Miki Pluznik

Doktorat in Lebenserfahrung

von Olaf Glöckner

Er ist einer von jenen, die von der Freude am Leben und der Gefährdung menschlicher Existenz fast in einem Atemzug sprechen können. Miki Pluznik, mit freundlichen Augen, grau meliertem Vollbart und leicht österreichischem Akzent, hat sich schon sehr verschiedenen Herausforderungen gegenübergesehen – konstant aber blieb sein Selbstbewusstsein als »israelischer Patriot«. In Berlin hat Pluznik nun das erste Jahr als Delegierter für Testamente und Stiftungsfonds von Keren Hayesod hinter sich. »In diesen Job wurde ich keineswegs hineingeboren«, bekennt der 64-jährige Mann aus Tel Aviv mit ruhiger Stimme, »aber hier schließt sich für mich ein Kreis bisheriger Erfahrungen.«
Miki Pluznik vertritt Keren Hayesod nicht nur in der deutschen Hauptstadt, sondern auch in Wien – jener Stadt, aus der seine Eltern im März 1939 gerade noch den Nazis entkommen konnten. »Dass die Flucht im letzten Moment noch gelang, hatte viel mit der Unterstützung durch Keren Hayesod und die Jewish Agency zu tun«, erzählt Pluznik, »und so etwas vergisst man im Leben nie.« Die Flucht endet im britischen Mandatsgebiet Palästina, und hier wird Miki Pluznik im März 1943 in Tel Aviv geboren. Hier verbringt er die Kindheit, mit achtzehn Jahren kommt er zu den israelischen Fallschirmjägern, später arbeitet er als Werbeberater.
Miki ist ein »Sabre« und weiß, wo er hingehört. Wie viele andere Israelis seiner Ge-
neration heiratet der junge Mann relativ früh, erlebt den Sechs-Tage-Krieg bei einer Panzereinheit und wird regelmäßig zum Reservedienst eingezogen. Im August 1970 trifft ihn dann ein harter Schicksalsschlag. »Ich war mit einer Reserveeinheit im Südlibanon, um Fatah-Kämpfer zu vertreiben, die regelmäßig israelische Schulbusse be-
schossen. Dabei trat ich auf eine Mine und wurde schwer verletzt. Der Fuß konnte ge-
rettet werden, aber mein linkes Auge nicht.« In den folgenden Jahren engagiert sich Miki Pluznik – als selbst Betroffener –in der Kriegsversehrtenorganisation der israelischen Armee (Zahal Disabled Veterans Organisation), bereist verschiedene Länder und baut mit einem kanadischen Freund ein Rosenzuchtunternehmen in Binjamina auf. Ab 2002 arbeitet er hauptberuflich mit Kriegsveteranen und nimmt parallel ein Studium in Haifa auf, das sich mit »Finanzmanagement in der Gerontologie« beschäftigt.
Im November 2006 dann die neueste Zäsur im Leben von Miki Pluznik: Er nimmt das Angebot von Keren Hayesod an, für die Spendensammelorganisation in Berlin zu arbeiten. »Es passte gut zusammen, da ich als Delegierter für Testamente und Stiftungsfonds ja wiederum viel mit älteren Menschen arbeite«, so Miki Pluznik. »Mit je-
der Person eröffnet sich mir eine ganze Welt, und ich sage immer: Jetzt mache ich mein Doktorat in Lebenserfahrung.«
Für Pluznik ist es wichtig, dass die Gäste in seinem Büro sich weder unter Erwartungs- noch unter Zeitdruck fühlen. »Jeder Termin mit potenziellen Spendern geht meist über zwei bis drei Stunden, und oft führen wir mehrere Gespräche.«
Die Menschen interessieren sich dafür, wie sie Israel helfen können. Für Interessenten hält Miki Pluznik einen ganzen Ka-
talog von förderwürdigen Projekten bereit. »In den vergangenen Jahren hat Keren Hayesod sehr viel in das israelische Bildungswesen und die Arbeit mit Jugendlichen investiert«, berichtet Pluznik. »Das kommt vor allem Jugendlichen aus der Gruppe der Neueinwanderer zugute. Eines der größten Projekte konzentriert sich auf Kinder und Jugendliche aus äthiopischen Immigrantenfamilien, denen es oft an einfachen Res-
sourcen fehlt. Oft fehlt ein Computer im Haushalt, oder die jungen Menschen sind durch Sprach- und Kommunikationsprobleme benachteiligt. Wenn dann einer un-
serer Spender sich für konkrete Personen interessiert, können wir ihm drei oder vier Namen und Adressen vermitteln, und dann können individuelle Patenschaften wachsen. Das Ganze muss und soll keine wohltätige Einbahnstraße sein«, bemerkt Miki Pluznik, »oft entstehen auch Patenschaften und familiäre Beziehungen. Ich staune immer wieder, wie aufmerksam und couragiert unsere Gesprächspartner sind, nachdem sie im eigenen Leben so viel Traumatisches erleben mussten. Und ich staune noch mehr, wie großzügig das jüdische Herz sich zeigt.«
Die Arbeit von Keren Hayesod führt Miki Pluznik zeitweise auch nach Wien, und hier – wie auch in Berlin – spürt er natürlich die Schatten der Vergangenheit. »Auf der anderen Seite erlebe ich auch so etwas wie einen historischen Sieg«, erklärt Miki Pluznik. »Wir sind präsent in den Hauptstädten von Deutschland und Österreich, als Nachkommen der Überlebenden des Holocaust, und wir zeigen der Welt, dass das Volk Israel lebt.«
Die tägliche Arbeit für Keren Hayesod bringt Miki Pluznik auch in Kontakt mit den lokalen jüdischen Gemeinden. Hier hält er Vorträge, organisiert Gruppenabende und interessiert sich für die interne So-zialarbeit. Miki Pluznik hat sich für seinen Aufenthalt in Berlin keine zeitliche Grenze gesetzt, auch lange Reisestrecken zwischen deutschen Großstädten nimmt er gern in Kauf. Doch ganz nebenbei bekennt er mit einem verschmitzten Lächeln: »Ohne meine Frau Tzafi, die mit nach Berlin gekommen ist, wäre wohl alles doppelt schwer. Sie hilft mir, den Job hier wirklich gut zu machen.«

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