Ilan Shir

»Ein Verstärker«

Herr Shir, wenn von Tel Aviv die Rede ist, fallen vor allem drei Begriffe: »Die erste hebräische Stadt«, »Die weiße Stadt« und die »Stadt, die niemals Pause macht«. Den letzteren Begriff haben Sie geprägt.
shir: Stimmt. Das war 1989. Die erste Intifada hatte begonnen, es kamen immer weniger Touristen nach Israel. Und Tel Aviv verlor auch für israelische Touristen seine Attraktivität als Ausflugsziel immer mehr.

Warum?
shir: Ein Grund waren sicher die Verkehrsstaus und der Mangel an Parkplätzen. Zudem begann man damals damit, falsch parkende Autos mit Radklemmen zu versehen. Das hat die Stadt bei den Israelis von außerhalb sehr unpopulär gemacht. Also entschied sich die Stadt, mit einer großen Kampagne wieder israelische Touristen in die Stadt zu holen.

Wie sind Sie auf den Slogan »Non‐Stop‐City«, »Stadt, die niemals Pause macht«, gekommen.
shir: Ich war auf der Suche nach einem Slogan, der die Intensität, diese pausenlose Geschäftigkeit der Stadt in Worte fasst. Dann dachte ich an die Geschäfte, in deren Türen ein Schild »Durchgehend geöffnet, ohne Pause« hängt. Mein Slogan drückte aber nicht nur aus, was es an Aktivität und Betriebsamkeit bereits gab, es wirkte auch noch verstärkend! Plötzlich gab es diese Kioske, die die ganze Nacht geöffnet hatten. Bars, die erst in den frühen Morgenstunden schlossen. Inzwischen haben sogar alle Filialen einer Supermarktkette rund um die Uhr geöffnet.

Geht man nachts durch Tel Aviv, hat man den Eindruck, dass viele Bewohner ebenfalls keine Pause machen.
shir: Ja, die Menschen haben sich von dieser Atmosphäre anstecken lassen, viele Tel Aviver mögen es, nachts noch einmal um die Häuser zu ziehen. Der Slogan hat wirklich wie ein Verstärker gewirkt. Es gibt fast so etwas wie eine Symbiose zwischen ihm und der Stadt. Tel Aviv wird es nicht leicht haben, diesem Slogan wieder zu entkommen.

Will man denn weg vom Image der »Stadt, die niemals Pause macht«?
shir: Man versucht, der Stadt ein etwas anderes Image zu geben. Es soll jetzt mehr betont werden, wie gut Tel Aviv auch für seine Bewohner ist, wie hoch die Lebensqualität ist.

Ihr Slogan ist ein schönes Beispiel dafür, dass Worte etwas verändern können.
shir: Ganz so einfach ist es nicht. Von offizieller Seite versucht man zum Beispiel derzeit verstärkt, nicht mehr allein von »Tel Aviv« zu sprechen, sondern sagt konsequent »Tel Aviv‐Yaffo«. Aber irgendwie setzt sich das noch nicht als Begriff im Alltag durch. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass es diese Einheit nicht wirklich gibt: Tel Aviv ist Tel Aviv, und Yaffo ist Yaffo. Die Unterschiede fallen ja schon optisch ins Auge.

Viele Israelis glauben, dass die Tel Aviver in einer »Luftblase« leben und verdrängen, was im Rest des Landes passiert.
shir: Dieses Phänomen entstand ungefähr zur gleichen Zeit, als sich Tel Aviv zur »Non‐Stop‐City« entwickelte. Man begann, vom »Staat Tel Aviv« und der »Luftblase Tel Aviv« zu reden, vom »elitären« und »eskapistischen« Tel Aviv. Was stimmt, ist, dass es hier trotz allem eine fast europäische Normalität gibt! Ja, in Tel Aviv beschäftigt man sich wirklich vor allem mit Nebensächlichkeiten, mit Äußerlichkeiten. Diesen »Eskapismus« finde ich eigentlich sehr schön.

Das Gespräch führte Christian Buckard.

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