Alfred Döblin

Ein fremder Gast

von Wolf Scheller

Am 27. Februar 1933 brannte der Reichstag in Berlin. Einen Tag später verließ der Schriftsteller Alfred Döblin die Stadt, um der drohenden Verhaftung zu entgehen. Sein Exil zunächst in Frankreich und dann in den USA dauerte zwölf Jahre. Am 9. November 1945 kehrte Döblin nach Deutschland zurück und ließ sich in Baden-Baden nieder. Die Jahre, die hinter ihm lagen, waren vom Gefühl des Scheiterns und der Fremdheit geprägt. Doch auch in seinem Geburtsland blieb Döblin, heimkehrt in der Uniform eines Obersten der französischen Besatzungsarmee, ein »fremder Gast«, wie er notierte. Seine Zeitschrift Das goldene Tor stieß kaum auf Interesse, auch sein Lebensbericht Schicksalsreise (1949) fand nur wenige Leser. »Und wenn man meinen Namen nannte,« schrieb Döblin 1955, zwei Jahre vor seinem Tod, »fügte man ‚Berlin Alexanderplatz’ hinzu. Aber mein Weg war noch lange nicht beendet.«
In seiner Selbstbiographie – Doktor Döblin (Friedenauer Presse, Berlin) kann man nachlesen, wie dieser Weg begonnen hatte. Der 1878 geborene Sohn eines Schneidermeisters aus Stettin wuchs in einer Welt auf, in der er sich schon als Kind durch den schnöden Weggang des Vaters verwaist und ausgestoßen empfunden hatte. Noch der Vierzigjährige fragt nach der Vaterfigur, zu der er emporblicken möchte, nach einem Gott, der ihn aufnimmt. Seine literarische Arbeit war für Döblin, der schon vor 1917 seinen mit dem Fontane-Preis ausgezeichneten Roman Die drei Sprünge des Wang-lun und das Manuskript zum Wallenstein vorweisen konnte, ein Schmerz, der nicht nachlassen wollte. Die Demütigungen des Jahres 1933, als man ihn als Juden zuerst aus der Dichter-Akademie, dann aus Deutschland verjagte, verstärkte diesen Schmerz noch. Am 2. April 1933 schrieb er an seinen Freund Ferdinand Lion: »Am 10. Mai ist Autodafé, ich glaube, der Jude meines Namens ist auch dabei, erfreulicherweise nur papieren. So ehrt man uns ...«
Im Brotberuf war Alfred Döblin Armenarzt in Berlin gewesen. »Tat viel Dienst auf Rettungswachen, Tag und Nacht, fuhr monatelang morgens in ein Privatkrankenhaus, vertrat hier und da. Auf den Treppen, in den leeren Wartestunden schrieb ich, konnte schreiben, wo ich ging und stand.« Es war eigenes Erleben, das er in seinen Romanen verarbeitete. Er schöpfte aus den Erfahrungen eines Arztes für die kleinen Leute am Berliner Alexanderplatz: Aus den Erfahrungen der Revolution von 1918 und den folgenden Gegenrevolten, vom Kapp-Putsch 1920 bis zu Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle im November 1923. Die Republik von Weimar erschien ihm schon frühzeitig als eine Art Totgeburt. »Die Republik war von einem weisen Mann aus dem Ausland ins Heilige Römische Reich gebracht worden; was man mit ihr machen sollte, hatte er nicht gesagt: es war eine Republik ohne Gebrauchsanweisung.«
Als diese Republik dann kollabierte, floh Döblin zunächst in die Schweiz, dann nach Frankreich und von dort über Spanien und Portugal in die USA. Das Exil konnte seine literarische Produktion nicht unterbrechen. Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende fällt in diese Zeit. Später folgt sein historischer Amazonas-Roman über die Kolonisierung Südamerikas.
In Amerika konvertierte Döblin zum Katholizismus, was manche Kenner seines Werkes nicht erstaunte. Und doch blieb er in gewisser Weise »der Jude meines Namens« Über den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess schrieb er: »Die Zahl der nicht erschienenen Ankläger beläuft sich auf Millionen. Der Zustand, in dem sie sich befinden, in den sie die vorausgegangenen Umstände gebracht haben, macht ihren Transport unmöglich. Sie liegen waagerecht in ihren Gräbern, nachdem sie erschossen, gehängt, geköpft, zu Tode geknüppelt und vergast sind.«
In der restaurativen Adenauer-Republik mochte Alfred Döblin sich nicht mehr zurechtfinden. »Wir hatten in Deutschland nie eine solche politische Situation, rein nationalistisch und unfrei, reaktionär wie jetzt. Die Sozis sind nie und nimmer eine linke Partei. Das alte Bürgertum ist hin. Die Literaten sind Opportunisten, geistig sehr belanglos«, liest man in den Schriften zu Leben und Werk. Etwas weiter heißt es dann: »Es ist geblieben, wie es war. Ich finde hier keine Luft zum Atmen.«
Seine letzten Themen sind »Krankheit, Alter, Tod«. Das neue Jerusalem - die neue Gesellschaft. Der schwer kranke Dichter – Döblin litt an Schüttellähmung, an der schon seine Mutter gestorben war – hatte sich in den letzten Lebensjahren immer wieder in diese Vorstellungswelt der Vieldimensionalität geflüchtet. An der Endstation seines Weges angelangt, hatte er keine Antworten, auch für sich selbst nicht – trotz seiner religiösen Konversion. »Ein Mensch hat es leichter als eine Stadt, sich zu ändern, ein Mensch kann leben bleiben, eine Stadt stürzt ein. Bin ich ein verlorener Sohn, der nicht zurückkehren will?« Alfred Döblin starb am 26. Juni 1957 im Landeskrankenhaus von Emmendingen.

Israel

Dafür stehen die arabischen Parteien in Israel

Die arabisch geprägten Parteien in Israel haben bei der Parlamentswahl überdurchschnittlich gut abgeschnitten. Wofür setzen sie sich ein, was sind ihre Ziele?

 28.10.2026

Regierungsbildung

Berliner Linke berät erneut über Vanessa Emde

Kurz vor dem geplanten Beginn von Koalitionsgesprächen mit Grünen und SPD diskutiert die Berliner Linke über Antisemitismus - einmal mehr

 27.10.2026

Berlin

Berliner Linke berät zum wiederholten Mal über umstrittene Abgeordnete

Vanessa Emde steht wegen Äußerungen zu Israel und zum Nahost-Konflikt massiv in der Kritik

 27.10.2026

Weimar

Verein will Gedenken an KZ-Außenlager stärken

Buchenwald war mehr als ein einzelnes NS-Konzentrationslager. Mehr als 100 Außenstandorte gehörten zu diesem Lagerkomplex. Längst nicht an alle wird heute erinnert – ein Verein will das ändern

 23.10.2026

Deutschland

Wie hält es die CDU in Sachsen-Anhalt mit der AfD?

AfD-Politiker Siegmund braucht drei Stimmen aus anderen Reihen, um Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt zu werden. Ein CDU-Abgeordneter stellt sich nun gegen die CDU-Fraktionslinie

von Christopher Kissmann  22.10.2026

Kino

Film über einen kreativen Geist

»Biermann« ist ein dokumentarisches Porträt des Liedermachers Wolf Biermann, der auch 50 Jahre nach seiner Ausbürgerung aus der DDR noch immer künstlerisch aktiv ist. Allerdings hat der Film auch Leerstellen

von Reinhard Kleber  22.10.2026

Siedlergewalt

Huldai: »Ich schäme mich und schweige nicht mehr«

Tel Avivs Bürgermeister verurteilt die Gewalt gegen palästinensische Olivenbauern und Journalisten scharf. Er warnt vor dem Zerfall rechtsstaatlicher und zionistischer Werte

von Sabine Brandes  22.10.2026

Schwerin

Schwesig wirbt für Bund-Länder-Gruppe zur Prüfung der AfD

Den verfassungsrechtlichen Umgang mit der AfD prüfen? Gut, findet Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin – und spricht sich für den Vorstoß eines CDU-Ministerpräsidenten aus

 22.10.2026

Nahost

Israels Armee erhöht Alarmbereitschaft vor den Wahlen

Vor der Wahl herrscht laut einem TV-Bericht die Sorge vor Anschlagsversuchen, mit denen Einfluss auf die Wahl genommen werden könnte. Der Militärchef ordnet umfassende Sicherheitsmaßnahmen an

 19.10.2026