ägypten

»Ein Teil von uns«

Der Presslufthammer rattert, Arbeiter klettern behände auf dem schmalen Gerüst herum. Zwei ma‐ chen sich an der mobilen Wasserpumpe zu schaffen, die Tag und Nacht das Grundwasser absaugt. In den Ecken hängen große Bauscheinwerfer, seit zwei Monaten laufen die Arbeiten auf Hochtouren. Und überall ist Ayman Hamed, den sie hier alle nur den Doktor nennen. Er ist der ägyptische Bauleiter bei der Restaurierung der Moses‐Maimonides‐Synagoge im Herzen von Kairo – im früheren jüdischen Viertel Haret al‐Yahoud, das in direkter Nachbarschaft zu dem bei Touristen so beliebten orientalischen Marktgassen des Khan el Khalili liegt.
Der 39‐jährige Hamed ist promovierter Ingenieur, arbeitet seit vielen Jahren in der Denkmalpflege und hat bereits Moscheen, Kirchen und Klöster instand gesetzt. Eine Synagoge jedoch, das ist für ihn und seine Firma eine Première. »Ich habe durch meine Arbeit viel gelernt über den Glauben der Juden und Christen«, sagt er, der selbst Muslim ist. Und wenn er nicht weiter weiß, ruft er Raouf Foaud zu Hilfe, seit zwölf Jahren Sekretär der jüdischen Gemeinde in Ägypten und ebenfalls Muslim. Der korrespondiert dann mit jüdischen Experten in den USA oder recherchiert im Internet.

kulturdenkmal Vieles an der Kairoer Rambam‐Synagoge ist kaputt. Das Dach stürzte 1992 bei einem schweren Erdbeben ein. Das Übrige tat der hohe Grundwasserspiegel, der auch an vielen islamischen und koptischen Monumenten nagt. Erst habe die Stadtverwaltung das gesamte Abwassernetz in dem Viertel in Ordnung bringen müssen, davor habe es keinen Sinn gehabt, mit der Instandsetzung des wertvollen Gebäudes zu beginnen, erläutert Zahi Hawass, Chef der ägyptischen Antikenverwaltung. »Die jüdischen Denkmäler sind ägyptische Denkmäler, sie sind ein Teil von uns und von unserer Kultur«, sagte er und kündigt an, in den nächsten Jahren würden weitere zehn Synagogen restauriert.
Dass die Arbeiten nur deshalb in Angriff genommen worden seien, um die Kandidatur des ägyptischen Kultusministers Farouk Hosni für den Posten des Unesco‐Generaldirektors zu fördern – diesen Vorwurf weist Hawass zurück. Neun internationale Kandidaten haben ihren Hut in den Ring geworfen und stellen sich diese Woche in Paris vor. Die erste von wahrscheinlich fünf Wahlrunden findet am 17. September statt.
Hosni war in die Kritik geraten, weil er im Mai 2008 in einer Debatte im ägyptischen Parlament geschworen hatte, er werde eigenhändig »jedes jüdische Buch verbrennen, was ich in einer ägyptischen Bibliothek finde« – ein Satz, der nicht nur bei jüdischen Intellektuellen und israelischen Politikern Empörung auslöste. Der ägyptische Politiker hat sich inzwischen entschuldigt, seine Chancen auf den begehrten Unesco‐Spitzenjob hat der Vorfall jedoch geschmälert.
Die Planungen für die mittlerweile dritte Restaurierung einer Synagoge in Kairo haben bereits 2006 begonnen, als von Hosnis Kandidatur noch keine Rede war. Im Juli 2005 war die aus dem elften Jahrhundert stammende Ben‐Ezra‐Synagoge feierlich wiedereröffnet worden. Zwei Jahre später folgte die 1905 erbaute Shaar‐Hashamayim‐Synagoge an der Adly‐Straße im Stadtzentrum. Mitte 2010 soll auch die Maimonides‐Synagoge wieder in altem Glanz erstrahlen. Doch bis dahin ist noch viel zu tun.

jeschiwa Mit dem Presslufthammer tragen Arbeiter eine meterdicke Betonschicht ab, unter der der älteste Teil des Ensembles verborgen ist: die Jeschiwa des berühmten Rabbiners, Arztes und Philosophen Mosche Ben Maimon (Rambam), der 1135 im andalusischen Cordoba geboren wurde. Gut zu erkennen sind Reste eines alten Deckenbalkens, der ursprüngliche Eingang sowie Spuren des historischen Wandputzes. Hier lehrte Maimonides und empfing seine Patienten, darunter angeblich auch Sultan Saladin, den Sieger über die Kreuzfahrer. Und als der berühmte Denker 1204 in Kairo starb, wurde er zunächst dort begraben, bevor man ihn später nach Tiberias am See Genezareth umbettete.
Aber auch in der wesentlich jüngeren Synagoge nebenan, die seinen Namen trägt und 1986 unter Denkmalschutz gestellt wurde, ist die Spurensuche vorangekommen. Fünf Schichten von blauen Tapeten haben Spezialisten vorne am Toraschrein abgetragen, bevor wieder die ursprüngliche goldfarbene, mit floralen Mustern verzierte Malerei zum Vorschein kam. Noch vorhandene Holzteile, wie Fenster und Stühle, aber auch eine mit dem Relief einer Dattelpalme und dem Davidstern verzierte Eingangstür, werden in einer Spezialwerkstatt aufbereitet. Die Marmor‐Bima steht wieder an ihrem Platz, fehlende Stufen und Säulen sind durch Nachbildungen ersetzt.

optimismus Auch wenn die Wurzeln jüdischen Lebens in Ägypten weit über Rambams Zeit zurückreichen, war die Zahl der Juden im Land am Nil über viele Jahrhunderte hinweg relativ klein. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Ägypten kaum mehr als 6.000 Juden. Erst Ende des 19. Jahrhunderts kam der große Aufschwung durch Einwanderungswellen aus Ost‐ und Südeuropa, Nordafrika und dem Osmanischen Reich. 1930 lebten 75.000 Juden am Nil, die meisten in Kairo und Alexandria, bis zwei Jahrzehnte später ihr Exodus begann: Nach dem ersten israelisch‐arabischen Krieg 1948 zogen 20.000 fort, weitere 40.000 nach der Suezkrise 1956 und die restlichen nach dem Sechstagekrieg 1967. Heute leben keine 50 Juden mehr im ganzen Land: zwei betagte Männer noch, die übrigen sind ältere Frauen. Doch die haben sich ihren Optimismus bewahrt. »Juden haben hier seit alters her gelebt«, sagt die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Carmen Weinstein. »Ich sehe keinen Grund, warum Juden nicht auch weiterhin hier leben sollten.«

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