Schabbat

Einfach mal abschalten

von Detlef David Kauschke

Rabbiner Tuvia Hod-Hochwald ist der Prototyp des Managers, den die Autorin Miriam Meckel in ihrem kürzlich erschienenen Bestseller Das Glück der Unerreichbarkeit als »Globalen Pendler« beschreibt: »Diese neue und sehr spezielle Spezies der Wissensarbeiter ist nirgends sesshaft und verbringt einen wesentlichen Teil des eigenen Lebens damit, unterwegs zu sein oder auf das erneute Unterwegssein zu warten.« Tuvia Hod-Hochwald ist ein Mitglied der, wie es Meckel nennt, »mobilen vernetzten Gesellschaft«. Der 58-jährige Rabbiner ist Rabbiner in Bad Kissingen, betreut zu-
gleich die kleinen Gemeinden in Kaiserslautern, Speyer und Trier. Er ist Kaschrut-Experte der ORD, der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands, und in dieser Funktion ständig auf Achse. In der vergangenen Woche war er unter anderem in München, Chemnitz, Düsseldorf, Hamburg, Wien und Paris. In der Woche zuvor in Peking, Schanghai und Tokio. Er lebt entweder in Bad Kissingen oder Antwerpen. In dieser Woche ist er dann auch mal zu Hause – in Israel. Ansonsten hält er mit seiner Frau Handykontakt. »Und mit meinen Töchtern stehe ich meist über SMS in Verbindung.« Tuvia Hod-Hochwald hat drei Handys, die er wochentags nie ausschaltet. »Eines davon ist ein Nokia Communicator, mit dem ich auch E-Mails und Faxe empfange und versende«, erzählt er in einem Telefonat über seine Freisprechanlage, während er im Auto unterwegs ist. »Das Auto ist mein Büro. Hier erledige ich zwischen den Terminen meine ganze Arbeit.« Um möglichst schnell und auf dem kürzesten Weg seine Ziele zu erreichen, hat Hod-Hochwald gleich zwei Navigatorgeräte an Bord.
Ständiger Stress. Fortwährendes Bimmeln und Piepsen. Dauernde Erreichbarkeit. Sofortiges Reagieren auf Handyanrufe, Mails, Faxe oder SMS-Mitteilungen ist erwünscht. »Das ist schon nicht mehr normal,« meint der Rabbiner. Doch andererseits, so Hod-Hochwald, ist er auch dankbar, dass es diese modernen Kommunikationsmittel gibt.
Ist er in die Kommunikationsfalle getappt, die Miriam Meckel in ihrem Buch beschreibt? »Handy, E-Mail, Internet sind digitale Zeitdiebe und Hausbesetzer, die unser Le-
ben ungefragt erobern. Wir lieben und brauchen sie, aber wir können nicht ständig auf Standby sein.«
In ihrem Buch, das in der vergangenen Woche schon auf Platz 22 der Focus-Bestsellerliste stand, be-
schreibt die Kommunikationswissenschaftlerin und Journalistin das Phänomen, dass einerseits Ideen und Kreativität zu den wichtigsten Wirtschaftsgütern zählen, und die Arbeit Information und Kommunikation braucht. BlackBerrys und Smartphones scheinen unabdingbar. Andererseits geht die permanente kommunikative Verfügbarkeit mit Belastungen einher. Meckel berichtet in ihrem Buch von »Datenflut und Denkebbe«, von Informationsermüdung und von gesundheitlichen Schäden als Folge von Informationsüberlastung.
Die Autorin plädiert für Kommunikationspausen: »Für jemanden oder etwas wirklich da zu sein, bedeutet, auch mal abzuschalten. Das Glück liegt in der Un-
erreichbarkeit.« In einem Werbeaufkleber auf der Buchverpackung äußert Emma-Chefredakteurin Alice Schwarzer ähnliche Gedanken: »Muße – das ist der größte Luxus in unserer medial durchdrungenen und global durchgetakteten Zeit.«
Muße hat Rabbiner Hod-Hochwald während der Woche wenig. Nur zu Gottesdiensten schaltet er die Handys werktags aus. »Ansonsten sind sie immer an. Manchmal erhalte ich auch Anrufe mitten in der Nacht. Ich habe verschiedene Produktionen, die überwacht werden müssen, in Bäckereien oder Molkereien. Die von mir entsandten Kontrolleure haben dann auch schon mal frühmorgens Fragen oder Probleme. Da kann ich doch nicht auf die Uhr schauen.«

Also doch in der Kommunikationsfalle gelandet? Nein! Denn einmal pro Woche gönnt er sich eine Sendepause: »Gott sei Dank haben wir den Schabbat. Sonst würde ich wahrscheinlich verrückt werden.«
Bei der Arbeit ist Hod-Hochwald in vielen Betrieben der Lebensmittelherstellung zu Gast. Gelegentlich wird dann auch mal über etwas anderes geplaudert, als über Fragen der Kaschrut. Vor einiger Zeit, es war schon Freitagmittag, hat er einem seiner Gesprächspartner etwas über den Schabbat erzählt. Dass gläubige Juden am wöchentlichen Feiertag vom Alltag loslassen, auf Radio, Fernsehen, Computer und Handy verzichten – für nichtjüdische Gesprächspartner mag das sehr fremd klingen, meint der Rabbiner: »Doch dann sagte mir einer dieser Manager: ‚Wissen Sie, hätten Sie mir das vor zehn Jahren erzählt, hätte ich Ihnen gesagt, Sie sind verrückt, wir sind normal. Jetzt sage ich Ihnen: Sie sind normal, und wir sind ver-
rückt.’« Und dann sei sein Gesprächspartner sehr nachdenklich geworden bei dem Gedanken, dass dieser wöchentliche Ruhetag keine moderne Erfindung – eine Kommunikationspause – ist, sondern ein Gebot der Tora. Über dreitausend Jahre alt. »,Sie können ebenso Schabbat halten, wenn Sie wollen’, sagte ich ihm. ‚Ja’, antwortete er, ‚aber der Sonntag ist wohl doch noch etwas anderes als Ihr Schabbat.’«
Übrigens: Meckels Buch hat Hod-
Hochwald nicht gelesen. »Keine Zeit«, sagt er. Aber die Idee vom »Glück der Unerreichbarkeit« ist ihm schon lange vertraut.

miriam meckel: »das glück
der unerreichbarkeit«
Murmann Verlag, Hamburg, 18 Euro

Polen

Israel fordert Konsequenzen nach Eklat mit Hakenkreuz-Flagge

Im Parlament hatte ein rechtsradikaler Abgeordneter eine israelische Flagge mit einem Hakenkreuz an Stelle des Magen David gezeigt

 22.04.2026

Brüssel

Deutschland und Italien bremsen EU-Vorstoß gegen Israels Assoziierungsabkommen

Spanien, Slowenien und Irland fordern eine Debatte über das Abkommen. Außenminister Wadephul bezeichnet den Vorstoß als »unangemessen«

 22.04.2026

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026