Führung

Die Qual der Wahl

von Dinah A. Spritzer

Sieben Monate ist das Comité de Coordination des Organisations Juives de Belgique (CCOJB) bereits damit beschäftigt, einen neuen Präsidenten aus ihren Reihen zu wählen. Aber noch immer hat sich keiner der beiden Kandidaten für die Leitung der jüdischen Dachorganisation Belgiens mit der notwendigen Stimmenmehrheit durchsetzen können. Das Komitee steht vor einer Zerreißprobe und die Stimmen, die einen starken Vorsitzenden fordern, werden immer lauter, denn die jüdischen Gemeinden Belgiens sehen sich einer steigenden Flut von antisemitischen Zwischenfällen und antiisraelischer Rhetorik ausgesetzt.
Aber genau diese beiden Themen dominieren derzeit den Kampf um den Vorsitz im CCOJB-Dachverband. Während der 38-jährige Joel Rubinfeld kritisiert, das Komitee beschäftige sich viel zu wenig mit dem Antisemitismus in Belgien, sieht hingegen sein Kontrahent, Norbert Cige, keinen Handlungsbedarf. Der 65-Jährige findet, dass Antisemitismus kein dringliches Problem in Belgien ist.
Sechs Wahlgänge hat das Comité de Coordination des Organisations Juives de Belgique bisher ergebnislos durchgeführt: Keiner der beiden Kandidaten konnte sich bei der Bewerbung um den Spitzenposten durchsetzen.
Auch die letzte Abstimmung im CCOJB, in der seit Gründung des Komitees im Jahr 1970 das Konsensprinzip herrschte, brachte keine Klärung. Joel Rubinfeld erhielt knapp 60 Prozent der Stimmen, die für einen Sieg notwendig sind. Bei einer Enthaltung votierten 65 der Komiteemitglieder für ihn, 47 für den Konkurrenten Cige. Allerdings ist eine Tendenz erkennbar: Bei jedem Wahlgang hat Rubinfeld weitere Stimmen auf sich vereinigen können. Nun wird der Vorstand Anfang September zusammenkommen, um das Wahlverfahren zu überprüfen.
In Belgien leben etwa 42.000 Juden. Die Zahl antisemitischer Gewalttaten in Belgien hat sich von neun im Jahr 2005 auf 16 im Jahr 2006 fast verdoppelt. Insgesamt gab es 66 Zwischenfälle, die dem Komitee 2006 gemeldet wurden, verglichen mit 60 im Jahr davor. Präsidentschaftskandidat Joel Rubinfeld meint, das Jüdische Komitee sei zu passiv und müsse versuchen, einen offeneren Dialog mit der Regierung herzustellen. »Unser größtes Problem ist der Anstieg des Antisemitismus seit der zweiten Intifada 2000«, erklärte Rubinfeld. »Es gab auf offener Straße Angriffe gegen Rabbiner, und Molotowcocktails wurden gegen jüdische Geschäfte geworfen. Mein Rabbiner wurde von jungen Muslimen mit Steinen beworfen.« Er wolle die Dis-
kussion über Antisemitismus in die Öf-
fentlichkeit und der belgischen Gesellschaft nahe bringen, warum das Thema nicht nur für Juden von Bedeutung ist.
»Das CCOJB spielt das Problem herunter, obwohl belgische Juden nicht einmal mehr Kippot auf der Straße tragen können«, sagte Rubinfeld. In den vergangenen Jahren hat er viel Zeit damit verbracht, Artikel über Antisemitismus zu schreiben und in der Hoffnung auf eine Verbesserung des israelischen Images dafür zu werben, dass belgische Parlamentarier den jüdischen Staat besuchen.
Norbert Cige dagegen findet die Aktivitäten des Komitees ausreichend. Es unterhalte ausgezeichnete Verbindungen zu allen politischen Parteien. Die Arbeit würde nur erschwert, sollte es jedesmal, wenn es zu einem antisemitischen Vorfall kommt, »das laut von allen Dächern plärren. Wir sollten nur dann aktiv werden, wenn es sich um etwas Größeres handelt, damit wir genügend Kraft haben, wenn wir sie wirklich brauchen«, sagte der ehemalige Direktor der jüdischen Ganenou-Schule in Brüssel. Auch der derzeitige CCOJB-Präsident Philippe Markiewicz ärgert sich über den Vorwurf, seine Organisation habe Israel nicht genügend unterstützt.
Michele Szwarcburt, Präsidentin des Jüdischen Gemeindezentrums Belgiens, ist überzeugt: »Wenn Rubinfeld gewänne, wäre das eine Katastrophe. Er wird von den Rechtsextremen unterstützt, und alles, was sie tun, ist, über Antisemitismus zu reden, während wir endlich Brücken zur muslimischen Gemeinschaft bauen sollten.«
Julien Klener, Präsident des Konsistoriums, das religiöse Belange der belgischen Juden gegenüber der Regierung vertritt, sagte, die belgische Jüdische Gemeinde bewege sich vielleicht einfach »nach rechts, wie die gesamte politische Szene«.
Für einige spiegelt sich in dem sich hinziehenden Votum das besondere Verhältnis ihres Landes mit dem Surrealismus wider. Henri Benkoski, Begründer von Radio Judaica und Vorstandsmitglied des Komitees, kommentierte die bisher erfolglose Suche nach einem mehrheitsfähigen Präsidenten: »Wir sind das Land des Ma-
lers Magritte; was könnte surrealistischer sein als eine derartige Wahl?«

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