Augsburg

Doppelt attraktiv

von Vera von Wolffersdorff

Die Israelitische Kultusgemeinde und das jüdische Museum Augsburg sind eng miteinander verbunden. Das Museum liegt in einem Seitentrakt der Jugendstilsynagoge. Zwar haben sie unterschiedliche Träger – das Museum ist eine Stiftung – doch manches Gemeindemitglied sitzt unten im Foyer am Kassentresen oder hinterm Büchertisch. Es sind vor allem jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die sich hier ein paar Euro verdie‐ nen, weil sie in ihren ursprünglichen Berufen keine Anstellung erhalten. An ihnen vorbei kommt jeder Besucher, der die Treppe zur ehemalige Frauengarderobe der Synagoge hinaufsteigt. Sie ist der Hauptraum der Ausstellung. 2006 wurde das kleine Museum neu gestaltet. Seitdem kommen mehr und mehr Besucher, rund 24.000 waren es im vergangenen Jahr.
Gezeigt und erzählt wird die Geschichte der Juden in und um Augsburg: Ende des 18. Jahrhunderts war in vielen schwäbischen Gemeinden ein Drittel der Bevölkerung jüdisch, mancherorts sogar die Mehrheit – Schwaben war jahrhundertelang eine Hochburg jüdischen Lebens. Erst im Lauf des 19. Jahrhunderts zogen viele zurück in die Stadt, nach Augsburg oder München.
„Jüdische Geschichte als Teil deutscher Geschichte begreifen“, bringt die Museumsleiterin Benigna Schönhagen ihr Konzept auf den Punkt. „Es ist klar: Ohne die NS‐Zeit gäbe es dieses Museum nicht. Sie bedingte den Bruch zwischen Juden und Deutschen, aber vorher gab es ein Miteinander. Positive Aspekte der Verflechtung jüdischer und deutscher Geschichte in den Blickpunkt zu rücken, ist mir ein Anliegen.“ Wie sehr sich die Augsburger Juden Anfang des 20. Jahrhunderts in ihrer Stadt verwurzelt fühlten, zeigt ein Emblem im Hof der Synagoge: In der Mitte eines Magen David ist das Wahrzeichen von Augsburg, ein Pinienzapfen, zu sehen.
Drinnen im Museum stehen verschiedenfarbige Vitrinen. Die grünen symbolisieren die Schaukästen, die sich der jüdischen Tradition widmen, Gegenstände religiöser Praxis, privater Feiern und Feste im Jahreslauf. Dabei werden nicht nur Ritualgegenstände aus dem 18. Jahrhundert präsentiert: moderne Kippot oder Jahrzeitlichter sollen den Bogen aus der Vergangenheit in die Gegenwart schlagen.
Ein Höhepunkt der Ausstellung sind gut ein Dutzend silberne Tora‐Schilder, die aus den zerstörten schwäbischen Synagogen stammen. Augsburger Silberschmiede waren im 17. und 18. Jahrhundert berühmt für ihre Judaica, jüdische Gemeinden aus ganz Europa ließen dort fertigen. Zu sehen sind auch Besomim‐Büchsen in Form von Stadttürmen oder Eisenbahnen. Entstanden sind sie im 19. Jahrhundert, als jüdische Viehhändler um den Anschluss an die Eisenbahnlinie wetteiferten.
Die pädagogische Vermittlung ist Leiterin Schönhagen sehr wichtig. Nicht nur, weil zahlreiche Schulklassen aus Bayern oder Baden‐Württemberg zu den Besuchern zählen. Auch Kindergarten‐ und Grundschulkinder sollen sich spielerisch mit dem Judentum befassen können. Für sie sind auf Kniehöhe Schablonen angebracht, mit denen man seinen Namen auf Hebräisch schreiben kann, oder Täfelchen zum Aufklappen, die erklären, woher beispielsweise der Ausdruck „Schmiere stehen“ kommt. „Wichtig ist, dass man etwas tun darf und selbst bestimmt, was und wie viel man wissen will“, sagt Schönhagen. Ausziehbare Tableaus liefern ergänzende Fakten zu den ausgestellten Objekten, an Monitoren kann man sich durch das gesamte jüdische Schwaben klicken.
In einzelnen Nischen des Raums geht es um die Wiederanfänge der Gemeinde in Augsburg im 19. Jahrhundert, um die Emanzipation, die staatsrechtliche Gleichstellung. Familiengeschichten wie die der Landauers, Kaufhausbesitzer in Augsburg, werden anhand von Fotoreproduktionen nacherzählt, bis hin zu den Boykotten und Folgen der Arisierung während der NS‐Zeit. Landauer hieß auch eine Textilfabrik. Moses Samuel Landauer hatte einst eine Weberei auf dem Land, später das Werk in Augsburg gegründet. Sein Urenkel Fritz war der Architekt der Synagoge.
Eher am Rande der Ausstellung wird die NS‐Zeit thematisiert: Es sind Reproduktionen von sechs Abschiedsbriefen zu sehen. An einer Hörstation wird der Tagebucheintrag einer Gemeindeschwester verlesen, die in der Pogromnacht den Brand der Augsburger Synagoge miterlebt hatte.
Von der Geschichtsdarstellung profitieren auch die Gemeindemitglieder. Im Museum erfahren sie mehr über jüdisches Leben und jüdische Religion. Auf dem Weg zur Empore der Synagoge hängt eine Wand voller Porträts: Hommage an die Zuwanderer aus den vergangenen zwei Jahrzehnten.
Die machen reichlich Gebrauch von dem Museumsangebot und nehmen an den Rundgängen durch die 1917 erbaute Synagoge teil. Veranstaltungen wie eine Gesprächsreihe mit Zeitzeugen, Workshops für Schulklassen oder Konzerte in der Synagoge ergänzen die Ausstellung. Gemeinsam mit der Kultusgemeinde bietet das Museum Vortragsreihen wie die von Rabbiner Henry Brandt zu „Sukkot“ oder ein Gespräch mit dem künftigen Kantor der Gemeinde, Nikola David, über seine Funktion und Aufgabe an. „Die Zusammenarbeit klappt gut“, meint Schönhagen. Sie hat noch viel vor: Eine eigene Publikationsreihe ist angedacht, ein kleiner Museumsführer soll entstehen, ein englischsprachiger Führer und Internetauftritt sind geplant. Schwerpunkt der kommenden Veranstaltungsreihe im Herbst ist das Thema „Musik in der Synagoge“. Purer Zufall, dass dann der Kantor seine Stelle antritt? Eher Zeichen guter Zusammenarbeit mit der Gemeinde.

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