Jahr der Wissenschaft

Diplomatie des Vertrauens

von Ingo Way

Der Tag beginnt mit einer deutsch-israelischen Kooperation ganz eigener Art. Die israelische Sängerin Ofrin und ihre Berliner Band läuten mit zartesten Jazzpopklängen die Eröffnungsfeier zu einem anderen Gemeinschaftsprojekt ein: dem deutsch-israelischen Jahr der Wissenschaft und Technologie. An diesem Aprilvormittag in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt stellen die Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan (CDU), und ihr israelischer Amtskollege Galeb Majadle von der Arbeitspartei das ehrgeizige Programm vor.
Denn in diesem Jahr soll nichts Geringeres geschehen, als die ohnehin schon guten Kontakte zwischen deutschen und israelischen Forschungseinrichtungen noch weiter zu vertiefen und insbesondere den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern. Das Leitmotiv ist dabei: »Wissenschaft als Diplomatie des Vertrauens«. Schließlich hätten Forscher aus beiden Ländern bereits vor über 50 Jahren Kontakte zueinander geknüpft und fruchtbar zusammengearbeitet – lange bevor 1965 offizielle diplomatische Beziehungen aufgenommen wurden, wie Annette Schavan bei der Eröffnungsfeier betont.
Der Immunologe Israel Pecht blickt in seinem Vortrag zurück auf das Jahr 1959, als die erste Delegation deutscher Wissenschaftler, darunter der Chemie-Nobelpreisträger Otto Hahn, in Israel eintraf. 1966 ging Pecht dann mit seiner Familie nach Göttingen, um als Postdoktorand bei dem Chemiker Manfred Eigen zu arbeiten. Heute forscht der 70-Jährige am Weizmann-Institut in Rehovot. Und auch dies, so Pecht, habe deutsche Wurzeln. Israels späterer Ministerpräsident Chaim Weizmann, der das Institut 1934 gründete, hatte in Darmstadt und Berlin Chemie studiert.
Minister Galeb Majadle ergänzt: »Die Kooperation zwischen unseren Ländern hat Forschungsergebnisse von hoher wissenschaftlicher Bedeutung hervorgebracht.« Majadle und Schavan belassen es aber nicht bei schönen Worten, sondern werden auch konkret: Als Schwerpunkte des Wissenschaftsjahrs nennen sie Medizin, Umweltforschung und zivile Sicherheit. Letzteres umfasst Bereiche wie Trinkwasserüberwachung, das Aufspüren von chemischen, biologischen und explosiven Gefahrenstoffen sowie Schutzsysteme für Rettungskräfte. Hier wird die politische Dimension des Vorhabens deutlich. Auf den genannten Feldern ist Israel auf eine Zusammenarbeit mit den arabischen Nachbarn angewiesen. Hier wünscht sich Israel, wie Majadle unumwunden zugibt, nicht nur technisches Know-How aus Deutschland – sondern auch seine Funktion als vermittelnde Instanz. »Die Palästinenser und Araber haben großes Vertrauen zu Deutschland«, so Majadle.
Dennoch soll nicht in erster Linie Politik gemacht, sondern in die Zukunft investiert werden. Das schlägt sich darin nieder, dass der Akzent des Wissenschaftsjahrs auf der Nachwuchsförderung liegt. Gleich im Anschluss an die Eröffnungsfeier findet in der Akademie der Wissenschaften ein Symposium mit jeweils 20 jungen Wissenschaftlern aus Deutschland und Israel statt. Zwei von ihnen stellen dem Publikum ihr derzeitiges Arbeitsgebiet vor. Suha Naff Ar-Abu-Amara vom Weizmann-Institut präsentiert neueste Forschungen zur Bekämpfung von Krebszellen, die in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Labor in Stuttgart stattfinden. Und Silke Behrens, Stipendiatin der Deutsch-Israelischen Stiftung für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung (GIF), gibt Einblick in ihre Studien zur Nanotechnologie am Forschungszentrum Karlsruhe.
Im November findet das Wissenschaftsjahr seinen Abschluss in Jerusalem mit der Verleihung eines Förderpreises für deutsch-israelische Nachwuchsforscherteams. Der Preis ist mit 400.000 Euro dotiert und soll in jährlichem Wechsel an Geistes- und Naturwissenschaftler vergeben werden.
Bei aller Nano- und Hightech-Euphorie dürfen schließlich auch die Geistes- und Sozialwissenschaften nicht vergessen werden. Deswegen wird in diesem Jahr in Israel ein Minerva-Zentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften eingerichtet, das von der Max-Planck-Gesellschaft getragen wird. Der Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald wirft an diesem Tag etwas melancholisch ein, dass die Humanities, wie sie im englischen Sprachraum heißen, oft als »Sorgenkinder« betrachtet werden. Frühwald erinnert daran, dass es seit 1977 ein Institut für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv gibt und seit 1988 ein Minerva-Zentrum an der Hebräischen Universität Jerusalem.
Was Deutschland von Israel lernen könne, sei, so Frühwald, »die selbstverständliche Intellektualität«. Was er damit meint, erschließt sich jedem, der sich einmal vergegenwärtigt, über welches Sozialprestige an deutschen Schulen der sogenannte Streber verfügt. So sind die Pisa-Ergebnisse kein Zufall. Frühwald unterstreicht den Unterschied durch einen Witz: »Eine israelische Mutter wird gefragt: ‚Sie haben ja zwei entzückende Kinder, wie alt sind die denn?‘ Darauf die Mutter: ‚Der Arzt ist acht, der Rechtsanwalt zwölf.‘«

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

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