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Digitale Freistilringer

Blogger dürfen keinem Streit aus dem Weg gehen. Sie müssen sich, ohne lange nachzudenken, auf ihr Thema werfen, angriffslustig, begeistert oder wütend, aber immer mit dem Mut, nur vorläufig recht zu haben. Als »Äußerung sofortigen Denkens« hat der amerikanische Journalist und Ur‐Blogger Andrew Sullivan das Bloggen zum literarischen Genre erhoben und die intellektuelle Furchtlosigkeit zu seinem obersten Prinzip: »Lieber vom Trapez fallen als den Sprung nicht zu wagen.« Sehr wichtig: Blogs gewähren generell keine Diskretion: alle kritischen Kommentare, Beschwerde‐E‐Mails oder naiven Fragen werden veröffentlicht, und zwar mit vollem Namen.

polemik Dieses geistige Freistil‐Wrestling prägt auch die deutschsprachige jüdische Blogosphäre. Mit dem versöhnlichen Geist der Woche der Brüderlichkeit hat sie wenig im Sinn. Nur selten geht es auch um Fragen an den Rabbi, koscheres Dating oder Kabbala für Schwangere. Stattdessen werden mit ungeheurer Angriffslust politische Themen auf den Tisch gebracht, die man in den meisten anderen deutschen Blogs vergeblich sucht.
Der Urvater der jüdischen Blogosphäre, Spiegel‐Autor Henryk M. Broder, hat auf seiner »Achse des Guten« ein Netzwerk exponierter Autoren zusammengebracht, die am liebsten und schärfsten linken Antisemitismus und Antiamerikanismus ans Licht zerren. Nachsicht mit dem Islam und andere Manifestationen von Gutmenschentum werden ebenfalls nicht geduldet. Und natürlich werden Broders Rechtsstreitigkeiten en détail verfolgt, etwa der mit Heinz Galinskis Tochter Evelyn Hecht‐Galinski.
In dieselbe Kerbe haut auch »Lizas Welt«, ein Blog, der dezidiert linken Prozionismus mit ausgeprägter Fußballbegeisterung und Fotostrecken angesagter »Hebrew Hotties« verbindet. Liza wirft sich dabei mit Verve auf Themen, die die deutschen Feuilletons sonst beflissentlich ignorieren: die UN‐Konferenz Durban II, der »UN‐Menschenrat«, Massaker an der Zivilbevölkerung in Sri Lanka oder Darfur. Natürlich wird auch die iranische Opposition gegen das »klerikalfaschistische Mullah‐Régime« unterstützt. Über allem prangt die grüne Schleife mit der solidarischen Aufschrift »Free Iran Now«. Derzeit liefert sich Lizas Welt ein Scharmützel mit der deutsch‐iranischen Industrie‐ und Handelskammer, die Sanktionen gegen den Iran ablehnt, weil hiesigen Unternehmen Umsatzeinbußen drohen könnten.

kampflust Ein recht bellizistischer Ton herrscht auch im Blog »Spirit of Entebbe« des Claudio Casula. Der Titel bezieht sich auf eine Rede Ariel Scharons, der darin mit dem entsprechenden Pathos an die Geiselbefreiung von Entebbe 1976 erinnerte. Mal stellt Casula Fotos von US‐Jagdflugzeugen online (»Just a nice pic«), mal die geheimen Abhörprotokolle der Anonymen Antizionisten mit Rupert N. und Evelyn H.-G. Aktuell macht er sich für die Idee stark, beim nächsten Berliner Marathon aus Solidarität mit Gilad Schalit ein Bild des entführten IDF‐Soldaten zu tragen. 1.183 Läufer will die Kampagne zusammen bekom‐ men, so viele Tage wird sich Schalit zu dem Zeitpunkt in der Gewalt der Hamas befinden wird. Im eigenen Shop verkauft »Spirit of Entebbe« Spreadshirts und Umhängetasche, unter anderem mit dem Slogan»When in doubt: Ask the Europeans, do the opposite« – Im Zweifelsfall die Europäer fragen und das Gegenteil tun.
medienkritik Mit einer gewissen Besessenheit verfolgt die »Zeitung für Schland« antiisraelische Kommentare in überregionalen Zeitungen. Angefangen hatte sie damit, Leserbriefe der FAZ (die sich im Untertitel »Zeitung für Deutschland« nennt) unter die Lupe zu nehmen, in denen sich üble Auswüchse des Antisemitismus und des Revanchismus zeigten, vornehmlich bei Professoren oder anderen akademischen Spitzenvertretern. Inzwischen hat sich die Seite dem Phänomen des »outgesourcten Antisemitismus« verschrieben: der Unart, für die eigene Kritik an Israel einen Juden vorzuschicken. Eine spezielle Mischung aus Polemik, Gehässigkeit und von Mainstreammedien ignorierten Meldungen serviert der Blog »No Blood for Sauerkraut«, der sich zuletzt darüber wunderte, warum die EU nach dem Putsch in Honduras seine Botschafter abzuziehen überlegt, nicht aber aus dem Iran. In den »Letters from Rungholt« schreibt eine Bloggerin über ihren Alltag im Kibbuz: Von ihrem Schreibtisch blickt sie beim Schreiben auf das Carmel‐Gebirge. »Gay West« bloggt aus schwuler Sicht. Mit dem »Blick auf die Welt von Beer Sheva aus« versucht eine Literaturwissenschaftlerin, die 1994 nach Israel gegangen ist, die Berichte der Neuen Zürcher Zeitung aus ihrer Sicht geradezurücken. Dazu stellt sie Bilder von planschenden Kindern oder Löwenbabys. Kommentiert werden darf auch, allerdings verbittet sie sich nicht nur Beleidigungen und Beschimpfungen, sondern auch langweilige Einträge und Soziologenjargon.

österreich Der österreichische Blog »Instant Coffee« erzählt aus Wien vom Tel Aviv Beach, der zur Hundertjahrfeier der Stadt am Donauufer aufgeschüttet wurde. Aus Protest legten Antizionisten gegenüber einen Gasa‐Beach an, um zu verhindern, dass sich Israel als »friedliebendes, weltoffenes und kulturbeflissenes Land« darstellt. Die »Friends of Israel« widmen eine Fortsetzungsrubrik (»Carinthian Psycho«) den antisemitischen Verschwörungstheorien, die Jörg Haiders Witwer, Stefan Petzner, verbreitet: Danach trägt eine nicht näher bestimmte »jüdische Hochfinanz« die Schuld an Haiders Unfalltod. Der »Lindwurm« tritt dagegen gerade etwas kürzer, er muss, so sein lapidarer Hinweis, zur Chemotherapie ins Krankenhaus.
Bei aller Lust an Polarisierung und bei allem Verzicht auf gute Manieren und korrekte Kommasetzung haben sich die Blogs eine eigene Art der Professionalisierung angeeignet: Ausgiebige Zeitungslektüre, ein cooler Thesaurus und Links auf die gegnerische Seite sind Pflicht. Für den Rest sorgen die Leser: Im Zweifel werden sie einen schon berichtigen, weiß Andrew Sullivan aus eigener Erfahrung: »Sie waren brutaler als jeder Redakteur, pingeliger als jeder Korrektor und psychisch labiler als jeder Kollege.«

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