Polen

Die ungewollten Nachbarn

von Martin Behrens

Sonnenstrahlen fallen durch die vergitterten Fenster in den Gebetsraum. Bunte Schatten tänzeln über Tische und Wände. Der Parkettboden knirscht. Unten rattert eine Straßenbahn. Autos rasen hupend über das Kopfsteinpflaster. Mikolaj Rozen zieht die Gardinen zu. Er macht keinen sehr zufriedenen Eindruck. Optimismus? Davon sei ihm wenig geblieben, sagt Rozen. »Zukunft?«, wiederhohlt der Gemeindevorsteher fragend. Er schüttelt den Kopf. 50 Mitglieder zählt die jüdische Kultusgemeinde in Szczecin (Stettin) noch. 50 Menschen in einer 500.000-Einwohner-Stadt. Er nimmt sein Jackett vom Haken, zieht die Kippa vom Kopf und schließt die Tür. Es ist dunkel im nasskalten Treppenhaus.
»Wer seine Identität kennt, verlässt dieses Land«, sagt Rozen und klopft mit dem Handballen gegen die graue Betonwand. »Vor allem die Jungen.« Lack blättert ab und fällt auf den Betonboden im Treppenhaus. Eine Katze huscht vorbei und verschwindet durch einen Türspalt auf den Hinterhof. Im Briefkasten steckt die Tageszeitung. »Jesus krolem Polski – Jesus König von Polen«: Auf dem Titelfoto hält eine Frau ein Plakat mit dieser Aufschrift in die Luft. Der katholische Sender »Radio Maryja« hat wieder einmal zur Demonstration aufgerurfen. Diesmal gegen Abtreibung. Als im Dezember der Warschauer Erzbischof wegen kommunistischer Geheimdienstkontakte den Hut nehmen musste, erschallten auf dem Domplatz Rufe fanatisierter Radio‐Maryja‐Hörer, die Rozen für symptomatisch für das gesellschaftliche Klima hält: »Sie haben einen Polen gehenkt! Dieses Land wird von Juden regiert!« Zwei Monate später veröffentlichte der EU‐Parlamentarier Maciej Giertych ein Pamphlet, in dem er Juden als »Fremdkörper in Europa« darstellt; als »tragische Gemeinschaft«, die es verpasst habe, Jesus als Messias zu erkennen. Übermäßige Empörung der Regierung ob dieses Rückgriffs auf antisemitische Stereotype der Zwischenkriegsjahre blieb aus.
Doch Gemeindechef Rozen fühlt keinen Hass in sich. Auch keine Wut, nur Resignation. »Ich bin Pole«, erzählt er beim Spaziergang durch den Stadtpark. Eine weiß‐rote polnische Flagge flattert am Denkmal für den »polnischen Papst« Johannes Paul II. Pilger haben sich eingefunden, legen Blumen nieder, beten. Es ist sein zweiter Todestag. Auf der zittrigen Wasseroberfläche des kleinen Sees spiegelt sich eine prachtvolle Häuserzeile. »Ich bin, war und bleibe der ungewollte Nachbar.« Längst hat er sich mit seiner »inneren Emigration« abgefunden, will einfach Ruhe haben. »Zum Kämpfen bin ich zu alt und zu müde«, sagt er. Es seien nicht Gewaltakte, die ihm Angst machten. Die gebe es, anders als in Frankreich, glücklicherweise kaum. »Es ist die Atmosphäre«, sagt Rozen. Bei einer Umfrage aus dem Jahr 2005 gaben 45 Prozent der Polen zu, »Antipathien« gegen Juden zu hegen. »Das ist drin in den Köpfen. Dazu braucht es keine Juden mehr in diesem Land.« Rozen schaut auf das Spiegelbild im Wasser. »Auf einer falschen Idee kannst du keine richtige Zukunft bauen«, sagte er. »Jede Realität existiert auch als Idee. Was ist das Fundament unserer Gesellschaft?«

* * *

Piotr Pazinski ist sich ziemlich sicher: »Viele Polen haben ein klares Feindbild vom Juden.« Seit sechs Jahren leitet er die Redaktion des jüdischen Magazins Midrasz in Warschau. »Der Kommunismus war jüdisch, der Antikommunismus sowieso. Eigentlich ist alles jüdisch. Es muss nicht einmal Sinn machen.« Als Gerüchte über eine jüdische Verschwörung gegen den Spitzel‐Bischof kursierten, musste er herzhaft lachen: »Das hat schon eine gewisse Tragik.« Der 34‐Jährige blättert in der jüngsten Ausgabe des Magazins, trinkt seinen Kaffee, schlägt eine Doppelseite auf und schiebt sie über den Tisch im Inter‐city von Warschau nach Poznan: Ein Bericht über polnischen Antisemitismus in den Zwischenkriegsjahren. Das es ihn gab – ein historisches Fakt. In manchen Kreisen jedoch sorgt schon seine bloße Erwähnung für hysterische Reaktionen. »Anti‐polnische und anti‐katholische Phobien«, machte die Zeitung Nasz Dzeinnik aus und forderte die Regierung auf, Midrasz den finanziellen Garaus zu machen. Wie Radio Maryja, das sich ebenfalls des Themas annahm, gehört das Blatt zum Medienimperium des radikalen Paters Tadeusz Rydzyk. »Drei, vier solcher offenen antisemitischen Zeitungen gibt es in Polen«, sagt Pazinski. »Es macht mir Sorge, dass Teile des rechten Katholizismus sich stark antisemitisch geben.«
Die Gründe dafür sind leicht zu finden. Nach dem »Finis Poloniae« 1795 verschwand der polnische Staat für mehr als ein Jahrhundert lang von der Landkarte. Seine Teile wurden Preußen, Rußland und dem Habsburger Reich vermacht. Der Poet Adam Mickiewicz (1798–1855) stilisierte Polen gar zum »Christus der Völker«, der geopfert werden müsse für die Freiheit der Nationen. Ohne staatliche Institutionen avancierte die Kirche zur Wahrerin polnischer Identität. Bis heute. Das Gefühl, Märtyrer zu sein, hat sich eingebrannt in die polnische Identität und duldet schwerlich andere Minderheiten neben sich. Jahrzehnte galt Auschwitz hier vor allem als Ort polnischen Gedenkens, weniger des jüdischen.
Die polnische Nationalbewegung hat ein enormes religiöses Sendungsbewusstsein. Erst Weihnachten scheiterten Regierungsparlamentarier mit dem Versuch, Jesus per Verfassung zum »König der Polen« zu ernennen. »Seither sind die ›Jesus krolem Polski‐Plakate‹ noch populärer geworden«, sagt Redakteur Pazinski beim Durchblättern einer Zeitung. Die Vorurteile gegen Juden seien in der polnischen Kultur tief verwurzelt, glaubt er. »Dennoch hat sich die Situation gebessert.« Zumindest außerhalb der katholischen Rechten. Kaum jemand gebe noch offen zu, ein Antisemit zu sein. Unterbewusst blieben es jedoch viele. Zwischen den Zeilen, reproduzierten sie alte Vorurteile. »Wütend werde ich nur noch, wenn ich anti‐jüdische Zwischentöne in den großen Zeitungen bemerke.« In den Gemeinden hingegen werde das Thema Antisemitismus kaum diskutiert. Sie leiden an anderen Problemen. »Die Gemeinden sind überaltert, klein und haben kaum eine intellektuelle Ausrichtung. Ich bin da Pessimist. Das institutionelle jüdische Leben in Polen ist armselig und wird es wohl auch bleiben.« Zwar erkenne ein Teil der polnischen Intelligenzija seine jüdischen Wurzeln an, aber es bleibe, auch aufgrund jahrzehntelanger Assimilation, zumeist bei »einem privaten Bekenntnis«. Der Journalist blickt aus dem Zugfenster. Blechkarawanen kriechen über die Stadtautobahn. »Wer weiß. Vielleicht wird Polen ja doch noch einmal attraktiv, wenn sich die Lage in Frankreich zuspitzt?«, sagt er und ordnet die Papiere auf seinem Tisch. »Warum nicht? Aber erst einmal muss Polen seine eigene Geschichte aufarbeiten.«

* * *

Warschau ist eine boomende Stadt. Gegenüber dem Bahnhof erhebt sich das stalinistische Erbe der Hauptstadt: der Palac Kultury i Nauki. Zuckerbäckerstil par exellence. Futuristische Wolkenkratzer aus Glas und Stahl werfen wenige Meter weiter geometrische blauschwarze Schatten auf die Straße. Alt und Neu existieren in perfekter Symbiose weiter. Menschenmassen zwängen sich über die Fußgängerwege und durch die unterirdischen Gänge. In einem kleinen jüdisch‐vegetarischen Café in einer Seitenstraße unweit der Synagoge sitzt Krzystof Izdebski. Dass es in Polen einen traditionellen, katholisch geprägten Antisemitismus gibt, glaubt auch der 26‐jährige Anwalt. Dennoch ist er nicht allzu pessimistisch. »Immerhin sind nicht mehr wir Juden das größte Problem für die Regierung. Das sind jetzt die Homosexuellen«, sagt er augenzwinkernd und schaut in die Kerze auf dem Tisch. »Sie sind die Juden des 21. Jahrhunderts.« Gerade hat das Macjej Giertychs Sohn Roman unterstellte Bildungsministerium ein Gesetz wider »homosexuelle Propaganda« an Schulen vorgelegt. »Das Leben hier ist für Juden nicht depressiver als für jeden anderen Menschen.« Doch immerhin halte langsam political correctness Einzug in die polnische Politik. »Im Herzen wird zwar ein Roman Giertych immer ein Antisemit bleiben«, sagt Izdebski. »Aber damit lässt sich keine politische Karriere mehr machen.« Immer mehr Gäste kommen ins Café. Es ist Mittag. »Wir bekommen als jüdische Gemeinden ja sogar brauchbare Hilfe durch die Regierung.« »Aber«, fügt er gleich hinzu, »das ist keine Liebe, das ist rationale Politik.« Die Geisteshaltung sei die gleiche geblieben, »nur die Feindbilder sind ausgetauscht worden.« Vielleicht überhöre er auch einfach viele antisemitische Kommentare aus Gewohnheit. »Wenn wir das alles ernst nähmen, dann würden wir verrückt werden«, sagt er. Dann wird Krzystof Izdebski ernst. »Was es bedeutet, Jude zu sein, wird dir in Polen schnell klar, wenn du einen Freund besuchst und unterwegs die Schilder nach Auschwitz siehst.« Dennoch will er in Polen bleiben. Es ist seine Heimat. »Das Leben in der Diaspora gehört zu meiner Identität als polnischer Jude.« Die Kellnerin bringt zwei Salatteller. Schwarz‐WeißFotos hängen an den mit Halogenleuchten ausgestrahlten Backsteinwänden. »Meine beiden Kinder leben seit vielen Jahren in Israel, nur ich bin geblieben«, sagt die Kellnerin und setzt die Teller ab. »Und spielst für uns alle die gute Mutter«, sagt Krzystof lachend und klopft ihr auf die Schulter. Traurig sei für ihn allen gesellschaftlichen Fortschritten zum Trotz, »dass du als Jude immer ein Außerirdischer, ein Exot, bleibst«. Eine Normalität im jüdisch‐polnischenVerhältnis sei noch lange nicht erreicht. »Im Moment ist es geradezu Mode, jüdisch zu sein. Manche Kommilitonen beneideten mich, denn sie waren nicht jüdisch.« Auch stießen immer mehr Menschen jedes Alters auf ihre jüdischen Wurzeln, die im Kommunismus meist überdeckt waren. Für die katholisch Erzogenen unter ihnen sei dieser Prozess der Entdeckung am einfachsten. »Für sie ist das ein Wechsel der Institutionen.« So habe sich selbst mancher katholische Hardliner zum orthodoxen Juden entwickelt.

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