Sechstagekrieg

Die Wende

von Gideon Böss

Es gibt Ereignisse, die das Weltgefüge so nachhaltig erschüttern, dass deren Auswirkungen nach Jahrzehnten noch spürbar sind – oft weit vom ursprünglichen Ort des Geschehens entfernt. »Das Israelbild in Deutschland – Der Sechstagekrieg als Wendepunkt?« hieß eine Tagung im Berliner Centrum Judaicum am Dienstag, zu der die Heinrich-Böll-Stiftung und der Zentralrat der Juden in Deutschland eingeladen hatte.
In der Debatte über die Auswirkungen des Sechstagekriegs auf die jüdische Gemeinschaft in Deutschland berichtete Doron Kiesel, Professor für interkulturelle Sozialarbeit, wie stolz er als Jugendlicher über den israelischen Sieg war. Direkt nach dem Abitur zog er als »glühender Zionist« nach Israel. Wie schnell sich in Deutschland das Klima antiisraelisch wandelte, fiel Kiesel auf, als er nach fünf Jahren zurückkehrte. Inzwischen hätte sich gerade unter Studenten eine feindliche Haltung herausgebildet. In der israelischen Öffentlichkeit habe damals aber vor allen der Student Daniel Cohn-Bendit für Gesprächsstoff gesorgt. Man sei verblüfft gewesen, wie ein Pariser Jude zum Studentenführer werden konnte, vor allen aber erstaunt über dessen scharfe Israelkritik. Der Historiker Michael Brenner erinnerte auf die Frage nach dem damaligen Selbstbewusstsein der jüdischen Gemeinden daran, dass viele jüdische Einrichtungen aussahen wie die israelische Botschaft. »Da hingen Bilder von Golda Meir, Moshe Dayan und Theodor Herzl.« Als Moderatorin Shelly Kupferberg fragte, ob denn heute innerjüdische Debatten über Israel und dessen Politik stattfinden, meinte Brenner, dass solche Debatten aufgrund der geringen Zahl an Juden in Deutschland gar nicht möglich seien.
Ob der Sechstagekrieg einen Paradigmenwechsel für die (west-)deutsche Linke zur Folge hatte, wurde ebenfalls diskutiert. Der grüne Bundestagsabgeordnete Jerzy Montag wehrte sich dagegen, dass von einer Linken gesprochen wird. »Es gab damals verschiedenste, sich zum Teil ablehnende Gruppierungen.« Karsten Voigt (SPD) stimmte zu und las einen 40 Jahre alten Tagebucheintrag vor, in dem von studentischer Israelsolidarität die Rede war. Er hielt diesen Eintrag deswegen für interessant, weil »bald darauf dem jüdischen Staat die Solidarität entzogen wurde«. Antizionistische Argumente spielten im SDS damals eine große Rolle. Ebenso der Hinweis, dass man aufgrund des eigenen Alters nicht an Verbrechen an Juden beteiligt war. Es ist die Vorwegnahme dessen, was Helmut Kohl 1982 als die Gnade der späten Geburt bezeichnete.
Das letzte Podium hatte die Wandlung des Israelbildes in der deutschen Mehrheitsgesellschaft zum Thema. David Witzthum, Chefredakteur des israelischen Senders Channel 1, kritisierte in diesem Zusammenhang, dass israelische Militäraktionen oft mit denen der Nazis gleichgesetzt würden. »Die Belagerung von Beirut wurde mit der Belagerung von Warschau verglichen, und die Rettung von äthiopischen Juden wurde in der ARD als Selektion zwischen Hungernden und anderen Hungernden bezeichnet.«
Die Abschlussdiskussion trug den Titel »Deutschland und Israel – (K)Ein krisenresistentes Verhältnis.« Die Publizistin Wibke Bruhns verspürte eine gewisse Müdigkeit, was diese Debatten angeht: »Es wird so oft über die Normalisierung der Beziehungen gesprochen, aber warum sollten sie normalisiert werden, und wie soll das gehen?« Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, sprach von einer Nahostobsession vieler Deutscher. »Viele interessieren sich nur für die Opfer des Nahost- konflikts, obwohl andere Kriege wesentlich mehr Tote fordern.« Graumann sah für die Zukunft die Gefahr, dass Deutschland mehr und mehr auf Distanz zu Israel geht. »Möllemann kam vielleicht zu früh, doch es wird andere Möllemänner geben.« Er begründete dies auch mit dem Anwachsen der islamischen Gemeinschaften in Europa. Im Schlusswort versuchte Moderator Ralf Fücks von der Heinrich-Böll-Stiftung dieser pessimistischen Einschätzung etwas entgegenzusetzen und erinnerte daran, dass es mittlerweile über hundert deutsch-israelische Städtepartnerschaften gibt.

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