Eliahu Inbal

„Ein Orchester ist wie ein Ferrari“

Maestro, wozu braucht man Dirigenten?
inbal: In manchen Kunstgattungen, zum Beispiel in der Malerei, ist ein Interpret unnötig. Jeder ist sein eigener Interpret, nicht wahr? Aber in der Musik müssen wir Interpreten haben, sonst ist nur Stille. Der Dirigent ist wie ein Regisseur, er bringt die vielen Interpreten, die Orchestermusiker, zu einer Gesamtvision, zu einer Symbiose, so daß die Elemente sich miteinander zu etwas Größerem kombinieren.

Wie drücken Sie als Dirigent der Musik und dem Orchester Ihren Stempel auf?
inbal: Nun, das Talent eines Dirigenten besteht in der Kommunikation. Wenn er Talent hat, respektiert das Orchester das sofort. Es merkt, daß der Mann eine Vision hat, und macht das, was er will. Ein großer Musiker oder Komponist kann vor dem Orchester stehen und nichts passiert, wenn er nicht diese Gabe hat. Und das hat mit Musikalität eigentlich wenig zu tun. Das ist Kommunikation. Das kann man nicht lernen, das ist angeboren.

Wie funktioniert das bei Ihnen?
inbal: Jedes Orchester gibt etwas, und ich muß dem Orchester etwas von mir geben, um den Stil der Musik zu erreichen, die ich dirigiere. Ich dirigiere nicht mechanisch, was ich am Tisch erdacht habe. Ich habe nie in meinem Leben zwei Konzerte auf genau die gleiche Weise dirigiert. Es gibt Dirigenten, die das tun. Man kann einfach beliebig wechseln, das ist genau das gleiche Tempo. Aber so etwas passiert bei mir nie. Jedes Mal ist das etwas Neues, und es hängt von tausend Sachen ab: vom Publikum, vom Saal, von der Akustik, von der Stimmung, in der das Orchester ist, und natürlich von meiner Stimmung.

Sie haben einmal einen Aufsatz über die Zerrissenheit in Mahlers Musik geschrieben. Durchleiden Sie am Pult die gesamten Emotionen in der Musik mit?
inbal: Absolut! Ich gehe wirklich tief in die Musik hinein. Ich erlebe die Musik. Deswegen dirigiere ich! Denn das Erlebnis, die Freude, die Intensität beim Musikmachen, beim Dirigieren sind nicht vergleichbar mit Musikhören. Das ist hundert Mal intensiver. In dem Moment bin ich auch ein besserer, ein größerer Mensch, weil ich eine Botschaft vermittle – danach nicht mehr (lacht)!

Sie sind Spezialist für Komponisten wie Bruckner, Bartok und Mahler sowie für zeitgenössische Musik. Barock und Klassik stehen selten auf Ihrem Repertoire. Warum?
inbal: Das kam aus der Praxis. Ich habe immer große Sinfonie‐Orchester gehabt. Wenn ich einen Ferrari habe, dann muß ich eben etwas schneller fahren, sonst geht er kaputt. Ich kann nicht so fahren, als ob ich ein Fahrrad hätte. Fahrrad ist Fahrrad und Ferrari ist Ferrari. Und es macht wenig Sinn, mit einem großen Sinfonieorchester ein Concerto grosso von Händel oder Vivaldi zu spielen. Zum großen Sinfonie‐Orchester gehört große sinfonische Musik. Das ist mein Hauptmenü geworden. Seitenrepertoire mache ich von Zeit zu Zeit, aber das ist nicht mein Ding. Das sind eher Häppchen. Es gibt allerdings noch einen anderen Grund: Ich kann nur große Musik gut dirigieren. Ich bin erst in meinem Element, wenn die Musik Bedeutung hat. Und deswegen finde ich mich besonders zurecht bei Mahler, bei Bruckner, bei Bartók, bei Brahms, weil das eine enorm große Musik ist. Ich brauche einfach eine große Botschaft in der Musik.

Sie gelten nicht gerade als Freund der atonalen Musik. Was mögen Sie an ihr nicht?
inbal: Ich versuche immer, offen zu bleiben. Aber ich habe meine Meinung, was richtig und was gut ist. Ich habe schon in den 60er Jahren gesagt, daß die atonale Musik keine Zukunft hat, weil man gegen den Instinkt der Menschen wirkt. Die Menschen brauchen drei Säulen: Rhythmische Zyklen, das ist die eine Säule. Die andere ist Melodik und Kontrapunkt. Und drittens die Vertikale, die Harmonie. Eine enorme Ressource der westlichen Musik sind gerade die Relationen zwischen den Akkorden. Sie können nur erzeugt werden, wenn die Musik tonal ist. Wenn sie atonal ist, dann ist alles neutral. Ohne diese Säulen kann die Musik keine Zukunft haben und sich nicht durchsetzen. Außer in der Oper, wo das Ohr sich am Text orientieren kann.

Woher kommt dann die Dominanz des Atonalen in der zeitgenössischen Musik?
inbal: In der Kunst wie in der Politik gibt es eine große Gefahr, das ist die Ideologie. In der Politik ist die Gefahr real. Menschen können sterben, wie bei Hitler, wie bei Stalin, wie bei Bin Laden. Ideologie gibt ein Muster vor, und in diesem Muster kann man alles machen. Plötzlich ist alles erlaubt. In der Musik ist es genau dasselbe, nur daß diese Ideologie ungefährlich ist. Wer nach dem Zweiten Weltkrieg nicht in dieser atonalen Linie geschrieben hat, war ein Außenseiter. Sogar ein Komponist wie Henze wurde geschmäht und attackiert, obwohl er nicht hundert Prozent dagegen war. Wir müssen akzeptieren, daß es in der Musik Dinge gibt, die fehlerhaft sind. Und die kommen, weil die Komponisten gegen ihre natürliche Neigung schreiben. Und warum? Weil es eine Ideologie gibt. In der Musik waren das die extreme Serialität und die Atonalität. Ich führe diese Musik zwar auf, wenn man mich bittet. Aber ich weiß, und die Erfahrung hat mir recht gegeben, das ist eine Sackgasse. Wenn man atonal schreibt, schreibt man Effektmusik. Das ist wunderbar, um Filme zu begleiten, oder Bühnenwerke. Da kann man sehr schön mit dieser Musik arbeiten. Das ist wirklich eine Bereicherung. Aber Musik geschieht in der Zeit. Und da sind diese Säulen einfach notwendig. Man verliert sich sonst.

Sie haben weltweit mit Orchestern verschiedener Nationalitäten gearbeitet. Gibt es zwischen ihnen Unterschiede?
inbal: Sehr große! Interessanterweise kommen die Unterschiede von der Sprache. Die Tonalität etwa der japanischen Sprache ist etwas höher, ein bisschen wie Französisch, eine fließende Sprache. Das Deutsche hat mehr Gewicht, mehr Akzente, mehr Struktur. Doch wenn es um die Struktur geht, ist Japanisch dem Deutschen ähnlich, sogar deutscher als Deutsch. Das Verb, das Wichtigste, kommt am Ende. Das ist eine Schutzmaßnahme, die die Leute errichten. Deswegen sind die Deutschen, die Japaner und die Engländer die Höflichsten, nicht wahr? Aber das hat trotzdem nicht genutzt, im Krieg waren sie die Grausamsten.

Fünf Jahre lang waren Sie Dirigent des Berliner Sinfonie‐Orchesters. 2006 haben Sie Berlin verlassen. Haben Sie schon eine neue Stelle?
inbal: Die Stellen, die ich bis jetzt hatte, kamen von allein. Ich habe die Bindungen niemals gesucht, sie kamen immer auf mich zu. Ich strebe auch nicht danach, ein Star zu sein. Ich mache meine Arbeit, so gut ich kann. Und wer etwas von Musik versteht, weiß das auch zu schätzen.

Mit Eliahu Inbal sprach Anke Kathrin Bronner

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