Millionäre

Die neuen Rothschilds

von Ralf Balke

Der Witz ist älter als der jüdische Staat: Wie macht man in Israel ein kleines Vermögen? Die Antwort auf die Frage lautete lange: Man kommt mit einem großen Vermögen ins Land, klein wird es ganz von alleine und das oft in kürzester Zeit. Gewiss, unternehmerisches Pech, politische Krisen oder einfach nur Dummheit können auch heute noch in Israel jede größere Summe wie Butter in der Sonne dahin schmelzen lassen. Aber es gibt mittlerweile eine wachsende Zahl von Reichen und Superreichen. So befinden sich neun Israelis auf der Liste der knapp eintausend Milliardäre auf der Welt, die jedes Jahr vom US‐amerikanischen Wirtschaftsmagazin >Forbes erstellt wird. Mit einem geschätzten Vermögen von 4,4 Milliarden Dollar ist Stef Wertheimer der reichste Israeli überhaupt und belegt Platz 188 auf dem >Forbes-Ranking, dicht gefolgt von Shari Arison auf Platz 194, die immerhin 4,3 Milliarden Dollar ihr eigen nennen darf. Wertheimer konnte Arison toppen, weil er im vergangenen Jahr achtzig Prozent der im Familienbesitz befindlichen Metallwerkzeugfirma Iscar für über vier Milliarden Dollar an den US‐Investor Warren Buffet verkauft hatte. Weitere israelische Milliardäre sind Lev Leviev, der es dank seiner Immobilien‐ und Diamantengeschäfte auf Platz 210 schaffte. Was auffällt: Die meisten der israelischen Milliardäre rutschten in dem Ranking im Vergleich zum Vorjahr kräftig nach oben. Delek‐Tankstellenbesitzer Jitzchak Tschuva zum Beispiel von Platz 382 auf Platz 214. Champagner und Kaviar bis zum Umfallen können sich heute aber auch viele andere Israelis problemlos leisten. Laut dem World Wealth Report, veröffentlicht von Merrill Lynch und der Beratungsfirma Cap Gemini, gab es 2006 in Israel immerhin fast siebeneinhalbtausend Millionäre mit einem verfügbaren Gesamtvermögen von 35 Milliarden Dollar, ein Plus von 12,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Darunter befinden sich siebenundachtzig Multimillionäre, die mehr als 30 Millionen Dollar an liquiden Mitteln besitzen. Natürlich hat keiner davon sein Geld bei TV‐Shows wie >Wer wird Millionär? gewonnen. »Viele Israelis haben weltweit in lukrative Immobiliengeschäfte investiert, von den steigenden Kursen an der Tel Aviver Börse profitiert oder sind dank des Kaufs ihrer Unternehmen durch ausländische Investoren zu viel Geld gekommen«, so Uri Goldfarb, Vize‐Präsident des Private Banking‐Geschäfts von Merrill Lynch in Israel über den neuen Reichtum. Oder durch Erbschaft wie Shari Arison, immerhin Israels reichste Frau. Ihr Vater Ted Arison hatte in Miami in den siebziger Jahren mit seiner Kreuzfahrtlinie Carnival Cruise Line den Grundstock für das Familienvermögen gelegt. Obwohl nach dem Tod von Papa Arison im Jahr 1999 ihr Bruder Micky auf den Chefsessel rückte, erbte sie ein Aktienpaket im Wert von 3,6 Milliarden Dollar und besitzt zudem 35 Prozent Anteile an der Arison Holding, die wiederum unter anderem an der Bank HaPoalim oder diversen Telekommunikationsunternehmen beteiligt ist. Typisch für Israel ist zudem die Konzentration des Reichtums auf einige wenige Familienclans. Laut dem Wirtschaftsinformationsdienst Business Data Israel kontrollieren neunzehn Familien rund vierunddreißig Prozent des Umsatzes von Israels fünfhundert Top‐Unternehmen. Mit anderen Worten: Die Arisons, Tschuvas oder Gebrüder Ofer, die das Wirtschaftsimperium Israel Corporation ihr eigen nennen dürfen, nahmen zusammen im vergangenen Jahr 57,4 Milliarden Dollar ein. Wie die Arisons oder der Medienmogul Chaim Saban hat rund die Hälfte der Superreichen ihr Vermögen nicht in Israel gemacht, sondern im Ausland. Viele stammen ursprünglich aus dem anglo‐amerikanischen Raum, so etwa der in Kanada geborene Leon Koffler, dem die weltweit expandierenden Drogeriemarktkette Super‐Pharm gehört und der die Franchisingrechte für Toys R Us, Blockbuster Video und Office Depot in Israel besitzt. Oder aus Russland wie der israelische Millionär, der zurzeit wohl die meisten Schlagzeilen produziert: Arkadi Gaydamak, ein Mann mit starken politischen Ambitionen, der sich als so etwas wie die Alternative zum Staat positioniert. Im Unterschied zu allen anderen Superreichen in Israel sucht Gaydamak die Nähe zu den Medien geradezu und lädt reihenweise TV‐Crews dazu ein, seine Paläste in Moskau oder Cäsarea an der israelischen Mittelmeerküste filmen. Ebenso medienwirksam inszeniert Gaydamak seine sozialen Wohltaten, spendet für die kriegs‐ und terrorgeschädigten Einwohner Kiryat Schmonas oder Sderots und erklärt, in der Tradition großer jüdischer Gönner wie den Montefiores oder Rothschilds zu stehen. Doch im Unterschied zu Gaydamak waren die Montefiores und Rothschilds respektable Mitglieder ihrer Gesellschaft, die kaum derart offensichtlich Eigeninteressen mit ihrem sozialen Engagement verbanden. Und obwohl die Arisons und andere mehr als nur wohlhabende Israelis gerne das Scheckbuch zücken, wenn es um Wohltaten geht, und der Reichtum mancher Magnaten überwältigend sein mag, hat es noch keiner geschafft, in Sachen Mythos an die legendären Millionäre aus dem 19. Jahrhundert auch nur annähernd heranzukommen.

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