass sie mit ihm Rumänisch reden können. Bisher war bei Gesprächen mit dem Rabbiner immer ein Übersetzer nötig, weil Sorins Vorgänger die Landessprache nicht beherrschten.
Einen in Rumänien geborenen Mann als Rabbiner einzustellen, ist eine Premiere nach der politischen Wende. Seit damals kamen Rabbiner aus Israel und pendelten zwischen beiden Ländern. Vainer spricht von einem Wunder. »Ein einheimischer Rabbi, der hier lebt, unsere Sprache spricht und obendrein auch noch jung ist – das ist ein Wunder.«
Es sei nicht leicht, sich mit 29 und ohne viel Erfahrung als Rabbiner durchzusetzen, sagt Rosen. »Aber ich merke, es gibt ein großes Potenzial hier, und ich werde darauf aufbauen, um die Gemeinde zu kräftigen.« Die Jugendlichen in das religiöse Leben mit einzubeziehen, ist für ihn eine der vorrangingsten Aufgaben. Er wünscht sich Vorlesungen und Gemeinschaftsabende, die die Beziehungen zwischen allen Altersgruppen verstärken.
Seit einigen Wochen macht sich Rosen mit den Problemen der Gemeinden vertraut. Dabei stößt er auch auf heikle Themen. So muss er sich mit einem Problem auseinandersetzen, das seit einigen Wochen auch internationale Medien behandeln und das sich inzwischen zu einem Skandal entwickelt hat: dem Verkauf von Teilen jüdischer Friedhöfe.
Israelische, rumänische und amerikanische Zeitungen haben in den vergangenen Wochen Informationen veröffentlicht, nach denen die FJGR jüdische Begräbnisplätze verkauft habe. Der Vorsitzende der Föderation, Aurel Vainer, sowie Rumäniens Oberrabbiner Menahem Hacohen bestreiten die Anschuldigungen des Leiters des Verbands der Rumänisch-Amerikanischen Juden in New York, David Kahan, und des Leiters der Atra Kadisha aus Israel, Eli Kaufman, die beide aus Rumänen stammen.
Tatsächlich hat die Föderation Grundstücke aus ihrem Besitz verkauft. »Es handelt sich aber um Flächen, auf denen keine Gräber liegen«, betont Shlomo Sorin Rosen. Dokumente der Föderation zeigen jedoch, dass es nicht auf jedem Friedhof eine genaue Abgrenzung der Flächen gibt, was die Übersicht zwischen freiem und benutztem Grund erschwert. Grabsteine kann man zur Orientierung nicht heranziehen, da diese in vielen Fällen verschwunden sind. Somit richtet sich die FJGR nach eigenen Dokumenten und nach Informationen der Lokalbehörden.
Zwischen 2001 und 2005 verkauften die jüdischen Gemeinden in Focsani, Husi (Region Moldau) und Beclean (Region Siebenbürgen) Grundstücke, die vor dem Zweiten Weltkrieg gekauft wurden und als Friedhöfe dienen sollten. Damals lebten in Rumänien rund 800.000 Juden. Nach dem Holocaust sank die Zahl drastisch – heute zählt die jüdische Gemeinde Rumäniens um die 10.000 Mitglieder. Die vor Jahrzehnten gekauften Flächen wurden weder genutzt, noch werden sie gebraucht. Die FJGR betrachtet diese leer stehenden Flächen daher nicht mehr als Friedhof, sondern als an ihn angrenzenden Grund. Als Ruhestätte gelten nur diejenigen Bereiche, auf denen sich Gräber befinden.
»Auf vielen Friedhöfen stehen große Flächen leer«, sagt Rosen, »in manchen Orten grenzt ein Zaun sie von der Fläche ab, auf der sich Gräber befinden.« Nur die leeren Flächenstücke seien verkauft worden und auch nur nach Einwilligung der Föderation und des Oberrabiners. »Es ist ein finanzieller Aspekt: Das Geld, das wir durch den Verkauf der leeren Grundstücke bekommen werden, soll zum Sanieren und Erhalten der 809 Friedhöfe und 94 Synagogen im Land verwendet werden«, erklärt Rosen. Etwa 20 Millionen Euro wären dafür jedes Jahr nötig, meint Tiberiu Benedek, Leiter der Abteilung Güter und Patrimonium der FJGR. Fast die Hälfte der Synagogen steht leer, mehr als 75 Prozent der Friedhöfe liegen in Ortschaften, in denen keine Juden mehr leben. Viele der Begräbnisplätze seien in sehr schlechtem Zustand.
Wegen der Anschuldigungen aus den Medien plant die Föderation, alle Friedhöfe, auf denen es Freiflächen gibt, die verkauft werden sollen, professionell zu scannen. »Erst wenn wir den Beweis haben, dass dort keine Vorfahren begraben sind, werden wir die am Friedhof anliegenden Grundstücke verkaufen«, sagt Benedek.
Seit Jahren schon vermietet die Föderation unbenutzte Friedhofsflächen an Grundstücksnachbarn oder andere Menschen vor Ort, die auf die Friedhöfe achtgeben und für den eigenen Gebrauch Gemüse anbauen dürfen. Die Föderation versichert, es gebe überall einen Mindestabstand zu den Gräbern von drei Metern. »Wenn niemand da ist, der aufpasst, geht der Ort zugrunde«, erklärt Rosen, »also sind uns diese Menschen eine Hilfe.«
Rosens Vertrag mit der Gemeinde gilt vorläufig für fünf Jahre, dann will er sich gemeinsam mit seiner Frau entscheiden, ob sie mit ihren beiden Kindern im Land bleiben oder auswandern. Der Beschluss hänge vor allem von der Entwicklung der Gemeinde ab, sagt Rosen. Menahem Hacohen (75) will gern bald in Rente gehen, doch zuvor möchte er weitere Rabbiner für Rumänien ausbilden lassen. Denn nach seiner Pensionierung wäre Sorin Rosen der einzige Rabbiner der Föderation. Weitere drei Rabbiner hat Chabad in den vergangenen Jahren nach Rumänien geschickt, ein vierter soll in den nächsten Wochen hinzukommen und in die Region Moldau gehen.
»Hätten wir noch fünf, die so idealistisch und engagiert wie Sorin an die Zukunft jüdischen Lebens hierzulande glauben, wäre die Existenz der Gemeinde in Rumänien für sehr lange Zeit gesichert«, meint Hacohen.

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