Fleischverzicht

»Ein Tier zu töten, ist ein Verbrechen«

von Mordechai Goldstein

Es steht geschrieben: »Wenn der Ewige, dein Gott, dein Gebiet erweitert, wie er dir verheißen hat, und du sprichst: ›Ich möchte Fleisch essen!‹, denn deine Seele begehrt, Fleisch zu essen, so magst du ganz nach deiner Seele Begehren Fleisch essen« (5. Buch Moses, 12, 20).
Trotz dieser Aussage teilt der Talmud ganz bestimmte Beschränkungen des Fleischverzehrs mit: Nach Auffassung vieler Rabbiner darf man kein Fleisch verzehren, es sei denn, die Seele begehrt es wirklich sehr. Zudem lehrt die Tora (5. Buch Moses 12, 21): »So magst du schlachten von deinen Rindern und Schafen.« Nur wer Vieh besitzt, darf es zum Verzehr schlachten.
Deswegen meinen die Gelehrten, man solle in sich die Begierde nach Fleisch erst gar nicht wecken, wie es die Israeliten in Kibrot Hata’awa – den Gräbern des Verlangens – taten und wofür sie bestraft wurden.
Der erste Oberrabbiner von Israel, Raw Awraham Yitzhak Kook (1864-1935), erklärt in seinem Buch zum Vegetariertum (Hazon ha-Zimchonut ve-ha-Schalom), daß das Begehren nach Fleisch eine moralische Schwäche darstellt: »Nach Erteilung der Erlaubnis zum Fleischverzehr gemäß der Heiligkeit der Gebote vom Sinai beschäftigt sich die Tora ausführlicher mit dieser Frage.«
In unserem Wochenabschnitt findet sich eine versteckte Ablehnung dieser Erkenntnis und zugleich ein kaum hörbarer Kommentar. Fleisch darf nur der essen, dessen inneres Moralgefühl sich nicht gegen den Verzehr von Tieren sträubt, wie es sich auch gegen den Verzehr von Menschenfleisch sträuben würde. Letzteres mußte die Tora aus diesem Grund nicht eigens verbieten, denn einem Menschen muß nicht verboten werden, wogegen er sich ohnehin von Natur aus sträubt. Das kommt an sich schon einem ausdrücklichen Verbot gleich.
Ferner erläutert Raw Kook, daß Menschen mit höherem Entwicklungsstand ein deutlicheres Gespür dafür haben, daß es nicht richtig ist, Tiere zu töten, um sie zu verzehren: »Wenn sie eine höhere Stufe erreichen, werden sie aus der Höhe ihrer Vollkommenheit auch den Frieden finden.«
Weshalb wurde dann dem Menschen überhaupt gestattet, Tiere zu töten und ihr Fleisch zu essen?
Im Namen des Ari (Rabbi Isaak Luria, 1534-1572, Kabbalist in Safed) heißt es, daß der Verzehr von Tieren einen tieferen Sinn in sich birgt. Der frühe Mensch durfte kein Fleisch essen, weil die Tiere seinerzeit vollkommen waren. Als der frühe Mensch jedoch sündigte, da aßen auch die Tiere vom Baum des Lebens und verloren ihre Vollkommenheit. Entsprechend den kabbalistischen Gedanken des Ari läßt sich sagen, daß der Mensch, der das Fleisch von Tieren ißt, aus diesen Lebewesen alle Funken der Heiligkeit und damit diese Wesen selbst auf eine höhere Stufe erhebt. Wenn ein Mensch beim Essen seinen Sinn auf den Himmel richtet und daran denkt, Gottes Gebote zu erfüllen, dann erhebt er die Speisen, die er verzehrt, auf eine höhere Stufe.
Rabbiner Schear Yaschuv Hacohen, erzählt von einem Treffen mit dem Lubawitscher Rebben. Der Rebbe, der sich während der bolschewistischen Revolution im Haus des Großvaters von Rabbiner Yashuv Hacohen versteckt hatte, wandte sich an ihn und sagte: »Ich verstehe, daß du, indem du kein Fleisch ißt, dem Brauch deines Vaters folgst, aber ich frage mich, wie dein heiliger und rechtschaffener Vater sich vom heiligen Dienst des Verzehrs von Fleisch zum Erheben der göttlichen Funken ausnehmen konnte.« Hacohens Vater Abraham Isaak Kook war Rabbiner David Hacohen, der »Jerusalemer Nasiräer«, der weder Wein trank noch Fleisch aß noch sein Haar schneiden ließ.
Rabbi Yeshuv Hacohen bezeugt, daß ihm in jenem Augenblick eine besondere Erleuchtung zuteil wurde, dem heiligen Weg seines Vaters zu folgen, und er bat den Rebbe um das Buch Sidei Haemet. Der Rebbe strahlte und überreichte ihm das Buch. Es wurde beim Eintrag »Verzehr von Fleisch« geöffnet, und dort heißt es:
»Glücklich sind jene, die sich zu enthalten wissen.« Weiter stand geschrieben im Namen des Ari: »Glücklich sind jene, die sich die ganze Woche über des Fleisches und des Weins zu enthalten wissen, und am Schabbat steht es ihnen frei, ohne daß sie verpflichtet sind, denn es steht geschrieben: ›Eher mache deinen Schabbat zum Wochentag, als daß du dich von anderen abhängig machst.’« Der Lubawitscher Rebbe prüfte die Stelle sorgfältig, lächelte und sagte schließlich: »Du hast Recht und ich bin im Unrecht, ... denn die gesamte Begründung für den Fleischverzehr ist von unseren kabbalistischen Vorgängern dargelegt worden, und sie selbst priesen jene, die sich zu enthalten wissen.«
Wie wir wissen, war den Ungebildeten der Verzehr von Fleisch untersagt, denn es stand geschrieben: »Dies ist die Weisung – ›die Tora‹ vom Vieh und von den Vögeln« (3. Buch Moses, 11, 46). Alle, die sich mit der Tora befassen, dürfen das Fleisch von Vieh und Vögeln essen, und jenen, die sich nicht mit der Tora befassen, ist der Verzehr von Vieh und Vögeln untersagt. Die Vorschrift sollte verhindern, daß die Ungebildeten, die keine Kenntnis von den Gesetzen haben, aus Versehen gegen das Verbot des Verzehrs von Tieren verstießen, die nicht ordnungsgemäß geschlachtet waren. Diese Personen durften kein Fleisch essen, wenn nicht ein Gesetzeskundiger in der Nähe war, der ihnen Anweisung geben konnte.
Mystiker wie der Maharal aus Prag (Rabbiner Yehuda Löw ben Bezalel, 1520 -1609) waren der Meinung, dieses Verbot gelte demselben Maß an Unbildung, und deshalb dürften die Ungebildeten kein Fleisch essen. Diese Erklärung entspricht auch der Äußerung des Ari, der die Auffassung vertritt, das einfache Volk verfüge nicht über die Kraft zur Hebung der göttlichen Funken, weil ihm die Kraft der Tora nicht innewohnte, und deshalb dürfte es kein Fleisch essen.
Nach diesen Auslegungen ist nur demjenigen der Verzehr von Fleisch erlaubt, der über die rechte Kenntnis der Halacha verfügt oder die Heiligkeit und Fähigkeit besitzt, sich über das Tier zu erheben und das Tier mit sich zu erheben. Diese Menschen, sagt Raw Kook, haben jedoch gar kein Bedürfnis nach dem Verzehr von Fleisch, denn sie wissen, daß es ein Verbrechen ist, ein Tier zu töten. In der Tora steht es ja geschrieben: »Denn deine Seele begehrt, Fleisch zu essen«. Hier wird das Wort »Seele« und nicht das Wort »Körper« verwendet.
Unsere Generation lebt in materiellem Überfluß und mit dem Begehren nach augenblicklicher Erfüllung aller persönlichen Bedürfnisse und Wünsche. Vielleicht könnte man sagen, die Beschränkungen des Fleischgenusses gelten nicht nur für den vorliegenden Fall, sondern sind vielmehr als allgemeingültige Botschaft aufzufassen. Man sollte sich um eine Reduktion des Fleischgenusses bemühen und die »böse Neigung« bekämpfen, der Lust darauf nachzugeben. Stattdessen sollten wir den physischen Akt des Essens mit einem Element der Kawana, der gehobenen Absicht, vollziehen – soweit wir dessen fähig sind.

Der Autor unterrichtet an der Bar-Ilan-Universität in Ramat-Gan/Israel. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Fakultät für Jüdische Studien, www.biu.ac

Re’eh: 5. Buch Moses 11,26 bis 16,17

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