Visa

Einreise unerwünscht

von Eva Schweitzer

Otto Frank, der Vater von Anne Frank, hat sich vergeblich bemüht, ein Visum für die USA zu bekommen. Das wurde erst jetzt durch einen Zufallsfund bekannt. Otto Franks Briefe lagen mehr als 30 Jahre lang in einem Archiv des „YIVO Institute for Jewish Research“ in New Jersey, das sie 1974 von der „Hebrew Immigrant Aid Society“ übernommen hatte. Als eine Helferin Kartons sortierte, stieß sie auf einen mit der Aufschrift „Anne and Margot Frank“.
Der erste Brief, den Otto Frank schrieb, datiert vom 30. April 1941. Er sandte ihn an seinen Studienkollegen Nathan Straus Jr. Straus war Erbe der Kaufhauskette Macys und Direktor des Wohnungsministeriums. Um ein Visum beantragen zu können, mussten potenzielle Immigranten eine Bürgschaft über 5.000 Dollar nachweisen, und Straus, so schrieb Frank, sei der Einzige, den er darum bitten könne. „Vielleicht erinnerst du dich, dass wir zwei Mädchen haben, tue es für die Kinder!“
Ob Straus die Bürgschaft stellte, ist nicht bekannt, aber womöglich reichte das nicht. Denn die US‐Konsulate, die dem antisemitisch gefärbten Außenministerium unter Cordell Hull und Breckinridge Long unterstanden, verlangten Einkommensnachweise, Gesundheitszeugnisse, den Nachweis einer Arbeitsstelle und dass die Immigration im Interesse der USA sei, und sie forderten von Verwandten, dass diese für den Unterhalt aufkommen müssen. Ferner wollten sie Belege, dass der Einreisewillige kein Spion und kein Kommunist oder Regimegegner sei.
In den ersten beiden Jahren des Zweiten Weltkriegs waren die USA zwar noch neutral, aber sie fürchteten, dass Juden durch die Nazis erpressbar seien, wenn Familie zurückbliebe. Nach einer Umfrage des Magazins Fortune vom Sommer 1939 wollten zudem 83 Prozent der Amerikaner (und 25 Prozent der amerikanischen Juden) die Grenzen für jüdische Flüchtlinge dicht machen. Selbst dem „Kindertransport“ verweigerten sie sich. Ab dem Sommer 1941 gab es für deutsch‐jüdische Immigranten gar keine Visa mehr, da sie als Spione galten.
So wurden auch die Franks abgelehnt. Nun bemühte sich Otto Frank um ein Visum für Kuba, das de facto eine amerikanische Kolonie war. Am 1. Dezember wurde das Papier tatsächlich erteilt, nach Pearl Harbor aber erklärte Kuba alle Visa für Deutsche für ungültig. Im Sommer 1942 flohen die Franks nach Amsterdam. Dort versteckten sie sich zwei Jahre, bis sie an die Gestapo verraten wurden. Anne Frank, Margot und ihre Mutter Edith starben in Bergen‐Belsen. Von Anne Franks weltberühmtem Tagebuch wurden rund 75 Millionen Exemplare verkauft. Hollywood machte daraus zwei Filme und mehr als ein dutzend Fernsehstücke. Ottos Schwager Julius Hollander versuchte 1946, Frank in die USA zu holen, aber der lehnte ab.
Der Fund löste in den USA Betroffenheit und Beschämung aus. So schrieb Daniel Mendelsohn, ein ukrainisch‐jüdischer Schriftsteller, in der New York Times, auch er habe Briefe seines Großvaters entdeckt, der von dessen Bruder in der Ukraine verzweifelt um Hilfe angefleht wurde. „Mein Großvater hat die Korrespondenz nie erwähnt, und das war für uns ein Beleg der zerschmetternden Schuld, die er fühlte.“ Letztlich gelangten während der zwölf Jahre Nazi‐Herrschaft nur rund 163.000 europäische Juden in die USA.

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