Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk

»Eine ganz neue Perspektive«

Foto: ELES

40 junge Menschen jüdischer, muslimischer, christlicher, alevitischer, jesidischer, und hinduistischer Religionszugehörigkeit sowie atheistische und nicht-religiös verortete Studierende und Promovierende reisten eine Woche lang gemeinsam durch Israel. Alle 40 Stipendiaten werden von einem der 13 deutschen Begabtenförderungswerke gefördert, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt werden. Die Studierenden und Promovierenden kommen aus unterschiedlichen Studienrichtungen, Städten und Kontexten und bilden auf einzigartige Weise die religiöse, politische und gesellschaftliche Pluralität in Deutschland ab. Das Zusammenkommen in dieser besonderen Konstellation wird durch das Programm »Dialogperspektiven. Religionen und Weltanschauungen im Gespräch« des jüdischen Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks ermöglicht, das seit 2015 neue Formen des interreligiösen und weltanschaulichen Dialogs in Deutschland und Europa etabliert, neue Allianzen initiiert und sich für ein friedliches und von gegenseitigem Respekt geprägtes Miteinander in unserer Gesellschaft engagiert.

Im Fokus der Studienreise stand die Annäherung an die komplexe Realität Israels. In Zeiten einer oftmals einseitigen Darstellung des Landes innerhalb des deutschen und europäischen Diskurses ging es darum, unterschiedliche Perspektiven und Narrative kennenzulernen, die gleichzeitig und nebeneinander, dabei oft widersprüchlich oder unvereinbar, die gesellschaftliche, religiöse und politische Realität des Landes ausmachen. Der Zeitpunkt des Seminars fiel – mit der Parlamentswahl am 9. April, den damit verbundenen innenpolitischen Spannungen, dem anhaltenden Raketenbeschuss israelischen Gebiets aus Gaza, den zunehmenden Konflikten innerhalb der israelischen Bevölkerung und einer zunehmenden Resignation hinsichtlich des stagnierenden Friedensprozesses – in eine politisch angespannte Zeit.

Die Vielfältigkeit und Intensität des Programms standen im dialogischen Verhältnis zur Diversität unserer Gruppe, die 40 unterschiedliche Perspektiven, Assoziationen, Erwartungen und auch Vorbehalte, Zweifel und Ängste in sich versammelte.

Für viele der Teilnehmenden war unsere Reise die erste Gelegenheit, Israel kennenzulernen. Für andere Teilnehmende war und ist Israel untrennbar mit der eigenen Identität, dem individuellen Glauben und der Bedeutung für die eigene Religionsgemeinschaft verbunden. Und so war das Seminar begleitet von Reflexionsprozessen: Was sind meine Erwartungen als junge Jüdin, als Muslima, als Christin? Wie unterscheiden sich die Perspektiven europäischer und US-amerikanischer Juden von denen der israelischen? Wie blickt eine Hinduistin, Alevitin oder Atheistin auf Israel?

In Begegnungen und Diskussionen mit zahlreichen Vertretern unterschiedlicher Institutionen und Organisationen in Tel Aviv, Haifa und Jerusalem setzte sich die Gruppe mit den Herausforderungen und Chancen eines religiösen Pluralismus unter den besonderen politischen, gesellschaftlichen und geografischen Bedingungen auseinander. Auf dem Programm standen unter anderem das gemeinsame Gedenken und unterschiedliche Formen des Erinnerns an die Schoa in Yad Vashem, Säkularität und Zionismus im Gespräch mit Vertretern einer säkularen Yeshiva, historische und rechtsphilosophische Aspekte der Besonderheit der israelischen Staatsform der jüdischen Demokratie sowie interreligiöse Begegnungen. Über aktuelle politische Herausforderungen sprachen wir mit in Israel vertretenen deutschen, politischen Stiftungen, mit Aktivisten jüdisch-arabischer NGOs, mit Schülern des jüdisch-arabischen Shared-Existence-Programm des Leo Baeck Centers oder mit einer Nachbarschaftsinitiative in Haifa.

Einblicke in die religiöse Diversität des Landes gaben ein gemeinsamer Shabbatg’ttesdienst in Jerusalem, der Besuch der Klagemauer, christliche Andachten in der Grabeskirche sowie der Dormitio-Abtei in Jerusalem, der Besuch des Bahá’í-Weltzentrums in Haifa und Impulse zur unterschiedlichen religiösen Praxis oder zur Bedeutung Jerusalems für Judentum, Islam und Christentum.

Intensives Lernen, neue Erkenntnisse, unzählige neue Fragen, Momente der Irritation und des Sich-Fremdfühlens, des Infragestellens der eigenen Positionen und nicht zuletzt des Zuhörens und der Begegnung machten unsere Reise zu einem besonderen Erlebnis für alle Beteiligten. »Alles wirkliche Leben ist Begegnung« – dieses Zitat aus der Schrift Ich und Du des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber steht in vielerlei Hinsicht auch für die Erfahrungen und Eindrücke dieses bisher wohl wichtigsten Seminars des »Dialogperspektiven«-Programms, unserer gemeinsamen Reise nach Israel.

Johanna Korneli, Projektkoordinatorin des Programms »Dialogperspektiven. Religionen und Weltanschauungen im Gespräch« des Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerks

 


Hermann, 27, Bischöfliches Cusanuswerk

Dieser wichtige Ort, so oft in Liedern besungen und in Texten erzählt, wurde plötzlich Wirklichkeit für mich: Jerusalem – Al-Quds – Yerushalayim. Hier kreuzen sich Narrative, Heilserwartungen, Besitzansprüche. Nach einer halben Woche könnte ich nicht sagen, dass ich die anfängliche Überforderung überwunden hätte, die Jerusalem mit seinem komplexen Nebeneinander von offenen und verdeckten Widersprüchen darstellt. Was schreibe ich auf meine Postkarte?

Für unser Programm offenbarten sich hier wie nirgends zuvor Chancen und Schwierigkeiten des Dialogs. Und doch erlebte ich in der persönlichen Begegnung mit Teilnehmenden und Aktiven vor Ort, wie wichtig und fruchtbar es ist, den Dialog miteinander nicht aufzugeben, immer wieder neu anzufangen. Für diese Erfahrung bin ich sehr dankbar.


Ahmad, 23, Heinrich-Böll-Stiftung

Mein Eindruck von Israel ist, dass es ein sehr widersprüchliches Land ist. Dieser Widerspruch zieht sich nicht nur durch die Gesellschaft, sondern ist auch in einzelnen Personen sichtbar. Bei einem Treffen mit einer NGO lernten wir beispielsweise israelisch-palästinensische Aktivisten kennen, die sich gegenseitig unterstützen und sich miteinander für die Rechte von Minderheiten im Land einsetzen. Menschen, die kaum unterschiedlicher sein können, saßen miteinander an einem Tisch und setzten sich gemeinschaftlich füreinander ein – ganz unabhängig eigener Weltanschauungen. Das hat mich fasziniert und mir Hoffnung gegeben, dass Palästinenser und Israelis miteinander in Frieden leben können.

Als schockierend empfand ich die Gewehre, die meistens von jungen Erwachsenen bzw. Jugendlichen mit oder ohne Uniform getragen wurden. Vielleicht ist man als Deutscher einfach nicht daran gewöhnt, aber es ist kein angenehmes Gefühl, wenn Jugendliche, die sogar noch jünger sind als man selbst, ein Gewehr tragen. Und trotzdem lachten diese jungen Menschen, machten Späße, sangen sogar Ausschnitte aus arabischen Liedern, was mich wiederum erstaunte.


Johanna, 22, Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk

Am Tag unserer Ankunft war Raketenalarm in Tel Aviv. Dieser Auftakt machte uns die besonderen Dialogbedingungen in Israel deutlich. Die Woche erwies sich als sehr intensiv, sowohl hinsichtlich der teilweise sehr tief(-nächtlichen) Diskussionen mit den anderen Teilnehmenden als auch hinsichtlich der Begegnungen vor Ort. Besonders beeindruckend war die Bekanntschaft mit engagierten Bürgern aus Haifa unterschiedlicher Couleur, die sich mit ihren diversen Hintergründen in verschiedenen Projekten für ihren gemeinsamen Alltag einsetzen. Eindrucksvoll war auch das religiöse Programm: Am selben Tag auf dem Zionsberg Laudes, das katholische Morgengebet, begehen, dann das Freitagsgebet auf dem Tempelberg und den Kabbalat Shabbat im Unabhängigkeitspark zu erleben, ließ eine grundsätzliche Gemeinsamkeit der abrahamitischen Religionen sehr greifbar werden, zumal teilweise die gleichen Texte rezitiert wurden. Trotz der vielen Gemeinsamkeiten konnten auch in dieser so offenen Gruppe von Stipendiat_innen Spannungen und Konflikte untereinander nicht ganz verschwinden. Für mich ein deutliches Zeichen für die Notwendigkeit dieses Programms und ein Grund, nächstes Jahr wieder teilzunehmen!


Nojin, 23, Hans-Böckler-Stiftung

Als Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung mit muslimischem Hintergrund trat ich diese Reise mit unterschiedlichen Assoziationen und Erwartungen an. Zum einen hatte ich bislang keinen persönlichen Kontakt zu Jüdinnen und Juden, zum anderen war ich durch meine zum Teil syrische Erziehung geprägt von einem negativen Israelbild.

Ich war davon ausgegangen, dass es bei der Reise um den Dialog mit anderen Religionen und Weltanschauungen gehen würde. Vor Ort bemerkte ich jedoch schnell, dass ich oft eher in Dialog mit mir selbst trat. Diese Woche war für mich eine Zeit der Verwirrtheit und der Neuordnung meines Selbst. Im Austausch erhielt ich nicht nur Informationen über andere, ich entdeckte auch mir unbekannte Aspekte von mir selbst. Hier habe ich die Theorie des jüdischen Philosophen Martin Buber praktisch erfahren. Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du. Wir befinden uns im ständigen Prozess und in der dialogischen Begegnung mit den Anderen werden wir zu dem, was wir sind. Mir ist im Gespräch mit den anderen Teilnehmern bewusst geworden, wie schnell in einer Gruppe Vorurteile über andere entstehen können. Wie schnell reden Menschen über den Anderen statt mit dem Anderen? Diese wertvollen Erfahrungen hätte ich in meinem Umfeld nie machen können, wie und wo denn auch. Ein Dialog über kontroverse Themen wie Politik oder Religion ist sehr energiegeladen und gar nicht so einfach, wie ich es mir vorstellte.

In Israel wurde mir die Diversität und die Vielfältigkeit unserer Gruppe erst bewusst, denn oft hatten wir zum gleichen Thema sehr unterschiedliche Sichtweisen oder nahmen sogar die Gegenposition ein. Diese Erfahrung war komplex und intensiv.

Sehr faszinierend empfand ich die Jerusalemer Altstadt mit dem jüdischen, muslimischen, christlichen und armenischen Viertel. Mich hat das bunte Bild und die Vielfalt beeindruckt. Mit der Hoffnung auf ein Leben miteinander und nicht nur nebeneinander bin ich mit vielen Antworten, neuen Fragen, Eindrücken und Erfahrungen zurück nach Deutschland, zu meinem eher weniger bunten Alltag, zurückgekehrt.


Nour al-Huda, 20, Avicenna-Studienwerk

Die Reise war meine erste Reise nach Israel. Im Flugzeug spürte man Spannung unter den Passagieren. Kurz vor dem Abflug kam im Flughafen-WLAN die Push up Nachricht: »Bombe aus dem Gazastreifen zerstört Haus im Süden von Tel Aviv«. Einige Tage später starben mehrere palästinensische Jugendliche bei Protesten am Grenzzaun. Es sind Nachrichten wie diese oder das Bild von jungen Männern, frisch im Militärdienst, die mit Maschinengewehren durch die Straßen Jerusalems schlendern, die die sonst sehr schönen Erinnerungen an das Land und die Leute trüben.

Während des einwöchigen Seminars wurde uns immer deutlicher, wie komplex die Thematik ist, wie viele Aspekte zu beachten sind und wie viele man gar nicht mit einbezieht, weil man nicht von ihnen weiß. Irgendwann hatte ich das Gefühl, dass es auf allen Seiten starke Kräfte gibt, die kein Interesse am Frieden haben, sondern von dem Konflikt und der allgemeinen Unsicherheit profitieren. Das waren ernüchternde und bedrückende Einsichten. Und doch erfasste mich ausgerechnet in Yad Vashem die Hoffnung. Hier standen wir an der Internationalen Holocaust Gedenkstätte, eine Gruppe von jungen Menschen mit verschiedenen Hintergründen, aus Familien mit Täter-Vergangenheit und aus Familien, deren leidvolle Geschichte hier an diesem Ort erzählt wurde. Ein Foto zeigte Hitler und seine Begleiter 1940 in Paris vor dem Eiffelturm. Zu diesem Zeitpunkt schien jeder Gedanke an einen europäischen Frieden und an Versöhnung absurd, wenn nicht absolut ausgeschlossen. Und doch standen wir jetzt, nur ein paar Generationen später, gemeinsam und in Freundschaft verbunden hier.


Neta-Paulina, 29, Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk

Auf eine solche Reise bereitet man sich mental vor; man überlegt, wo Konflikte auftauchen könnten, wie man mit den unterschiedlichen Empfindlichkeiten umgehen wird, und das in einem Land, in dem die Emotionen immer hochkochen. Und dann vergisst man dabei das ganz Offensichtliche: Israel ist für mich vertraut, sogar Heimat, denn ich bin Jüdin und mein Vater ist Israeli. Momente, die für mich selbstverständlich sind, bringen andere in unserer Gruppe ins Stutzen. »Warum stellen sie die Uhr hier in der Nacht von Donnerstag auf Freitag auf Sommerzeit? Warum nicht in der Nacht auf Sonntag wie es ›normal‹ ist?« »Weil für Juden das Wochenende am Freitag beginnt.«  »Warum steht am Freitag alles still?« »Es ist Shabbat.«  Hinter diesen Fragen steckt eine tiefere Frage und dann macht es bei mir endlich klick. Hier erleben Teile der Gruppe etwas, das Menschen wie mir vollkommen vertraut ist: der Alltag wird von einer ›Minderheit‹ bestimmt. Noch viel fremder: die Minderheit ist hier Mehrheit. Und so ist die Gesellschaft plötzlich spiegelverkehrt, die Rollen vertauscht. Willkommen in Israel!


Yildiz, 33, Heinrich-Böll-Stiftung

Für mich waren die zahlreichen persönlichen Gespräche, die Begegnungen und der Austausch mit den Menschen vor Ort zum »Nahostkonflikt« eine wertvolle Erfahrung, eine Erfahrung, die man nur vor Ort machen kann und die mich in mancherlei Hinsicht geprägt hat. Ich erlebte eine intensive und emotionale Woche. Für mich als Jesidin, deren Religionsgemeinschaft in jüngster Zeit Oper eines brutalen Genozids wurde, hat sich die Situation an manchem Ort in besonderer Weise dargestellt, so zum Beispiel in der Internationalen Holocaust Gedenkstätte in Jerusalem. Es heißt, Geschichte wiederhole sich nicht. Wie sehr kann man jedoch einer solchen Aussage in Anbetracht der weltweiten rechten und antisemitischen Bewegungen Glauben schenken? Wenn wir an Israel denken, kommt uns unweigerlich der Konflikt in den Sinn, aber es gibt auch noch viele andere Seiten. Viel zu selten hören wir von den schönen Stränden in Tel Aviv oder bekommen die atemberaubende Natur zu sehen. Ob offen und modern oder streng religiös, Israel bot vielfältige Eindrücke. Ich kann jedem, der Israel noch nicht kennt, empfehlen dieses Land mit seinen multikulturellen Facetten vor Ort kennenzulernen.

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