Ludmila Kopel

»Eine Mutter hat keine Freizeit«

Leider habe ich nur wenig Zeit. Ich muss mich kurz fassen, denn meine Kinder sind gerade nach Hause gekommen, und ich muss das Abendessen vorbereiten. Aber gut: Mein Name ist Ludmila Kopel. Geboren wurde ich am 22. Oktober 1959 in Kiew als Ludmila Fradkina. Ich erzähle das, weil mein Vater sich darüber gefreut hätte. Er hätte viel lieber einen Sohn gehabt, der seinen Familiennamen weitergibt. Doch da kam ich: Ludmila, eine Tochter, ziemlich aufgeweckt und lebensfreudig. Nach der zehnten Klasse habe ich in Kiew die technische Schule besucht, danach arbeitete ich als Lohnbuchhalterin in einem Kombinat. Mit 30 Jahren habe ich Yakov geheiratet. Seitdem heiße ich, wie er, Kopel mit Nachnamen.
Mein Tag beginnt meistens sehr früh. Um sechs Uhr stehe ich auf und bereite meine Kinder für die Schule vor. Wir haben zwei Kinder – Hanna, unsere große Tochter, die inzwischen schon 13 Jahre alt ist, und Jana, sie ist sieben. Morgens bete ich mit den Kindern auf Hebräisch, das ist ein guter Start in den Tag. Anschließend gibt es Frühstück, und dann ist oft noch dies oder das zu tun, ehe ich die Kleine zur Schule begleite. Die Große nimmt die Straßenbahn, sie fährt inzwischen allein, das heißt: Sie fährt zusammen mit ihren Freundinnen. Das sind Kinder aus der Nachbarschaft. Nach Schulbeginn mache ich mich dann selbst auf den Weg und fahre zum Haus der jüdischen Gemeinde. Die Fahrt dauert 20 Minuten. Meistens bin ich so gegen neun Uhr da und bleibe bis 13, 14 Uhr. Das hängt davon ab, wie viele Leute dort sind.
Meine Aufgabe ist es, für die Gemeinde die religiöse Bibliothek zu betreuen. Aber meine Arbeit geht weit darüber hinaus. Wenn man so will, kümmere ich mich um die Probleme der Frauen. Ich rede mit ihnen, höre ihnen zu und versuche zu helfen, wo ich kann. In vielen Gesprächen geht es um die Rolle der Frau in der Familie und um ihre Aufgabe als Hauptperson zu Hause. Es sind Gespräche, die oft auch tiefer gehen und sich um jüdische Tradition und Religion drehen. Darüber hinaus versuche ich die Frauen der Gemeinde zusammenzubringen. Einmal pro Monat veranstalte ich einen Abend zu unterschiedlichen Themen wie religiösen Feiertagen oder jüdischer Tradition. Da trage ich dann auch eigene Gedichte vor oder organisiere kleine Konzerte. Wir machen ganz unterschiedliche Sachen, vielleicht sind die Veranstaltungen deshalb immer gut besucht. Oft haben wir über 20 Gäste.
Ehrlich gesagt, ich hätte nie gedacht, dass die Religion einmal so wichtig für mein Leben sein würde. In der Ukraine waren wir ja alle Atheisten. Ich wusste zwar, dass ich Jüdin bin, aber was es bedeutet, das wusste ich nicht. Früher in Kiew hatte ich meinen Beruf: Ich zahlte den Arbeitern ihren Lohn aus und verdiente mir an den Wochenenden durch technische Zeichnungen etwas dazu. Mein Glück war in gewissem Sinne »draußen«. Es bestand in gutem Essen und schicken Sachen. Heute ist mein Glück eher »drinnen«. Es wohnt in mir, und bei meinem Mann ist es ähnlich. Er ist Musiker und wie ich jüdisch. In der Ukraine spielte er Geige und Gitarre in einer Volksmusikgruppe. Seinen Lohn bekam er damals wie jeder andere vom Staat – bis der Staat mit der Perestroika zusammenbrach. Mein Mann wurde sofort arbeitslos. Da sind wir 1992 weggegangen und auf Einladung eines guten Bekannten nach Deutschland gekommen. Zunächst nur als Touristen und ohne Papiere. Doch dann hat uns die jüdische Gemeinde in Potsdam geholfen. Sie sagten: »Doch, doch, wir brauchen hier einen Musiker« und haben sich sehr für uns eingesetzt.
Seitdem sind wir in Deutschland, seitdem wissen wir, was Schabbat und Tora sind, seitdem leben wir anders. Heute haben wir alle deutsche Pässe, und mein Mann arbeitet von Potsdam aus als freier Musiker. Seine Band ist international besetzt, und das Geschäft läuft mal besser, mal schlechter. Doch ich bekomme auch ein bisschen staatliche Unterstützung. Arbeitslosengeld II. Vielleicht kann man sagen: Wir haben die Heimat verloren, aber Gott bekommen, ja, den Glauben gefunden.
Gerade heute zum Beispiel habe ich in der Gemeinde koscheres Essen für unseren Kindergarten zubereitet. Die Köchin hat Urlaub, und da bin ich eingesprungen. Auch bei uns zu Hause koche ich weitestgehend koscher. Solche Veränderungen im Leben passieren natürlich nicht über Nacht. Das geht langsam und Schritt für Schritt. Doch inzwischen feiern wir jeden Freitag in der Familie den Schabbat mit Kerzenlicht. Manchmal kommen sogar Freundinnen unserer größeren Tochter dazu. Die singen dann mit uns, und es entsteht eine wirklich schöne Stimmung.
Samstags gehen wir in die Synagoge und am Sonntag in die Sonntagsschule, die im Haus des Rabbiners stattfindet. Da helfe ich auch und gehe mit den kleinen Kindern zur Toilette, wenn sie müssen. Oder ich spiele mit ihnen, wenn sie nicht mehr aufmerksam sein können. Ich bin eigentlich immer im Einsatz, besonders für die Frauen. Die können mich auch abends noch anrufen, wenn sie Fragen oder Nöte haben. Bis 21 Uhr ist das kein Problem. Manchmal fahre ich sogar hin und helfe – nicht nur mit Worten. Aber meine Stärke sind schon die Worte.
Wenn ich aus der Gemeinde zurückkomme, hole ich zunächst die Kleine von der Schule ab und kümmere mich dann um das Mittagessen. Bei uns gibt es immer etwas Warmes: Kartoffel- oder Bohnensuppe, Nudeln oder Kartoffeln. Dazu mache ich Soße, Gemüse und etwas Fleisch. Kotelett beispielsweise. Das mögen die Kinder. Nach dem Essen geht es dann an die Hausaufgaben. Ich helfe meist unserer Großen, und danach machen wir Musik, denn beide Töchter spielen Klavier. Pro Tag üben sie nacheinander eine Stunde. Da braucht man natürlich ein bisschen Geduld, und ich muss mir Zeit nehmen und mich dazusetzen. Ja, und dann ist der Tag auch fast schon vorbei.
Abendessen gibt es bei uns um 20 Uhr, und eine Stunde später liegen die Kinder im Bett. Dann bete ich noch einmal mit ihnen und sehe zu, dass sie zur Ruhe kommen. Freizeit habe ich nicht. Eine Mutter hat keine Freizeit. Die Kinder sind es, die freie Zeit brauchen. Manchmal lese ich abends noch ein bisschen in der Tora oder schaue mir im Fernsehen die Nachrichten an. Doch gegen 22 Uhr gehen mein Mann und ich meistens schon schlafen. Ich bin dann müde.
Vielleicht hört sich dieses Leben etwas anstrengend an, aber meiner Meinung nach muss es so sein. Wenn der Mensch eine Aufgabe gefunden hat, die ihn erfüllt, dann lebt er. Dann braucht er keine Freizeit und nicht viel Geld. Ich bin zufrieden. Ich meine, das Leben muss schwer sein. Wenn man eine Sache zu leicht bekommt, dann ist sie oft nichts wert. Ganz egal, worum es sich handelt, man schätzt und respektiert die Dinge nur, wenn man ihren Preis kennt. Natürlich weiß ich, dass viele Leute am liebsten alles ganz einfach hätten, aber das ist eine Unmöglichkeit. So, und jetzt muss ich wirklich weitermachen. Es wird Zeit fürs Abendessen.

Aufgezeichnet von Holger Biermann

Rubrik

Zitat der Woche

Jüdische Allgemeine vom 26. September 2019

 10.10.2019

Grossbritannien

Der Mops, die rechte Pfote und der Hitlergruß

Jüdischer Verband kritisiert BBC: Sender zeigt Film über verurteilten Schotten und dessen umstrittenen Hund Buddha

 05.08.2019

Pferdesport

Israelin Dani G. Waldman siegt vor Ludger Beerbaum

Bei der dritten Auflage des Fünf-Sterne-Reitturniers in Berlin gewinnt die für Israel startende Amerikanerin 

 27.07.2019

Milton Glaser

Er liebt New York

Der US-Designer feierte seinen 90. Geburtstag

von Christina Horsten  26.06.2019

Frankfurt

»Emotionaler Anker«

Die Bildungsabteilung im Zentralrat veranstaltet eine Tagung zur Geschichte der jüdischen Jugendbewegung

von Eugen El  06.06.2019

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019