Terrorismus

Die Stellvertreter

von Walter Laqueur

Es waren die größten Terroranschläge, die es je gegeben hat. Fünf Jahre sind vergangen, seit in New York die Zwillingstürme des World Trade Center in sich zusammenfielen. Rund 3.000 Menschen starben. Fünf Jahre sind vergangen, seit ein weiteres Flugzeug auf das Pentagon in Washington stürzte. Kaum jemand wird behaupten, daß nach diesem halben Jahrzehnt größere Sicherheit in der Welt herrscht. Die geplanten Angriffe in London, die von den englischen Sicherheitskräften im letzten Moment vereitelt wurden, belegen das in aller dramatischen Deutlichkeit. Fast jeden Monat gibt es Anschläge, auch größeren Ausmaßes. Man denke nur an die mörderischen Angriffe in Bombay und an terrori- stische Aktivitäten in Ländern, in denen die westlichen Medien kaum vertreten sind und von denen bei uns nur die Experten erfahren. Dennoch stellt sich die Frage, ob der Terrorismus à la Al Kaida eine große Zukunft hat, oder ob nicht vielmehr der Stellvertreterkrieg (der sich oft auch terroristischer Mittel bedient) die gefährlichste Bedrohung geworden ist.
Gewiß, die Jünger von Osama bin Laden haben Erfolge gehabt. Aber mehr auf dem Gebiet der PR, also der Einflußnahme auf die Medien, und weniger bei dem Versuch, den Gegner zu schwächen oder gar zu vernichten. So gilt es heute in vielen westlichen Ländern als politisch korrekt, das Kind nicht länger bei seinem Namen zu nennen. Terroristen sind nicht weiter Terroristen, sondern Militante oder Teil einer Guerilla. Auch hat es erheblichen Widerstand in westlichen Ländern gegen den Kampf gegen Terrorismus gegeben, gerade weil die Sicherheitskräfte ziemlich erfolgreich waren und es bisher relativ wenige Opfer gegeben hat. Warum sollte man unter diesen Umständen auf angestammte Freiheiten (und Freizügigkeit) verzichten? All das ist vom Standpunkt der Terroristen aus als positiv zu werten. Aber nennenswerte Fortschritte haben sie nicht gemacht. Der große und der kleine Satan sind immmer noch da, während sich die führenden islamistischen Verfechter der Gewaltanwendung in Höhlen in Waziristan oder im Dschungel der Großstädte verstecken müssen.
Dennoch: Auch wenn es in diesen fünf Jahren nach Nine-Eleven keinen Anschlag gleichen Ausmaßes mehr gegeben hat, besteht kein Grund, das Signal für eine Entwarnung zu geben. Im Gegenteil. Der Terrorismus ändert seinen Charakter und sei- ne Strategie. Genauso wie der Al-Kaida- Terrorismus wenig oder gar nichts mit dem Terrorismus des 19. Jahrhundert zu tun hat, so ist der neue Terrorismus, der sich abzuzeichnen beginnt, verschieden von dem islamistischen Terrorismus der vergangenen Jahre.
Wir befinden uns am Vorabend einer neuen Periode, in der Terroristen wahrscheinlich auch Massenvernichtungsmittel anwenden werden. Solche Waffen werden in nennenswertem Umfang von Staa- ten hergestellt, nicht von kleinen Gruppen fanatischer Amateure (obgleich auch das nicht ganz auszuschließen ist). Nun werden aber Staaten, nehmen wir den Iran als Beispiel, zögern, solche Waffen selber zu benutzen. Nicht weil sie an moralischen Skrupeln leiden, sondern weil sie Konsequenzen für das eigene Land befürchten. Daher halten solche Staaten es für notwendig, Stellvertreter zu benutzen – zum Beispiel die Hisbollah im Libanon.
Eine solche Strategie birgt aber auch Gefahren. Denn die Kontrolle der großen Brüder kann nie vollkommen sein. Und es ist immer möglich, daß die Stellvertreter ihre Gönner in Konflikte verwickeln – und das gerade zu einem Zeitpunkt und an einem Ort, den sie nicht gewollt haben. Das sind Risiken, die man in Kauf nehmen muß, und sie machen die Welt noch unsicherer, als sie ohnehin schon ist.
Natürlich ist die Stellvertreter-Strategie nicht überall anwendbar. Was im Nahen Osten möglich ist, mag in Europa nur selten möglich sein. Es wird also Terrorismus alten und neuen Stils weiter geben und alle möglichen Kombinationen von politischem Kampf, Guerilla-Krieg und Terrorismus. Kriege großen Stils sind im 21. Jahr- hundert in jeder Beziehung zu kostspielig geworden. Aber Interessenkonflikte und solche ideologischer Art wird es weiter geben. Auch das Aggressionspotential in verschiedenen Teilen der Welt ist nicht zurückgegangen. Daran dürfte sich leider nichts ändern. Der Feind bleibt, nur seine Methoden des Krieges ändern sich.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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