Tonleiter

Do, Re, Mi, Fa, So ...

von Rabbiner
Yaakov Asher Sinclair

Schalten Sie das Radio ein und hören Sie, was unter „jüdischer Musik” geboten wird. Es klingt ungefähr so jüdisch wie Led Zeppelin mit Tefillin.
Ein bekannter Manager im Musikbusineß sagte einmal: „Ein zweitrangiges Original ist mir lieber als eine erstklassige Kopie.“ Jede Kopie, selbst wenn sie technisch besser als das Original ist, unterliegt für alle Zeit einer Einschränkung: Sie ist nicht als Versuch, etwas aus dem Nichts zu erschaffen, entstanden, sondern als Klon.
Wenn Sie wissen möchten, wie sich jüdische Musik ursprünglich anhörte, können Sie davon ausgehen, daß sie wahrscheinlich ziemlich genau wie klassische Musik klang. Klassische Musik hat ihre Wurzeln in den Gregorianischen Gesängen der katholischen Kirche. Der Gregorianische Choral wiederum war eine Anleihe bei jener Musik, die die Leviim im Heiligen Tempel spielten. Als die Römer das Haus Gottes niederbrannten und das jüdische Volk ins Exil trieben, ging auch unsere Musik ins Exil. Sie wurde gefangengenommen und gezwungen, für einen neuen Herrn zu singen.
Der Gregorianische Gesang ist monophon – Musik mit nur einer einzigen me‐
lodischen Linie ohne Begleitung. Die Schönheit des Chorals liegt in der klaren Wellenbewegung seiner Melodie, die immer zur Tonika, zum Grundton, zum Do – wie in „Do, Re, Mi …” – zurückkehrt. Die hypnotisierende Wirkung des Chorals rührt von der exquisiten Sehnsucht her, immer zum Grundton der Tonleiter, zur Tonika, zurückzukehren. Zum Do zurückzukehren.
Ein immer komplexerer Gebrauch der Harmonie kennzeichnet die Entwicklung der westlichen Musik. Im Barock wurde großes Gewicht auf die mathematische Verflechtung melodischer Linien gelegt, was man Kontrapunkt nannte. Komponisten wie Johann Sebastian Bach und andere wurden zuweilen aufgefordert, Fugen aus dem Stegreif zu komponieren, um ihre technischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Aber die melodische Struktur kehrte immer wieder zur Tonika, zum Do, zurück.
Das zwanzigste Jahrhundert hat das höchste Niveau technologischer Zivilisation hervorgebracht, das die Menschheit je kannte; zur gleichen Zeit das größte Ausmaß an Gewalt und Barbarei. Und es ist die große Ära des Atheismus.
Dieses Chaos in der modernen Weltanschauung spiegelt sich auch in der Musik wider. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs fand eine Revolution in der Musiktheorie statt, die die Bach’sche Harmonie‐ und Kontrapunktlehre über den Haufen warf und so die Art und Weise veränderte, wie Musik über hunderte von Jahren geklungen hatte.
Wenn Sie auf einem Klavier alle Tasten, die schwarzen und die weißen, anschlagen – von einem Do zum nächsthöheren Do –, dann haben Sie zwölf Töne gespielt. Diese Tonleiter nennt man chromatische Tonleiter. Von frühester Zeit an basierte die westliche Musik auf der diatonischen Tonleiter, die – je nach Tonart – aus sieben dieser zwölf Töne besteht. Nicht alle Töne werden zur gleichen Zeit verwendet.
Alle kennen die diatonische Tonleiter. Die große Musikwissenschaftlerin Julie Andrews hat sie in ihrem unvergeßlichen Beitrag zur westlichen Kultur unsterblich gemacht: „Doe – a deer, a female deer …“ (in der Verfilmung des Musicals The Sound of Music; doe ist das englische Wort für Reh oder Hirschkuh).
Während des Ersten Weltkriegs erfand Arnold Schönberg die Zwölftonleiter. Schönberg beschloß, alle Noten der chromatischen Tonleiter zu nutzen. Danach gab es keine Hierarchie in der melodischen Struktur mehr, wo jeder Ton unweigerlich zur Tonika, zum Grundton, zum Do, zurückführt. Es gab keinen König mehr. Keinen Ton, vor dem alle sich verneigten. In gewissem Sinn sagte Schönberg: „Alle Töne sind gleich! Es gibt keinen Grundton. Es gibt keinen König! Es gibt kein Do!“
Schönberg verfeinerte seine Erfindung und brachte sie in den 1920er Jahren zur Perfektion. Komponisten, die nach ihm kamen, interessierten sich mehr für Dissonanz als für Harmonie. Nachdem Schönberg die Gesetze der diatonischen Kompo‐
sition ausgehebelt hatte, folgten zahlreiche andere Komponisten seinem Beispiel mit einem jeweils eigenen Kompositionsstil. Nachdem die Tür einmal aufgestoßen worden war, machten diese anderen Komponisten nicht dasselbe wie Schönberg, sondern erfanden ihre eigenen Regeln für das Komponieren. Ihre Stile und Methoden, einschließlich der Zwölftonmusik Arnold Schönbergs, nennt man „Atonalität“.
Schönberg hatte den Geist aus der Flasche gelassen. Nachdem er in das Bollwerk der diatonischen Tonleiter eine Bresche geschlagen hatte, nannte man am Ende beinahe alles und jedes „Musik“.
Im Jahr 1943 verbrannte Deutschland ein Volk und komponierte die düsterste je vom Menschen erdachte Kakophonie.
In der Welt der Musik gelangte John Cage für seine „prepared pianos“ (zurechtgemachten Klaviere) zu trauriger Berühmtheit. Es handelte sich um Klaviere, in die alle mögliche Materialien – von Holz über Schrauben bis zum Abdichtgummi – hineingesteckt wurden, um ihren Klang zu modifizieren. Dann schlugen Pianisten wahllos die Tasten an. In anderen Kompositionen verwendete Cage verschiedene simultan gespielte Radios oder Tonbandaufnahmen oder Mikrophone, die an sich bewegenden menschlichen Körpern angebracht wurden.
Seine berühmteste Komposition heißt „4:33“, ein Stück für Klavier, bei dem der Pianist 4 Minuten und 33 Sekunden lang schweigend vor den Tasten sitzt.
Die Kunst spiegelt das Leben. Die Musik spiegelt das Leben. So wie Tonalität zur „A‐tonalität“ wurde, wurde aus der Monarchie „An‐archie“.
Innerhalb der Schöpfung, so wollte es Haschem, sollte ein manifestes Symbol auf Seine königliche Herrschaft verweisen. Als ein fernster Widerhall sollte dieses Symbol uns eine flüchtige Ahnung von der Herrlichkeit des Himmels, von seiner Macht und seiner Majestät gewähren. Deshalb erschuf Haschem die Monarchie. Die irdische Monarchie ist ein leiser Anklang an die unbeschreibliche Majestät des Königs der Könige.
Vor ein paar hundert Jahren herrschten Könige mit absoluter Macht über ihre Länder. In jüngerer Vergangenheit waren die Nationen weniger gewillt, ihren Regierenden unbeschränkte Herrschaft einzuräumen; die Macht des Königs wurde durch die Herrschaft des Gesetzes eingeschränkt. In der Gegenwart ist die Idee des Königtums so gut wie ausgelöscht.
In einigen Staaten existiert noch eine konstitutionelle Monarchie, aber auch in diesen Ländern ist die Monarchie nur ein fades Puppenspiel – Futter für die Boulevardpresse. Verschwunden ist jeder Anklang an Majestät.
Die Monarchie wurde deshalb eingesetzt, um uns ein mikrokosmisches Bild des Himmlischen Königtums zu geben –wie sollen wir mit diesem Wissen das Verschwinden der Könige begreifen? Wenn die irdische Monarchie nichts anderes ist als die Widerspiegelung des Königtums Haschems und ein Mittel, uns die Herrschaft Haschems über uns annehmbarer zu machen, wie konnte es geschehen, dass die Macht und der Status der Monarchie untergegangen sind?
Haschems Verhalten gegen uns ist unserem eigenen Verhalten angemessen. Als die Welt in ihrer Gesamtheit an Gott glaubte, wurde uns ein stets gegenwärtiges Symbol der königlichen Herrschaft Haschems in Form der Königsherrschaft gewährt. Dies spiegelte sich auch in den Künsten, in der Musik, in der diatonischen Tonleiter, wo alle Töne zum König der Töne – zum Do – zurückkehren. Als die Welt sich dem Atheismus zuwandte, zog Haschem die königliche Macht zurück, und gleichzeitig ging in der Musik die Tonalität verloren. Ähnliches geschah in der bildenden Kunst, wo der Realismus in zunehmendem Maße der Abstraktion und dem Nihilismus wich.
Ich erinnere mich, wie ich 1953 als kleiner Junge eine der ersten Nachkriegs‐Fernsehsendungen in England sah. Gezeigt wurde die Krönung Königin Elizabeth II. Es dauerte den ganzen Tag. Und wir sahen den ganzen Tag fern. Wir kniffen die Augen zusammen und starrten ehrfürchtig und fasziniert auf den trüben Bildschirm, der wie ein Goldfischglas aussah. Selbst in der Kürze eines Menschenlebens ist jenes entfernte Flüstern vom göttlichen Königreich des Himmels beinahe völlig unhörbar geworden!
Und dann wohnen wir an Rosch Haschana der Krönung des Königs der Könige bei. Wir werden müde und langweilen uns. Es scheint sich so lange hinzuziehen. Wir kämpfen, um ein Gefühl der Verbundenheit mit diesen ehrfurchtgebietenden Tagen herzustellen.
Der wichtigste Grundsatz des Judentums besagt, daß Haschem Eins ist. Wenn ein König sein Volk einigt, ist auch er Symbol dieser Einheit. So wie der Ton, bei dem alle anderen Töne unweigerlich landen. Nur wenn die Welt das Einssein Haschems wahrnimmt, wird das Königtum zur Menschheit zurückkehren. Nur dann werden wir auch wieder das „Do“ treffen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Ohr Somayach, Jerusalem
www.ohr.edu

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