israel

Doppelmoral

»Das Israel von heute lässt sich am besten als Apartheidsstaat bezeichnen«, schreibt Neve Gordon. »Als Konsequenz habe ich beschlossen, die Boykott‐ und Sanktionsbewegung zu unterstützen, die im Juli 2005 von palästinensischen Aktivisten ins Leben gerufen wurde und seither weltweit viel Unterstützung findet.«
Nun sind Analogien und Bekenntnisse dieser Art selbst für israelische Linke nicht wirklich neu oder originell. Doch wenn sich ein Dozent für Politikwissenschaft an der Ben‐Gurion‐Universität in Beer Schewa dazu hinreißen lässt, den jüdischen Staat mit dem Apartheidsregime am Kap zu vergleichen, und dies auch noch in einem Artikel in der angesehenen Los Angeles Times, dann ist der Skandal programmiert. »Wir sind empört über Gordons Äußerungen, die unverantwortlich und moralisch verwerflich sind«, erklärte Rivka Carmi, die Präsidentin der Universität im Negev. »Zudem verurteilen wir seine verheerenden Äußerungen sowie die zynische Ausnutzung des Rechts auf freie Meinungsäußerung in Israel und an der Universität aufs Schärfste.«

bürgerrecht Trotz aller Kritik: Professor Gordon muss nicht auf Jobsuche gehen. Zwar gab es seitens einiger Kollegen und Politiker die Forderung, ihn zu entlassen. Eine Kündigung wurde jedoch nicht ausgesprochen. »Wir sind schließlich ein demokratisches Land, das jedem das Recht auf freie Meinungsäußerung garantiert, selbst wenn das Gesagte der Mehrheit nicht gefällt«, so Professor Jimmy Weinblatt, Leiter der Fakultät für Politische Wissenschaften und damit Gordons Chef. Dennoch legte man Gordon nahe, aus seinem Verhalten und seinen Forderungen letztendlich persönliche Konsequenzen zu ziehen. Dies wiederum brachte die Association of Civil Rights in Israel auf die Barrikaden, die in einem Schreiben die Universitätsleitung beschuldigte, das soziale und politische Engagement ihrer Mitarbeiter zu behindern und abweichende Meinungen zu unterdrücken.
Wie substanzlos dieser Vorwurf ist, zeigt ein genauerer Blick auf das Lehrpersonal der Ben‐Gurion‐Universität. Denn nicht nur Neve Gordon konnte dort Karriere machen, und dass, obwohl er bereits im Jahr 2003 einer der Israelis war, die sich während der Belagerung des Amtsitzes von Jassir Arafat durch die israelische Armee an der Seite des PLO‐Chefs aufgehalten hatten. Mit dem Historiker Amnon Raz Krakotzkin hat die Hochschule einen weiteren prominenten Dozenten an Bord, der eher durch seine antizionistischen Ansichten bekannt wurde als durch seine Forschungen.

mundtot Allen gemein ist die Pose des verfolgten Dissidenten, der mundtot gemacht werden soll. Darin haben Gordon, Raz Krakotzkin oder der einen Boykott der eigenen Universität fordernde Ilan Pappé aus Haifa Übung. Doch wie kann es sein, dass sämtliche Bücher dieser Gelehrten nach wie vor in den Bibliotheken zu finden sind, ihren Meinungen in den nationalen Medien derart viel Aufmerksamkeit geschenkt wird und sie als Mitarbeiter der Universitäten nach wie vor auf der Gehaltsliste genau des Staates stehen, der sie angeblich unterdrückt?
Neve Gordon pocht auf sein Recht auf freie Meinungsäußerung. Kritisieren ihn aber andere, ist der Dozent schnell beleidigt. Als ihn vor sechs Jahren sein Kollege Steven Plaut von der Universität Haifa aufgrund zahlreicher Sympathiebekundungen für Norman Finkelstein als einen »Möchtegern‐Judenrat« bezeichnete, mobilisierte Gordon seinen Anwalt. Plaut wurde von einem Gericht wegen Verleumdung zu 80.000 Schekel (circa 14.500 Euro) Strafe verdonnert. »Es ist absurd, dass es Gordon erlaubt ist, andere als Nazis zu bezeichnen, aber Plaut nicht«, kommentierte Harvard‐Professor Alan Dershowitz den damaligen Prozess. »Gordon, der keine Probleme damit hat, wenn Israel mit den Nazis verglichen wird, stößt sich daran, mit denselben Nazis verglichen zu werden.« Ralf Balke

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