Historikerstreit

Eine deutsche Geschichte

von Michael Jeismann

Die Begriffe stehen noch da wie die verwitterten Pegelstandsmesser einer vergangenen Erregung: kausaler Nexus, Prius, Einzigartigkeit, Historisierung. Dazu der merk- würdige Satz von der Vergangenheit, die nicht vergehen will. Spricht man die zentralen Begriffe des »Historikerstreits« von 1986 aus, dann ist selbst aus der Ferne von 20 Jahren der bebende Anspruch noch nachzuschmecken, der sich mit ihnen verband. Es ging, so die Suggestion, ums Ganze oder doch wenigstens um die Zukunft der Bundesrepublik – und um die politische Identität der Deutschen und ihr Verhältnis zur jüngsten Geschichte.
Mitte der achtziger Jahre hatten sich die ärgsten Befürchtungen vor einer national-konservativen Wende in der Bundesrepublik, die Helmut Kohl 1982 angekündigt hatte, als gegenstandslos erwiesen. Ja, Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte zum Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1985 die bis dahin offiziell aufrechterhaltene Kontinuität einer nationalen Empfindung nicht in Frage gestellt, aber doch entschieden ergänzt durch den Hinweis darauf, daß die deutsche Niederlage auch dem Morden an den Juden und anderen Verfolgten und Gequälten ein Ende setzte. Die Niederlage war also, so von Weizsäcker, auch eine Befreiung, trotz der eigenen Opfer. Endlich, so schien es, wurden an diesem Gedenktag nicht länger Gefühle propagiert, die historisch-politisch obsolet geworden waren.
Genau an dieser historischen Zäsur im offiziellen Selbstverständnis der Bundesrepublik setzte ein Aufsatz des Berliner Historikers Ernst Nolte an, der am 6. Juni 1986 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien. Nolte beklagt darin, daß die Vergangenheit der Judenvernichtung nicht in die Geschichte zurückgetreten sei, sondern nun als »Richtschwert über der Gegenwart« aufgehängt sei – nicht ohne gegenwärtigen politischen Interessen zu dienen. Da diese Vergangenheit zu einem Negativmythos stilisiert werde, sei sie abgeschottet worden von allen wissenschaftlichen Fragen, die diese politische Gegenwartsfunktionalisierung des Nationalsozialismus relativieren könnten. Zu diesen Fragen zählt für Nolte vor allem die, ob Hitler auf eine bolschewistisch-jüdische Bedrohung reagiert habe und in dieser Reaktion deren Methodik übernommen habe. Gab es also eine Art Kriegssituation zwischen den (jüdischen) Bolschewisten und dem nationalsozialistischen Deutschland schon vor dem Krieg? War Hitlers Antisemitismus bloß eine Verteidigungsreaktion? Gab es nicht auch unter den Deutschen Opfer des Krieges und gegnerischer Grausamkeit? Konnte man sich versuchsweise mit den deutschen Soldaten identifizieren, die versuchten, den Russen möglichst lange Widerstand zu leisten? Es ging dabei nicht primär um den Genozid an den Juden, der von keiner Seite in Abrede gestellt wurde, sondern darum, was er für die Deutschen zu bedeuten habe.
Die fachwissenschaftlichen Fragen Ernst Noltes fanden bald eine Antwort: Es wurde klar, daß Nolte ein Szenario aufgebaut hatte, das nicht hinreichend zu belegen war und vor allem ohne plausiblen Grund die Tradition des radikalen deutschen Antisemitismus fast ausblendete und somit selbst unhistorisch verfuhr. Die Frage, was denn »ur- sprünglicher« gewesen sei, die bolschewistische oder die nationalsozialistische Vernichtungsideologie, ist ungefähr so sinnvoll wie die Steigerung des Adjektivs »ursprünglich«. Allerdings kann die »Einzigartigkeit« des Holocaust angesichts einer intensiven vergleichenden Genozid-Forschung von den Deutschen nicht mehr wie ein Popanz perfekter Vergangenheitsbewältigung behandelt werden. Wie aber verhält es sich mit Noltes Argument, daß die politische Indienstnahme der Erinnerung an den Holocaust fragwürdige Folgen zeitige und die historische Wahrnehmung verenge? Man darf sagen: Es hat sich bestätigt – und zwar als erstes an Noltes Text selbst. In fast jeder Zeile des Aufsatzes wird deutlich, daß er durch eine äußerst lebhafte politische Gegenwartskritik motiviert und entsprechend verengt ist. Ein Teil dieser Kritik ist indessen durch die jüngste historische Wahrnehmung der deutschen Opfer – Flucht und Vertreibung, Bombenkrieg – hinfällig geworden. In dieser Hinsicht ist eine politische Identifikation so unmöglich, wie sie es immer gewesen ist.
Noltes Kritik scheint immerhin in einem Punkt heute eher berechtigt als in den achtziger Jahren: Hinter wohlfeilen historischen Vorhaltungen und Beschwörungen in der Tagespolitik versteckt sich oft fehlender Wille zum ausreichenden Polizeieinsatz gegenüber rechtsradikalen, fremdenfeindlichen Schlägern. Hier wird die liberale Leier von den Lehren der Vergangenheit zur Lüge. Man intoniert lieber die korrekte historische Pädagogik, als daß man im wahrsten Sinn des Wortes Geistesgegenwärtigkeit unter Beweis stellt. Auch die EU sollte sich hüten, die flüssige politische Rede von den Lehren, die man allzeit aus der Vergangenheit ziehe und auf die sich alle Mitgliedsländer gemeinsamen beriefen, zum Anlaß für Selbstzufriedenheit zu nehmen. Nolte hatte nämlich auch in diesem wesentlichen Punkt unrecht: Nichts ist so schwierig, wie die Erinnerung an das Menschheitsverbrechen würdig aufrechtzuerhalten und sie dabei zu einem Teil der politischen Identität werden zu lassen. Das ist die Aufgabe, die nicht vergehen kann.

Michael Jeismann ist Redakteur im Feuilleton der FAZ. Er ist Autor des Buches »Auf Wiedersehen gestern. Die deutsche Vergangenheit und die Politik von morgen« (DVA).

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