Ismail Khaldi

Die Mission des Patrioten

von Alexandra j. Wall

Als Ismail Khaldi aufwuchs, lief er jeden Tag mehr als sechs Kilometer zur Schule und wieder zurück. Bis er acht Jahre alt war, schlief er in einem Zelt ohne Elektrizität oder fließendes Wasser. Als drittes von elf Kindern machte er Hausaufgaben im schwachen Licht einer Öllampe, umgeben von seinen Geschwistern – „ein ganzes Bataillon”, sagt Khaldi scherzend. In der schulfreien Zeit erledigte er seine Hausaufgaben und half seiner Familie, die Schaf‐ und Ziegenherde zu hüten. Khaldi lebte wie die meisten Beduinen in Israel. „Sie können sich keinen größeren Unterschied vorstellen, als zwischen dort, woher ich komme, und hier,” sagt der neue Vizegeneralkonsul Israels in San Francisco. Als erster Beduine, der in Israel den Lehrgang für den Außendienst absolvierte, wurde Khaldi ein sehr begehrtes Amt übertragen: Im Oktober wird er seine Stelle als stellvertretender Generalkonsul antreten und für die Gemeinden im Nordwesten an der amerikanischen Pazifikküste zuständig sein.
Noch hat sich die Neuigkeit nicht herumgesprochen. Es wird mit Sicherheit Juden geben, die der Meinung sind, es gehe nicht an, daß ein arabischer Muslim den jüdischen Staat vertritt. Und es wird andere geben, die in seiner Berufung nichts anderes als ein Alibi sehen oder einen PR‐Trick seitens der israelischen Regierung, die ihr Image im Ausland verbessern will. Khaldi weiß, daß er sich mit beiden Vorwürfen auseinandersetzen muß, und ist bereit, sich der Herausforderung zu stellen.
Seiner Ansicht nach ist es nur dem demokratischen Charakter Israels zu verdanken, daß ein ehemaliger Hirte wie er mit der Aufgabe betraut wird, den jüdischen Staat in der Öffentlichkeit zu vertreten. „Das Wunderbare an der israelischen Demokratie besteht darin, daß sie die Tür für Nichtjuden offen hält”, sagte er. Israel sei zwar nicht vollkommen, doch während seiner Reisen nach Amerika, Kanada, England und Australien habe er beobachten können, daß auch diese Länder ihre Minderheiten nicht besser behandeln. „Minderheiten haben in allen führenden Staaten der Welt ihre Probleme und Frustra‐ tionen. Israel ist noch keine sechzig Jahre alt, die USA sind schon 230.”
Khaldi, den seine Freunde „Isch“ nennen, ist dünn und hat kurz geschorenes Haar. Er trägt einen dunkelblauen Anzug und eine gestreifte Krawatte, redet in rasantem Tempo Englisch und macht gerne Witze über sich selbst. Er spricht fließend Arabisch, Hebräisch und Spanisch. Und er ist einer von etwa 200.000 Beduinen in Israel. Die meisten seines Volkes leben laut der Website des israelischen Außenministeriums in der Wüste Negev.
Die Beduinen sind ein Nomadenvolk, das jahrhundertelang seinen Herden folgte und dort seine Zelte aufschlug. Sie sind Araber und Muslime, aber anders als die anderen arabischen Staatsbürger Israels dürfen sie in den israelischen Streitkräften Israel Defense Forces (IDF) dienen, wenn sie wollen. Viele wollen. Khaldi schätzt, daß 70 Prozent der Beduinen in Galiläa (von dort stammt er) Wehrdienst leisteten. Khaldi stammt aus einer langen Reihe von Beduinen, die lange vor der Gründung des Staates Israel mit den Juden zusammengearbeitet haben. Mit einem gewissen Stolz merkt er an, daß seine verstorbene Großmutter mit ihren Kibbuz‐Nachbarn etwas Jiddisch sprechen konnte.
Er sei ein neugieriges Kind gewesen, das sich immer für Dinge außerhalb seines Dorfes interessiert habe, beschreibt der 35jährige sich selbst. Als er im Alter von 19 Jahren zum ersten Mal die USA besuchte, begann das, was er seine „Liebesaffäre” mit Amerika nennt. Er habe sich nicht nur in das Land verliebt, sondern auch den starken Wunsch verspürt, Israel dort zu vertreten und den Amerikanern etwas über seine Heimat beizubringen. Liebe auf dem ersten Blick war es aber nicht. Tatsächlich hätte diese erste Reise beinahe nicht stattgefunden. Nach seinem High‐School‐Abschluß arbeitete Khaldi in einem benachbarten Kibbuz und hoffte, genügend Geld zu verdienen, um sein Studium zu finanzieren. Während seiner Zeit im Kibbuz lernte er amerikanische und kanadische Juden kennen. Obwohl er kaum Englisch sprach, schloß er mit einigen enge Freundschaft und träumte davon, sie zu besuchen. Wenn man bedenkt, daß er bis dahin nicht einmal in Tel Aviv oder Jerusalem gewesen war, mußte eine Reise in die Vereinigten Staaten oder nach Kanada unwahrscheinlich, ja unrealistisch erscheinen. Dennoch: Khaldi sparte genug Geld, um ein Flugticket zu kaufen. Er beantragte einen Paß und ein Visum. Jemand gab ihm die Telefonnummer eines Israelis namens Doron, der eine Spedition in Brooklyn betrieb. Zehn Tage vor dem Abflug kündigte Khaldi seinen Job, um sich auf seine Reise vorzubereiten. Und dann wurde die ganze Sache publik. Zuerst konfrontierten ihn sein ältester Bruder und dann seine Mutter mit der Frage, ob etwas an dem Gerücht dran sei. „Wir kommen aus einer kleinen, geschlossenen Gesellschaft. Und es war ja nicht so, daß ich bloß nach Eilat fahren wollte.“ Die Antwort kam nicht gut an. „Meine Mutter fürchtete, mich zu verlieren.“ Er erklärte seinen Eltern, er wolle herausfinden, ob er in den USA studieren könne. Schließlich gaben sie ihre Einwilligung.
Khaldi flog nach New York, mit 300 Dollar in der Tasche. „Wie? Willst du etwa zum Frühstück nach New York fliegen und gleich wiederkommen?“, fragten ihn die Kollegen im Kibbuz, die wußten, daß man mehr als 300 Dollar braucht, um in New York auch nur kurze Zeit zu überleben. Khaldi hoffte, der Spediteur würde am Flughafen auf ihn warten. Doch Doron war nicht da. Ein Chassid hatte Khaldi im Flugzeug erklärt, wie man mit 25 Cent einen Telefonanruf führen kann. Es war 6 Uhr morgens. Khaldi wählte Dorons Nummer. Eine Frau nahm ab, nicht glücklich darüber, aus dem Schlaf gerissen zu werden. Als Khaldi nach Doron fragte, sagte sie, der sei nicht da. Wo er sei, fragte Khaldi, und sie antwortete, sie habe keine Ahnung, und legte auf. „Es war, als ob der Himmel über mir einstürzte.“ Der junge Beduine hatte keine Ahnung, was er als Nächstes machen sollte. Er sprach kaum Englisch. Alles, was er hatte, war die Telefonnummer Dorons. Und eine gehörige Portion Durchhaltevermögen. „Die Bedingungen, unter denen wir leben, haben uns gelehrt, stark zu sein und nicht so leicht aufzugeben.“ Im Flughafen traf er schließlich einen Chassiden. Der sprach zwar nur Jiddisch, aber irgendwie gelang es ihnen, miteinander zu kommunizieren. Der Chassid zeigte Khaldi, wie er die U–Bahn nach Boro Park in Brooklyn nehmen müsse, wo viele Israelis leben. Als Khaldi das Flughafengebäude verließ, geriet er in Panik. Die Schwüle, der Lärm, die Menschenmengen in der Rushhour, die Graffiti. Alles stürzte auf ihn ein und ängstigte ihn, ganz zu schweigen davon, dass es Juni war und regnete – er hatte noch nie Regen im Juni erlebt. Er sprach einen Polizisten an, der ihn zum Bahnhof führte. Ein U‐Bahn‐Angestellter sah Khaldi an, daß er nicht wußte, was als Nächstes zu tun war, und ließ ihn umsonst durch die Sperre. Auf dem Bahnsteig sagte ihm ein Fahrgast, daß sein Zug auf der gegenüberliegenden Seite abfuhr. Also sprang Khaldi einen Meter tief auf die Gleise und zog sich auf der anderen Seite wieder hoch.
Als Khaldi in Boro Park angekommen war, sah er hebräische Schilder und Menschen, die Kippot trugen. „Ich fühlte mich ganz wie zu Hause. Der junge Mann fand ein Zimmer und Aushilfsjobs, arbeitete für Umzugsunternehmen und lieferte Lebensmittel aus. Als Khaldi nach drei Monaten wieder in Israel war, gelobte er, er würde nach Amerika zurückkehren, beim nächsten Mal aber mit einem Ziel. Er schrieb sich an der Universität von Haifa ein, erwarb den Bachelor in Politikwissenschaft. Dann ging der Beduine zur israelischen Armee und leistete zwei Jahre Dienst als Grenzpolizist. Warum Wehrdienst? Khaldi sagt, sein Stamm habe den frühen Siedlern geholfen, den Staat aufzubauen; sie hätten in der Haganah und der Palmach gegen die Briten gekämpft. „Muslime und Juden kamen vor der Staatsgründung Israels aus zwei verschiedenen Welten. Doch sie haben starke Bindungen zueinander entwickelt. Es ist vor allem eine menschliche Geschichte – keine politische. Und es ist eine ganz wichtige Geschichte, weil sie zeigt, wie Menschen mit verschiedenem Hintergrund zusammenleben können, wenn sie ein gemeinsames Ziel haben: zu leben.”
Nach dem Ende des Militärdiensts machte er seinen Magister im Fach Internationale Beziehungen an der Universität von Tel Aviv und gründete eine gemeinnützige Organisation namens Amitim, die dazu beitragen soll, die Beziehungen zwischen Israel und den Beduinen zu verbessern. Dann kehrte er in die USA zurück, um einen Vortrag zu halten. Kurze Zeit später wurde er von den Hillels verschiedener Universitäten eingeladen, um vor Studenten zu sprechen. Das war 2004 auf dem Höhepunkt der Intifada, und die jüdische Studentenorganisation Hillel war angetan von der Möglichkeit, den Studenten eine andere Seite von Israel zu zeigen. Vorträge an anderen Hochschulen folgten. Khaldi hatte einige schwierige Begegnungen durchzustehen, zumeist mit palästinensischen Studenten, die nicht verstehen konnten, wie ein Araber einem jüdischen Staat gegenüber loyal sein konnte. Als Mensch, sagt Khaldi, sympathisiere er mit den Palästinensern, genau wie die meisten Israelis. „Ich glaube, daß die Palästinenser einen Staat verdienen, wo sie unter einer demokratischen Regierung in Würde leben können.” In Berkeley wurde ihm empfohlen, Schutzkleidung zu tragen. „Sie waren anderer Meinung als ich, doch die Studenten dort hatten Respekt. Ich glaube, sie werden von den Medien einseitig gefüttert. Sie hatten meinen Argumenten nichts entgegenzusetzen.” Dem Beduinen gelang es sogar, die proisraelische und propalästinensische Fraktion dazu zu bewegen, nach seiner Rede zusammen Pizza essen zu gehen.
Khaldis Patriotismus hat dazu geführt, daß einige ihn als Verräter seines Volkes bezeichnen. Seine Familie, seine Freunde zu Hause hingegen seien stolz auf ihn. „Jeder in meinem Dorf träumt von der Chance, zu studieren und etwas beeinflussen zu können. Sie wissen, daß mein Lebensweg der Beweis ist, daß es auch für sie möglich ist.”
Und jetzt die USA und Zuhörer, die nicht immer auf seiner Seite stehen. „Darauf bin ich vorbereitet. Ich bin nicht hierher gekommen, um Menschen davon zu überzeugen, daß sie ihr Denken ändern müssen; zumindest aber kann ich versuchen, mit ihnen über Koexistenz zu reden und über die Notwendigkeit, miteinander zu sprechen.”
Khaldi ist auf seine Aufgabe vorbereitet. Mehrere Jahre arbeitete er beim amerikanischen Konsulat in Tel Aviv, später im Verteidigungsministerium. Nachdem er eine entsprechende Prüfung abgelegt hatte, ging es ins Außenministerium. Anfangs gab es dort für ihn nicht viel zu tun. Das änderte sich schnell mit Israels Abzug aus Gasa. Vergangenen Sommer vertrat Khaldi Israels Interessen während des Rückzugs, sprach auf Al Dschasira und in anderen arabischen Medien. Als Angehöriger einer Minderheit in Israel hat Khaldi viel Zeit damit verbracht, über seine Identität nachzudenken. „Ich bin kein Jude, ich bin kein Zionist, aber ich bin ein stolzer Israeli.“

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