Jonathan Magonet

Ein Rabbi auf Durchreise

von Pat Christ

Im Bücherregal ein japanischer „Travel Po‐cket Dictionary“ und ein japanischer „Complete Course for Beginners“. Jonathan Magonet lernt seit mehreren Jahren die Sprache des Landes der aufgehenden Sonne. Vielleicht erfüllt sich ja eines Tages sein Traum, in Japan einen Vortrag auf Japanisch zu halten.
Jetzt hat es den Londoner Rabbiner aber erst einmal nach Bayern verschlagen. Vielmehr – das ist für die Bewohner dieses Landstrichs von Bedeutung – nach Franken. Genau gesagt nach Würzburg, wo der Theologieprofessor am 17. April als Erster die von der Evangelisch‐Lutherischen Kirche in Bayern neu eingerichtete Schalom‐Ben‐Chorin‐Gastprofessur für Jüdische Studien antrat. Ob Bayern oder Franken: Magonet, der ein progressives Judentum vertritt, macht sich wenig aus formalen Unterschieden.
Wobei es natürlich Unterschiede gibt. So unterscheidet der Alttestamentler selbst drei Sorten von Rabbinen: „Weise, leise und reisende“. Er gehört eindeutig letzterer Gruppe an. Der ehemalige Direktor des Londoner Leo Baeck Colleges ist dauernd unterwegs. Mehrmals schon nahm er Gastprofessuren in Deutschland an. Mehrere Male hielt er Vorträge in bayerischen Gemeinden.
Als reisender Rabbiner erweitert er ständig seinen Erfahrungshorizont. Jonathan Magonet verliert sich nicht gern im Abstrakten. Ihm geht es um das Existenzielle, das in der „informellen Wirklichkeit“ des einzelnen Menschen jenseits der formalen Religion liegt. Erlebt werden kann dies nur in der Begegnung mit anderen Menschen. Vorausgesetzt, einer kann zuhören. Kann hören auf das, was ein anderer zu sagen hat, auch wenn dieser Andere über weniger oder weniger tiefes Wissen verfügt. Aber er hat zwangsläufig einen anderen Blick. Dieser andere Blick interessiert den Rabbiner. Davon will er lernen.
„Hier ist alles ganz neu für mich“, gibt Magonet zu. Er hat es in Würzburg und Augsburg, wo er in den kommenden drei Monaten Vorlesungen halten wird, anders als etwa bei seinen Gastprofessuren in der Kirchlichen Hochschule Wuppertal, nicht mit angehenden Theologen zu tun. Sondern mit evangelischen Religionslehrern in spe ohne Hebräischkenntnisse: „Alles ist offen, ich weiß nicht, was die Studenten von mir erwarten.“
Dass die Evangelische Kirche ihn dazu erkor, die erste von derzeit drei anvisierten Schalom‐Ben‐Chorin‐Gastprofessuren in Bayern anzutreten, ist für den Wissenschaftler eine „große Ehre“. Er erinnere sich, so Magonet, an einen Schabbat‐Gottesdienst, den er vor mehreren Jahren mit Schalom Ben Chorin in der von ihm gegründeten Synagoge in Jerusalem feierte. Mit Ben Chorin teilt er die Überzeugung, dass nicht das Judentum und das Christentum in einen Dialog miteinander eintreten sollen, „sondern Juden und Christen“. Magonet geht über diese Überzeugung noch hinaus, indem er betont: „Wir dürfen unsere Identität nicht mehr von unserem Anderssein ableiten. Wir müssen lernen, sie in Verbindung miteinander aufzubauen.“
Jonathan Magonet nimmt einiges auf sich, um persönliche Begegnungen zu ermöglichen. So überwindet er Sprachbarrieren. Sein schnelles, fließendes Deutsch – „eine Mischung aus Schuldeutsch, theologischem Deutsch und Kneipendeutsch“ – entsprang allein der Notwendigkeit, in Deutschland sprechen zu müssen und sprechen zu wollen. Nicht die Menschen sollen zu ihm kommen. Er will zu den Menschen gehen. Immer wieder das beglückende Erlebnis, dass Vorurteile zu nichts zerrinnen, wo Begegnung möglich wird. Wo Menschen fähig werden, Unterschiede, wie Magonet sagt, zu „genießen“: „Und plötzlich ist der Andere nicht mehr des Teufels.“
So ganz von selbst und wie durch Zauberhand geht das natürlich nicht. Begegnung bedarf der Vorbereitung. Bedarf des Einfühlungsvermögens. Und möglicherweise kommt manchmal doch eine leise, nur mit dem für ihn typischen jüdischen Humor rasch wieder beiseitezuwischende Verzweiflung über Jonathan Magonet, wenn er zum x‐ten Mal damit konfrontiert wird, dass Christen christliche Fragen an ihn stellen, um ihn als Juden besser kennenzulernen. Wenige schaffen es, vom jüdischen Standpunkt aus zu fragen.
Magonet ist seit über 30 Jahren verheiratet und ist Vater von zwei Söhnen. Nun kam sein jüngstes „Kind“ zur Welt, das Gebetbuch Forms of Prayer. Acht Jahre arbeitete Magonet an dem mit Kalligrafien versehenen Werk: „Eine lange Geburt, nicht wahr?“ Etwa zu einem Fünftel enthält es Gebete aus seiner eigenen Feder. Im Kapitel „Lebenszyklus“ zum Beispiel ist ein Gebet des Rabbiners für Menschen am Beginn des Ruhestands abgedruckt. Den trat Magonet selbst 2005 an, nachdem er zehn Jahre lang das Leo Baeck College, wo er heute noch immer lehrt, als Direktor geleitet hatte. Neben konventionellen hebräischen Gebeten, die ins Englische übersetzt wurden, finden sich „radikale“ Texte in Magonets neuem Buch. Es gibt Informationen zu einzelnen Gebeten, damit gerade Menschen, die „am Rand stehen“, ein Zugang möglich wird. Als das Buch herauskommt, ist Pfingsten. Der Uni‐Betrieb ruht. Zeit, den dreimonatigen Deutschlandaufenthalt kurz für einen Abstecher in die Heimat zu unterbrechen. Magonet ist sehr neugierig, wie man sein Gebetbuch in England aufnehmen wird. Wird sich die Absicht des Herausgebers erfüllen, dass Juden unterschiedlichen Hintergrunds in den Gebetstexten ein religiöses Zuhause finden?
Neben den vielen Verpflichtungen, die ihm die Schalom‐Ben‐Chorin‐Gastprofessur auferlegt, widmet sich Magonet seinen Japanisch‐Lektionen. Gespeist wird sein Interesse von einer Japanreise, die ihn fasziniert hat. Und der Entdeckung, dass es Gemeinsamkeiten gibt zwischen der alten hebräischen und der alten japanischen Sprache. Während er, 65‐jährig, japanische Vokabeln büffelt, erinnert er sich zurück an die Zeit seiner ersten Hebräisch‐Stunden. Besser denn je kann sich Jonathan Magonet in Studenten hineinversetzen, die jetzt vor dieser schweren Aufgabe stehen.

jonathan magonet: forms of prayer
Reform Synagogues of Great Britain,
2008, 768 S., £9.95

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