Rafael Mizrahi

»Ein anstrengendes Geschäft«

Mein Hausarzt sagt immer, ihr seid alles Phantasten, und ich antworte ihm: Herr Doktor, wir haben doch schon sehr viel bewegt in Göppingen. Und dann erinnere ich ihn daran, dass es schon zu einer Tradition geworden ist, dass wir jedes Jahr am 9. November am Platz der Synagoge mit dem Oberbürgermeister der Reichspogromnacht gedenken, dass in Göppingen Straßen umbenannt worden sind nach ehemaligen jüdischen Bürgern, die in Auschwitz ermordet wurden. Dass wir Stolpersteine dort aufstellen ließen, wo früher jüdische Familien gewohnt haben. Oder dass wir an der Schiller‐Realschule für Mädchen eine Tafel haben anbringen lassen, die jetzt jeden darauf aufmerksam macht, dass in der Aula dieser Schule die Göppinger Juden für den Abtransport in die Konzentrationslager gesammelt wurden.
Wenn ich »wir« sage, meine ich unseren kommunalpolitischen Arbeitskreis, der sich jeden Donnerstag zu einem gemeinsamen Abendessen in einem Göppinger Lokal trifft, wo es manchmal schon sehr laut zugeht, da wird heftig diskutiert. In den etablierten Parteien finde ich keine gemeinsame Sprache, deswegen haben wir diesen Arbeitskreis ins Leben gerufen. Dort treffen sich Leute, die sehr viel lesen, die informiert sind, zwei Oberschwestern, eine Fachlehrerin, ein Journalist, ein Architekt – meine Frau Ester und ich sind die einzigen Juden in diesem politischen Freundeskreis.
Seit mehr als 20 Jahren leben meine Frau und ich im Schwabenland, das zu den landschaftlich schönsten Gegenden in ganz Deutschland gehört, ja, es ist schön hier, gerade wegen der Freunde vom Donnerstagskreis fühlen wir uns richtig wohl. Dabei waren Göppingen oder der Stadtteil Faurndau, in dem wir wohnen, alles böhmische Dörfer für mich, als ich 1985 in Israel erstmals davon hörte.
Von Deutschland kannte ich am besten das Ruhrgebiet. Ich bin zwar 1936 in Berlin auf die Welt gekommen, aber schon kurz vor meinem dritten Geburtstag und wenige Wochen vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs flüchteten wir nach Paris, um von dort nach Bolivien auszuwandern. Mein Vater hatte schon alle Formalitäten geregelt, als er sich von befreundeten französischen Juden überreden ließ, mit seiner Familie in Frankreich zu bleiben, weil wir hier angeblich sicher seien. So blieben wir bis 1949 in der Nähe von Lyon, dem Hauptquartier der Gestapo und der französischen Widerstandsbewegung, ehe wir mit dem Schiff nach Israel auswanderten. Als gebürtiger Berliner lernte ich dann in Israel Deutsch!
Mein in Istanbul geborener Vater war schon immer in der Orientteppich‐Branche tätig, hatte vor dem Krieg ein eigenes Geschäft in Wiesbaden und Berlin und eröffnete 1957 wieder ein eigenes Teppichgeschäft in Gelsenkirchen. Ich wollte ihn dort von Israel aus eigentlich nur besuchen und für einen Bekannten ein Kino‐Vorführgerät besorgen, aber er erklärte mir so eindringlich , dass er mich brauche – und so blieb ich bei ihm und im Teppichhandel und erlebte sehr schöne und geschäftlich erfolgreiche Jahre in Gelsenkirchen.
Auf diese Weise ließ sich auch der Wunsch meines Vaters erfüllen, noch einmal seine Geburtsstadt zu besuchen. Mit dem Schiff reisten wir 1963 von Marseille nach Istanbul – und ich lernte dort meine Frau Ester kennen. Sie war 18, ich 26, einen Monat später waren wir schon verlobt, ein Jahr später verheiratet.
Wir waren glücklich in Gelsenkirchen, doch als 1973 das Angebot kam, im Künstlerviertel von Tel Aviv zusammen mit einem Antiquitätenhändler ein Orientteppich‐Geschäft zu eröffnen, siedelten wir wieder nach Israel über – um noch vor der Eröffnung unseres tollen Ladens erleben zu müssen, wie mein Partner im Jom‐Kippur‐Krieg fiel. Also begann ich als Vertreter für Teppichböden, was anfangs genauso schwer war, wie Eis an Eskimos zu verkaufen.
Und dann wurde mir 1985 in Göppingen eine leer stehende Etage in einem Kaufhaus angeboten, für die ich keine Miete bezahlen musste, sondern nur eine Erfolgsprämie vom Umsatz. Ein in Hamburg und München tätiger Teppich‐Importeur stellte mir treuhänderisch Ware für ein paar Hunderttausend Mark zur Verfügung. Bis heute haben es meine Frau und ich nicht bereut, diesen Schritt gewagt zu haben. Seitdem leben wir in Göppingen. Unsere Kinder und Enkel in Israel besuchen wir jedes Jahr.
Nicht weniger wichtig als der Donnerstags‐Arbeitskreis ist mir das monatliche Antifa‐Treffen. Die meisten Teilnehmer sind Gewerkschaftsmitglieder, alle zusammen sind wir schon nach Israel gefahren und haben in Jerusalem gemeinsam die Gedenkstätte Yad Vashem besucht. Dort wird einem die Grausamkeit des Holocaust eindringlich vor Augen geführt. Ich selbst habe den Nazi‐Terror nur durch ein gütiges Schicksal überlebt. Wir Kinder im besetzten Frankreich sollten in Feriendörfern vor den Nazis versteckt werden, doch man nahm nur gesunde Jungen und Mädchen auf. Ein Arzt bescheinigte mir eine schwere Bronchitis, so dass ich nicht in das Kinderdorf in Izieu durfte, das wenig später von Klaus Barbie, dem berüchtigten Gestapo‐Chef von Lyon, entdeckt wurde, der alle 44 Kinder nach Auschwitz abtransportieren ließ. Nicht eines von ihnen blieb am Leben. Die Bronchitis hat mich gerettet.
Ich kann auch nie vergessen, was ich als achtjähriger Junge an der Hand meines Vaters in Lyon erlebt habe und was sich in meinen Kopf eingebrannt hat, als Franzosen nach der Befreiung die eigenen Landsleute, die mit den Nazis kollaboriert hatten, an die Wand stellten und vor meinen Augen erschossen.
Von Göppingen aus wurde ich auch Mitglied der Israelischen Religionsgemeinschaft im 40 Kilometer entfernten Stuttgart, wohin ich jeden Freitag vor Sonnenuntergang fahre. Dort habe ich Sigrid Warscher kennengelernt, mit der ich seit 2005 eine Immobilienfirma führe, nachdem der Teppichhandel nicht mehr lohnend war. Ich gebe zu, mein früherer Beruf hat mir mehr Spaß gemacht. Das ist eine reine Vertrauenssache, man muss sich auskennen, ob ein Teppich aus Südpersien, aus der Türkei, aus Afghanistan oder China kommt, und diese Kenntnisse habe ich im Blut.
Der Immobilienhandel ist eine schwierige Branche, ein Labyrinth, in dem sich viele schwarze Schafe tummeln. Nicht nur unter den Maklern, auch unter den Käufern. Und hat man dann nach wochenlangen Bemühungen eine Sache unter Dach und Fach, dann taucht plötzlich eine Bank mit neuen Forderungen auf – und lässt den Kauf platzen. Es ist wirklich ein anstrengendes Geschäft. Sobald jedoch die Provision fließt, ist der ganze Ärger vergessen.
Natürlich sind nicht alle im Immobilienhandel schwarze Schafe. Es gibt viele israelische Investoren, für die wir in Deutschland nach geeigneten Objekten und Projekten Ausschau halten. Sigrid Warscher und ich ergänzen uns gut, sie spricht perfekt Englisch, ich Hebräisch. Jeden Montag treffen wir uns bei ihr in Stuttgart, um die Woche durchzuplanen. Dass in Deutschland der Sonntag Feiertag ist, passt gut in unser Geschäft. Nach der Schabbat‐Ruhe am Samstag ist das für mich ein reiner Werktag, an dem ich ungestört unsere Investoren in Israel kontaktieren kann.

Aufgezeichnet von Gerd Kempf

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