Amos Kollek

„Ein berühmter Vater ist eine Last“

Herr Kollek, in Ihrem neuen Film „Restless“ entdecken ein israelischer Vater und sein Sohn, wie ähnlich sie einander trotz aller Konflikte sind. Geht es Ihnen mit Ihrem Vater Teddy Kollek, dem legendären Bürgermeister von Jerusalem, genauso? Sind Sie sich ähnlicher, als Sie dachten?
kollek: Ich war mir immer der Unterschiede bewusst, die es zwischen uns gab. Aber ich fühle doch einige Ähnlichkeit mit meinem Vater, sogar, was das Aussehen betrifft. Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und entdecke plötzlich Züge, in denen ich ihm ähnele. Früher hatte ich gedacht, dass ich mehr mit meiner Mutter gemein habe. Und dann sind da diese kleinen Dinge. Zum Beispiel: Mein Vater mochte Äpfel. Grüne, saure Äpfel. Ich auch. Es gibt auch Sätze, die mein Vater zu sagen pflegte, die ich mir zu eigen gemacht habe. „Das ist jemand, der zu Ende bringt, was er angefangen hat!“, oder „Das ist jemand, der nie zu Ende führt, was er begonnen hat!“ Das war ihm immer sehr wichtig. Von meinem Vater habe ich gelernt, dass es sehr wichtig ist, hart zu arbeiten, sich auf Dinge zu kon‐zentrieren, sich einer Sache voll und ganz zu widmen. Allerdings weiß ich nicht, bis zu welchem Grad ich dabei erfolgreich bin.

Ihr Vater war als führender Politiker ein viel beschäftigter Mann. Wie oft haben Sie ihn gesehen, als Sie heranwuchsen?
kollek: Er war nicht viel zu Hause. Auch nicht abends und an den Wochenenden. Aber über die Jahre habe ich ihn natürlich oft gesehen, ich war ja schon fast sechzig, als er 2007 starb.

Sie haben zusammen mit Teddy dessen Autobiografie „Ein Leben für Jerusalem“ geschrieben. Hat er diese Zusammenarbeit angeregt, damit Sie ihn besser kennenlernen?
kollek: Ja, uns kennenzulernen, einander näher zu kommen, das war ganz eindeutig einer der Gründe. Wir haben auch darüber geredet. Und später habe ich dann einen Dokumentarfilm über ihn gedreht.
In Ihrem Roman „Nach Liebe fragt man nicht“ hadert der Erzähler mit seinem berühmten Vater. Er wird um ihn beneidet, gleichzeitig unterstellt man ihm, nichts aus eigener Kraft, sondern alles nur dank des Vaters erreicht zu haben. Haben Sie auch diese Erfahrung gemacht?
kollek: Ja, das war eine fürchterliche Last für mich, immer mit ihm verglichen zu werden. Unser Interview ist ein gutes Beispiel. Ich bin hier, um über meinen neuen Film zu sprechen und wir reden über meinen Vater.

Aber das liegt doch auf der Hand. In „Restless“ geht es schließlich um eine schwierige Vater‐Sohn‐Beziehung. Sie haben den Film auch Teddy gewidmet.
kollek: Sicher. Trotzdem ist unser Gespräch typisch. Heute nehme ich mir das nicht mehr so zu Herzen, da ich ja inzwischen meinen eigenen Weg gemacht habe. Aber früher fand ich das sehr schlimm. Wenn man immer über den Vater ausgefragt wird, dann fühlt man sich fast so, als existiere man selbst nicht.

Sind Sie deshalb nach New York gegangen, um nur noch Amos Kollek und nicht mehr der Sohn von Teddy zu sein?
kollek: Ja, eindeutig. In New York habe ich sehr intensiv erfahren, ich selbst zu sein. Das ist schließlich eine riesige Stadt, in der sehr viele berühmte Leute leben. Niemand schert sich deshalb darum, ob man der Sohn einer israelischen Berühmtheit ist. In New York hat man mich sehr oft interviewt, ohne mich nach meinem Vater zu fragen.

In „Restless“ leiden die Israelis in New York unter Heimweh, aber kehren doch nicht zurück.
kollek: So geht es dort in der Tat vielen. Erst sagen sie sich, dass sie ja nur ein oder zwei Jahre bleiben wollen, und dann werden daraus dreißig Jahre. Manche bleiben für immer dort, aber sind der Heimat trotzdem noch sehr stark verbunden. Vielleicht hängt das ja auch mit dem schlechten Gewissen zusammen, das sie verspüren, weil sie Israel verlassen haben. Emotional gesehen ist es sehr, sehr hart, Israel zu verlassen. Und es gibt ja auch viele, die nach zwanzig Jahren in New York wieder zurück nach Israel gehen.

Auch für Ihren Hauptdarsteller Moshe Ivgi ist Ihr Film autobiografisch, auch er hat versucht, sich in New York eine neue Existenz aufzubauen.
kollek: Da war er schon 50 Jahre alt. Das war eine wirklich harte Entscheidung für ihn. Er hat damals in einer Kellerwohnung gelebt. Soweit ich weiß, hat er zwei Jahre lang versucht, sich in Amerika eine Karriere aufzubauen. Doch in New York gibt es ja furchtbar viele talentierte Leute, die es nach oben schaffen wollen. Das ist sehr, sehr schwierig.
Sie selbst haben jahrelang mal in New York, mal in Jerusalem gelebt. Vor wenigen Jahren sind Sie dann doch wieder in ihre Geburtsstadt zurückgekehrt. Ist Ihnen diese Entscheidung schwer gefallen?
kollek: Oh ja, sehr, sehr schwer. Aber früher war ich gewöhnt, nur für mich alleine zu entscheiden. Aber dazu hatte ich kein Recht mehr, als Frau und zwei Kinder dazukamen. Ich fühlte, dass ich nicht das Recht hatte, meine Interessen über ihre zu stellen. Wenn wir geblieben wären, wären meine Töchter Amerikanerinnen geworden. Aber vielleicht bin ich ja auch deswegen nach Jerusalem zurück, weil ich ebenso lieber dort lebe.

Nach dem Tod Ihres Vaters und Ariel Scharons Schlaganfall ist Shimon Peres der letzte politisch noch aktive Gründervater Israels. Was wird aus der Generation der Söhne, wenn die Väter verschwunden sind?
kollek: Die Probleme werden nicht von meiner Generation, also von den Leuten, die jetzt in Israel an der Macht sind, gelöst werden. Das wird erst eine Generation schaffen, die ganz anders als die meine ist. Vielleicht hat die Zeit nicht ausgereicht. Man braucht eine gewisse emotionale Distanz, um diese Probleme zu lösen. Meine Generation vermag es nicht. Ebenso wenig wie Shimon Peres.

Das Gespräch führte Christian Buckard.

Holocaustmuseum in Leipzig
Die von der privaten „Stiftung Deutsches Holocaust‐Museum“ geplante Dokumentationsstätte in Leipzig wird voraussichtlich zwischen 55 und 70 Millionen Euro kosten. Der Architekt Meinhard von Gerkan, der in Berlin den Hauptbahnhof errichtet hat, wird Ende April detaillierte Pläne für die Gestaltung vorstellen. Die Finanzierung soll großteils über Spenden erfolgen. „Darüber hinaus hoffen wir auch auf Unterstützung seitens der Bundesregierung“, so der Stiftungsvorsitzende Hans‐Jürgen Häßler. epd
www.holocaust-museum.de

***
Mendelssohn‐Briefe in Berlin
Das Mendelssohn‐Archiv der Berliner Staatsbibliothek hat 170 Briefe aus den Jahren 1831 bis 1872 erhalten, die Paul Mendelssohn‐Bartholdy (1812 – 1874) seiner Verlobten und späteren Frau Albertine Heine schrieb. Der jüngere Bruder des Komponisten Felix Mendelssohn‐Bartholdy leitete die Mendelssohnsche Familienbank und war finanzpolitischer Berater der preußischen Regierung. ja

***
Liebermann‐Bilder in Dresden
Im Dresdner Zwinger sind bis 31. August Gemälde von Max Liebermann (1847–1935) aus der Galerie Neue Meister zu sehen. Zudem werden zwei Werke des Expressionisten dokumentiert, die seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen gelten: „Die Näherin“ (1881), die 1897 als erstes Werk Liebermanns für die Dresdner Galerie angekauft worden war, sowie das Bild „Judengasse in Ams‐terdam“ von 1905. dpa
www.skd-dresden.de

Fußball

»Wusste nicht, was Nazi-Gruß ist«

Torwart des Premiere-League-Clubs Crystal Palace entgeht mit einer sehr besonderen Begründung einer Strafe

 16.04.2019

Ferdinand von Schirach

Die zweite Schuld

Der Autor stellt Studie über Raubkunst in seiner Familie vor – und fordert Nazi-Nachkommen zu Transparenz auf

 12.04.2019

USA

Polizeihund darf nicht »Rommel« heißen

Mit den Worten »Willkommen an Bord, Rommel!« hatte das Sheriff-Büro den Neuzugang stolz vorgestellt

 08.04.2019