Arcadi Gaydamak

Die Macht der Milliarden

von Michael Borgstede

Wie überall gibt es auch in Israel sympathische und weniger sympathische Politiker. Und dann gibt es den Noch‐Nicht‐Politiker Arcadi Gaydamak. Der mit interna‐ tionalem Haftbefehl gesuchte Milliardär ist mittlerweile einer der bekanntesten Bewohner Israels. Kaum ein Tag vergeht, an dem sein Name nicht in den Medien auftaucht. An Arcadi Gaydamak scheiden sich die Geister. Die einen verdammen ihn als inhaltsleeren Populisten mit krimineller Vergangenheit, die anderen handeln ihn bereits als zukünftigen Ministerpräsidenten und Retter einer verwirrten Nation. Wer aber ist Arcadi Gaydamak wirklich? Wo kommt er her, und was hat er vor?
1952 in der Ukraine geboren, zieht Gaydamak im Alter von vier Jahren mit seiner Familie nach Moskau. Während der Breschnjew‐Ära darf der junge Mann als einer der ersten Juden 1972 nach Israel auswandern. Doch es hält ihn nicht lange im Heiligen Land. Ein halbes Jahr in einem Kibbuz, so erzählt er heute, treiben ihm den Traum von einem wahrhaft sozialistischen Dasein ohne Wettbewerb und persönliche Ambitionen aus. Statt im Kibbuz um die soziale Rangfolge im Kleinen zu kämpfen, könne er die gleichen Gefechte doch auch auf einem größeren Schlachtfeld austragen und dabei zumindest reich werden. Der junge Mann heuert in Haifa als Matrose an und lässt sich schließlich in Frankreich nieder.
Dort verdient er seinen Unterhalt zunächst als Maurer und Gärtner. 1976 eröffnet der Mittzwanziger ein russisch‐französisches Übersetzungsbüro. Innerhalb weni‐ ger Jahre entwickelt sich »Gaydamak Translations« zu einer erfolgreichen Firma mit einer Filiale in Kanada. Durch einen Börsengang und andere Geschäfte, bei denen es allerdings nicht immer astrein zugegangen sein soll, baut er sein Unternehmen aus. Wegen seiner Verwicklung in einen Waffenhandelskandal, der in Frankreich unter dem Namen »L’Angolagate« Furore macht, wird im Jahr 2000 ein internationaler Haftbefehl gegen ihn erlassen. Neben Steuerhinterziehung wird Gaydamak der Vorwurf gemacht, der angolanischen Regierung als Gegenleistung für lukrative Ölexportverträge Waffen geliefert zu haben. Zudem soll Gaydamak den Sohn des damaligen französischen Staatspräsidenten, François Mitterrand, bestochen haben. Die Vorwürfe als Verschwörung abtuend, setzt sich Gaydamak nach Israel ab. Um einer Verhaftung zu entgehen, reist er seitdem nur noch mit einem angolanischen Diplomatenpaß, den er in seiner Funktion als Chefberater der angolanischen Regierung besitzt. Auch die Bentley‐Limousine, mit der er sich durch Moskau kutschieren läßt, fährt unter dem diplomatischen Kennzeichen Angolas.
Nach seiner unfreiwilligen Rückkehr nach Israel wird es zunächst still um Gaydamak. Doch dann entwickelt der Milliardär plötzlich eine philanthropische Ader. Er spendet für die Hilfsorganisation Magen David Adom, Holocaust‐Überlebende werden ebenso beglückt wie religiöse Suppenküchen. Eine Gegenleistung erwarte er nicht, versichert Gaydamak immer wieder in Interviews. Nur einmal kommt eher zufällig heraus, daß er der »Jewish Agency« 50 Millionen Dollar spendieren will und dafür einen Sitz im Vorstand bekommen soll. Die Polizei warnt die Agency davor, die Spende anzunehmen. Gaydamaks Postenwunsch erfüllt sich nicht. Wenige Tage später wird er wegen des Verdachts auf Geldwäsche von der Polizei verhört. Nachweisen kann man ihm aber nichts. Böse Zungen sagen ihm schon damals nach, er wolle sich in die Herzen der Israelis einkaufen und sich unabkömmlich machen, um eine Auslieferung zu verhindern. Gaydamak kontert, er sehe sich ausschließlich in der Nachfolge einer » traditionellen jüdischen Solidarität und Hilfs‐ bereitschaft«. Seine Hilfsbereitschaft scheint keine Grenzen zu kennen. Im Juli 2005 stellt Gaydamak sich als Hauptsponsor für das Basketballteam Hapoel Tel Aviv zur Verfügung. Wenig später spendet er dem überwiegend arabischen Fußballverein Bnei Sachnin einige hunderttausend Dollar und kauft die Konkurrenz Beitar Jerusalem gleich ganz. Interessiert Gaydamak sich plötzlich für Sport oder steckt vielleicht ein ganz anderes Kalkül dahinter? Es dürfte ihm jedenfalls gefallen haben, daß die Fans ihn in einem rasch komponierten Lied mit dem Messias verglichen.
Nur einmal kommt Gaydamak mit den Anhängern des Klubs in Konflikt: Als er den arabischen Nationalspieler Abbas Suan für Beitar verpflichten will. Das Vorhaben nehmen die Fans, die arabischen Fußballern in ihrem Stadion schon mal »Tod den Arabern«-Rufe entgegenschleudern, ihrem geliebten Gaydamak übel. Der lässt sich nicht aus der Ruhe bringen, gibt sich liberal und verteidigt seine Fans: Rassisten seien sie nicht, nur junge Menschen, die lange im Nahen Osten gelebt hätten. Obwohl er nach eigenem Bekunden Benjamin Netanjahu bei Wahlen unterstützen würde und den ultrarechten Avigdor Lieberman für einen »verantwortungsbewußten« Politiker hält, will Gaydamak sich nicht in die rechte Ecke stellen lassen. Aus Abbas Suans Transfer wird trotzdem nichts.
Immer wieder versucht Gaydamak, sich ins Rampenlicht setzen. Zu seiner exklusiven Neujahrsparty 2006 wird jeder eingeladen, der in Israel Rang und Namen hat. Allerdings bleiben 118 der 120 geladenen Knesset‐Abgeordneten dem Großereignis fern – sehr zu Gaydamaks Ärger. Vielleicht hat der Milliardär bereits damals beschlossen, fortan die politische Klasse zu umgehen und sich statt dessen dem gewöhnlichen Volk zuzuwenden.
Erstmals im großen Stil gelingt ihm das während des Libanonkrieges im Sommer. Gaydamak läßt sich die Evakuierung mehrerer tausend Familien aus dem israelischen Norden in eine provisorisch errichtete Zeltstadt 15 Millionen Dollar kosten und stellt damit gleichzeitig die hilflose Regierung bloß. Jetzt gerade hat er einigen hundert Familien aus der unter Raketenbeschuß stehenden Stadt Sderot einen einwöchigen Urlaub in Eilat am Roten Meer spendiert. Und wenn das auch nicht wirklich eine ernstzunehmende Lösung für den Raketenbeschuß aus Gasa darstellt, so konnte er die Herrschenden in Jerusalem einmal mehr der Untätigkeit und Inkompetenz beschuldigen.
Für Politiker empfindet Gaydamak nur Verachtung. Ministerpräsident Ehud Olmert sei »ein Witz«, sagte er dem Armeeradio. Die Regierung halte er für »eine Katastrophe«, und die Knesset zeige eine »gera‐ dezu kriminelle Faulheit«. Dann, ganz unbescheiden, kündigt er an: »Ich habe genug Unterstützung in der Bevölkerung, um Ministerpräsident zu werden. Wenn ich anträte, würde ich 40 Mandate in der Knesset bekommen.« Das ist zwar übertrieben, dennoch könnte eine Kandidatur Gaydamaks das politische System durcheinanderwirbeln. Noch habe er sich nicht entschieden, ob er den Schritt in die Politik wagen wolle. »Gewählt werden ist leicht. Aber das Amt ist eine schwerwiegende nationale Verantwortung«, sagt er. Daß er alles besser machen würde als die jetzige Regierung, daran zweifelt er aber keinen Moment. »Wie kann man überhaupt meine Lebenserfahrung mit diesen Leuten vergleichen. Sie sind nicht intelligent genug, um Minister zu sein.« Oder: »Die Minister sind äußerst primitiv und unkultiviert. Sie denken wie Taxifahrer und Kellner, und so handeln sie auch.« Das zeugt nicht nur von selbstverliebter Taktlosigkeit, sondern zeigt auch, was Gaydamak in Wahrheit von den Taxifahrern und Kellnern hält, deren Sympathie er mit spektakulären Aktionen erkauft. In Wahrheit ist er ein Schein‐Philanthrop, der hilfsbedürftige Menschen nicht ausstehen kann, weil er jedes Zeichen von Schwäche verachtet. Die sozial Schwachen interessieren ihn nur als Statisten in Gaydamaks Puppentheater der Macht.
An diesem Machtspiel hat Gaydamak Gefallen gefunden und schnell verstanden, daß sich das politische System seiner neuen Heimat leicht manipulieren läßt. Nichts dürfte ihn mehr freuen als die Hysterie, mit der Angehörige aller politischen Fraktionen auf seinen plötzlichen Aufstieg reagieren. Ob er seine neugewonnene Beliebtheit wirklich durch einen Einstieg in die Politik gefährden will, ist untrennbar mit der Frage verbunden, ob er sich nur Liebe oder auch Einfluß erkaufen will. Gerade hat er den Radiosender FM99 erstanden. Ein gewinnbringendes Geschäft sei das nicht, gibt er zu. Aber eine einmalige Gelegenheit, viele Israelis zu erreichen.
Bei denen ist die Unzufriedenheit mit der Regierung mittlerweile so groß, daß ein reicher Wunderheiler gerade recht kommt, selbst wenn er kein Hebräisch spricht. Ein Machtvakuum wolle nun einmal gefüllt werden, schreibt die liberale Zeitung Haaretz. Gaydamek habe das politische System nicht korrumpiert, er wisse nur das Chaos für sich zu nutzen. So sei der Aufstieg des Arcadi Gaydamak zwar beunruhigend, überraschend komme er aber nicht.
Noch prägnanter bringt es der Politikwissenschaftler Ruwen Hazan von der Hebräischen Universität in Jerusalem auf den Punkt: »Wenn die Regierung ihre Arbeit vernünftig machen würde, hätte Gaydamak kein so leichtes Spiel.«

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