Lehrbeispiele

Die Vermittler

von Tobias Kühn

Der Islam ist auf dem Vormarsch. In der zweiten Etage des Berliner Jüdischen Museums scharen sich ein Dutzend türkischstämmige Besucher um einen jungen Mann, der eine in Leder gebundene Koranausgabe in den Händen hält. Eben noch hat er gescherzt und gestikuliert, nun sammelt er sich, atmet ein und trägt in akzentfreiem Arabisch fünf Verse einer Sure vor. Er tut es leise, doch andächtig und voller Inbrunst, sodass seine Stimme den ganzen Raum erfüllt. Zwei blonde Frauen, die sich eben noch über die Vitrine mit einer alten Tora gebeugt haben, glauben, der Gesang komme von draußen. Liegt doch das Museum in Kreuzberg, einer Gegend, in der viele Muslime leben. Doch dann erblicken sie die türkische Gruppe und verstehen die Welt nicht mehr: Was hat der Koran mit dem Judentum zu tun? Mit offenen Mündern schauen sie hinüber zu dem singenden Muslim.
Der heißt Ufuk Topkara und rezitiert nicht zum ersten Mal im Jüdischen Museum aus dem Koran. Topkara ist 28 Jahre alt, türkischer Herkunft und in Berlin geboren. Er hat Geschichte studiert und führt seit mehr als drei Jahren Besuchergruppen durchs Museum. Seine Spezialität ist die Themenführung „Ist das im Islam nicht auch so?“
Wie er dazu kam? Diese Frage habe er schon gefühlte 100 Mal beantwortet, sagt er und grinst. „Es begann mit akademischem Interesse.“ Vor vier Jahren war es, da saß Ufuk Topkara in der Uni im Seminar, der Geschichtsprofessor hatte eine Mitarbeiterin vom Jüdischen Museum eingeladen, und jemand fragte, ob es denn Kontakte zur mehrheitlich muslimischen Umgebung gäbe. „Leider nicht“, sagte die Frau, aber man versuche, sie aufzubauen, nur fehle es an Vermittlern. Topkara fühlte sich angesprochen und wurde kurz darauf Museumsführer – Guide, wie man im amerikanisch geprägten Jüdischen Museum dazu sagt. Er war der erste Muslim dort, heute sind es vier, denn auch im Museumsgeschäft regelt die Nachfrage das Angebot. Inzwischen gibt es die Islam‐Führung fast jeden zweiten Tag, und es melden sich nicht nur muslimische Gruppen an.
Einer von Topkaras Kollegen ist Murat Akan, 30. Auch seine Eltern stammen aus der Türkei, auch er ist in Deutschland geboren, aufgewachsen, zur Schule gegangen, und auch er hat Geschichte studiert. Und wie Ufuk Topkara wird auch er immer wieder gefragt, wieso er als Muslim im Jüdischen Museum arbeite. „Das ist kein Widerspruch“, pflegt er dann zu sagen, „das ist modernes, ja postmodernes Leben.“ In der Regel geben sich seine Gesprächspartner mit dieser Antwort zufrieden. Ja, warum soll sich ein in Hamburg geborener Historiker nicht auf eine Stellenanzeige des Berliner Jüdischen Museums bewerben? Weil er Muslim ist? „Ich bin der deutsch‐jüdischen Geschichte näher als der osmanischen“, sagt Akan, der eine türkische Universität nie von innen gesehen hat und seine Magisterarbeit über den Berliner Pfarrer und Antisemiten Adolf Stöcker schrieb.
Beide, Topkara und Akan, verraten ihren Besuchergruppen in der Regel nur auf Anfrage, dass sie selbst Muslime sind. „Wir möchten das Persönliche außen vor lassen“ sagen sie, „denn es geht nicht um uns, sondern um die Ausstellung.“ Doch es gibt Tage, da setzen sie ihre Herkunft machtvoll in Szene. „Manche männliche Jugendliche akzeptieren nur muslimische Respektspersonen“, sagt Topkara. Wenn er solche junge Männer in einer Besuchergruppe erlebt, bäumt er sich vor ihnen auf wie der große Bruder und nennt mit starker Stimme die Regeln: „Die ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf mich. Wenn ich rede, hört ihr zu. Und ihr arbeitet mit. Habt ihr verstanden?“
So viel an Militanz grenzende Schärfe hätte man dem feinsinnigen jungen Mann, der demnächst an der Harvard University promovieren wird, kaum zugetraut. Doch Topkaras Gebaren verfehlt seine Wirkung nicht – die Schüler hören zu. „Es gibt kulturelle Codes, die das türkische Kind in der Regel anspricht“, sagt er und lächelt. Weil er und Murat Akan selbst türkischer Herkunft sind, haben sie einen leichteren Zugang zu muslimischen Jugendlichen. Es gelingt ihnen, sie an fremde Themen heranzuführen, selbst wenn das Thema „Judentum“ heißt und für junge Muslime weder hip noch sexy, sondern eher ein rotes Tuch ist. „Wir nehmen sie an die Hand und gehen mit ihnen über die Brücke“, sagt Akan. Die Brücke, das sind die Gemeinsamkeiten von Islam und Judentum, die sie in ihren Führungen betonen: Beide Religionen kennen Speisegesetze und haben einen wöchentlichen Feiertag. Sowohl in der Tora als auch im Koran stehen Handlungsanweisungen. Und in beiden Religionen beginnt der Tag am Abend. Ihre Zuhörer nicken, ein erstauntes „Ah“ ist der häufigste Kommentar.
Doch nicht immer läuft alles glatt. Kürzlich, bei einem Workshop mit einer Münchner Hauptschulklasse, erschienen von 24 angemeldeten Schülern nur elf. Der Rest, überwiegend Kinder mit arabischem Hintergrund, weigerte sich, das Museum zu betreten. „Wir werden doch nicht dem Staat Israel unser Eintrittsgeld in den Rachen werfen“, ist ein Satz, den Akan und Topkara schon mehrmals gehört haben.
Dass junge Muslime sich weigern, das Judentum kennenzulernen, hat auch Duran Terzi schon erlebt. Der 37‐jährige Lehrer unterrichtet an zwei Düsseldorfer Schulen Islamkunde, ein Pilotprojekt, das 1999 in Nordrhein‐Westfalen gestartet wurde. Terzi hat in der Türkei islamische Theologie studiert und an der Uni Bamberg Islamwissenschaften. Rund 300 Schüler zwischen zehn und 16 Jahren sitzen in seinen Klassen. Zum Lehrplan des Islamkundeunterrichts gehört in jedem Schuljahr auch ein interreligiöser Teil, in dem die Schüler von anderen Glaubensgemeinschaften hören. Terzi nennt es „den Blick über den Tellerrand“. In der 7. Klasse spricht er über Toleranz im Islam und erzählt seinen Schülern von Ostern, Weihnachten, Pessach und Jom Kippur. „Das tut den Kindern gut, auch als Allgemeinbildung“, sagt der Lehrer. „Ihnen wird bewusst, dass es nicht nur Muslime gibt.“ In der 8. Klasse kommt dann der praktische Teil: Besichtigungen von Kirchen und ein Besuch der Synagoge. Einige Schüler koste es Überwindung mitzukommen, weiß Terzi aus knapp zehn Jahren Berufserfahrung. Manchmal brauche es einen Schubs. Der Lehrer macht es dann wie Akan und Topkara: Er stellt sich vor die Klasse, macht eine Pause, blickt den Schülern fest in die Augen und sagt: „Wer nicht krank ist, kommt mit.“ Erst ein Mal, erinnert er sich, haben sich zwei Schüler an dem Tag, an dem die Synagoge besucht wurde, krank gemeldet.
Dass ein muslimischer Lehrer mit seinen Schülern in eine Synagoge geht, ist einzigartig in Deutschland. „Ich ermutige meine Kollegen in anderen Städten, es auch zu tun“, sagt Terzi und schwärmt von den Erfolgen der „Gebetshäuserpädagogik“, wie er es nennt. Das direkte Erlebnis sei durch nichts zu ersetzen, sagt er. Dass dies möglich ist, verdankt der Lehrer auch einer Frau, wie es sie nur in wenigen jüdischen Gemeinden in Deutschland gibt: Shoshana Rosen. Wenn Terzi mit seinen Schülern in die Düsseldorfer Synagoge kommt, schleppt Rosen einen riesigen grauen Koffer aus dem Abstellraum herbei und rollt ihn neben die Bima. Sie löst die Riemen, öffnet die Schnallen und bringt eine über 200 Jahre alte kleine Haustorarolle zutage. Es ist ihre eigene, und sie ist pasul, also nicht mehr koscher. „Wer möchte sie aufrollen?“, fragt die pensionierte Lehrerin in die Runde. Niemand meldet sich, die meisten sind verlegen, einige blicken verschämt zu Boden. In der ersten Reihe verkneift sich ein Junge das Grinsen. Ihn ruft Shoshana Rosen zur Tora. Mit leichten, zaghaften Bewegungen dreht er die beiden Rollen auseinander und öffnet das kalligrafische Kleinod. Im Raum ist es mucksmäuschenstill – bis eine Mädchenstimme flüstert: „Oh, ist die schön!“ Über Rosens Gesicht huscht ein Strahlen. Auf diesen Moment hat sie gewartet, das Eis ist gebrochen, nun möchten die Schüler wissen, was drinsteht in der Tora. „Alles“, sagt Rosen, „alles, was wir Juden im Leben beachten müssen“, das Allerwichtigste aber sei: „Tue dem Nächsten nicht an, was du nicht möchtest, dass man es dir antut.“ Einige Schüler nicken.
Später zieht Rosen ein paar Tefillin aus ihrem grauen Koffer, auch die sind ihre eigenen und nicht mehr koscher. „Wer möchte?“, fragt sie, und ein paar Jungen melden sich. Sie kommen zaghaft, sie wissen nicht, was sie erwartet. Zuerst müssen sie ihre Armbanduhren abnehmen, dann zeigt ihnen Rosen, wie man Tefillin legt und erklärt die Bedeutung. Die jungen Männer stellen sich geschickt an, freuen sich, dass es ihnen gelingt, die Lederbänder in der richtigen Weise an Arm und Stirn zu befestigen. Wer nicht weiß, dass sie Muslime sind, könnte auf den Gedanken kommen, sie hätten zu Hause heimlich geübt. Auch Shoshana Rosen freut sich – über die Freude der Schüler und über den Erfolg ihres pädagogischen Konzepts. Die langjährige Schulleiterin wird später sagen: „Natürlich hätte ich ihnen auch nur ein Bild mit Tefillin legenden Männern zeigen können, doch es selbst zu tun – live! –, ist etwas ganz anderes.“
Und so endet Shoshana Rosens Synagogenführung, nachdem sie den Schülern den jüdischen Gottesdienst, die Geschichte der Düsseldorfer Juden, das hebräische Alefbet und vieles mehr erklärt hat, mit einem weiteren Do‐it‐yourself: Rosen packt aus ihrem Koffer ein winziges Schofarhorn aus, es ist gerade mal so groß wie ein Mobiltelefon. Dann zeigt sie den Schülern ein normales Schofar und schließlich ein riesengroßes Antilopen‐Schofar, und alle dürfen probieren hineinzublasen. Alle. „Möchtest du auch mal?“, fragt Rosen ein ernst blickendes Mädchen mit Kopftuch. Sie nickt und lächelt verlegen. Dann hebt sie an, presst ihre Lippen zusammen – und es erklingt ein klarer Ton. Welch ein Anblick: Eine kopftuchtragende Muslima bläst in einer Synagoge das Schofar – wer das sieht, könnte glauben, das messianische Zeitalter sei angebrochen, und einen Nahostkonflikt hätte es nie gegeben.
Doch eben der wirkt zunehmend auch in die türkische Gemeinschaft hinein. War Antisemitismus bis vor wenigen Jahren in dieser Gruppe kaum ein Thema, breitet sich der Hass gegen Juden in letzter Zeit auch unter türkischstämmigen Jugendlichen in Deutschland aus. Viele machen dafür die Medien verantwortlich. „Wir werden überschwemmt von einer Propagandawelle aus dem arabischen Raum“, sagt Ufuk Topkara. Leider werde der aufkeimende Antisemitismus innerhalb der muslimischen Gemeinde noch viel zu wenig angesprochen und von manchen sogar kultiviert.
Aber gleichzeitig regt sich etwas: Ganz langsam gehen Menschen wie Akan, Terzi und Topkara auf das Judentum zu. Wollen es kennenlernen und anderen Muslimen nahebringen. Als etwas Verwandtes, das es weder zu fürchten noch zu hassen gilt.

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