Elisabeth Degen

Die Kunst des Kampfes

von Helmut Kuhn

Das Leben ist ein Kampf, und wer angegriffen wird, hat das Recht sich zu verteidigen. Israel ist angegriffen worden. Es fielen Hunderte Raketen auf Zivilisten, obwohl sich das Land aus dem Libanon und aus Gasa zurückgezogen hatte. „Trotzdem ist Israel der Angreifer?“ Das macht sie wütend.
Israel ist ein kleines, aber wehrhaftes Land. Elisabeth Degen ist eine zierliche, aber schlagfertige Frau. Und eine Kämpferin. Mit 50,5 Kilo Körpergewicht gewann die Schauspielerin den „Preußen Cup“ im „Free Fight“. Und ebenso wie ihr Vater, der Schauspieler und Schriftsteller Michael Degen, ist sie ein politischer Mensch. Kein Zufall also, daß sie das israelische Restaurant Hummus‐Shala am Prenzlauer Berg als Treffpunkt wählt – der Nahostkonflikt ist jetzt überall.
„Auf diesem Land wurde immer herumgehackt. Ich sehe durchaus Kritikpunkte, aber ich sage: Nein, jetzt erst recht. Diese Besserwisser, die noch nicht einmal einen Fuß in das Land gesetzt haben. ‚Was ihr da unten macht’, höre ich jetzt ständig als Vorwurf“, sagt die junge Frau und hebt die geballten Hände vors Gesicht. Dieses „Ihr“. Diese „wirklich blöden Kommentare“. Diese Dummheit. „Am liebsten würde ich nicht mehr das Argument, sondern die Fäuste sprechen lassen.“ Dann wünsche sie sich manchmal, „einen halben Meter größer und breiter“ zu sein. Das wäre aber schade. Die kleinen Hände, feinen Füße, das schmale, aparte Gesicht mit diesen hellbraunen Augen, die zwischen Lächeln, Kämpfen und Traurigsein changieren und ihr in ihrem Sport den Namen „Rambobambi“ eingetragen haben. Sie seien völlig verquollen, entschuldigt sie sich. Sie habe schlecht geschlafen. „Mein Nachbar hat bis um drei Uhr früh lautstark in die Röhre geguckt. Ich bin begeistert“, lacht sie kurz auf. Kein Wind weht im Hinterhof, es ist heiß, an ihrem Kettchen hängt ein Davidstern. Nein, der Konflikt ist jetzt überall. Verstecken wird sie sich nicht. Jetzt erst recht. „Ich sehe Handlungsbedarf.“
Vor ein paar Wochen demonstrierte in Berlin sie für Israels Recht auf Selbstverteidigung. Dort hat Michel Friedman gesprochen, dort zeigte die Jüdische Gemeinde Solidarität, aber auch viele Deutsche, die keinen jüdischen Background haben. „Und in der Presse erscheint so gut wie nichts darüber!“ Das macht sie noch wütender. „Das ist eine Meinungsmache, die mich ankotzt. Es gab einfach tausend Leute, die mitgelaufen sind und gesagt haben: Israel ist im Recht. Aber was findet statt? Es wird totgeschwiegen.“ Wenn dagegen 200 Leute eine Anti‐Israel‐Demo abhalten, werde sofort darüber berichtet. „Da möchte man zur Extremzionistin werden, die ich nie war. Wenn die Leute hier im Café säßen und auf einmal werden sie in die Luft gesprengt, was da los wäre! Viele dieser Gutmenschen verlieren völlig die Relation.“
Elisabeth Degen sagt von sich selbst: „Ich habe zwei Leidenschaften. Die Schauspielerei und den Kampfsport.“ Zumindest Schauspielerin wollte sie schon immer werden. „Wollt ihr nicht ausgehen?, habe ich meine Mutter als Kind immer gefragt. Denn dann konnte ich im großen Wohnzimmer den Hamlet spielen, der ich immer sein wollte. Ich habe Platten mit Maximilian Schell nachgespielt, stundenlang, und konnte den Text auswendig. Ich war so bestimmt in meinem Willen, daß Mutter fast wahnsinnig geworden ist.«
Als Jugendliche drehte sie den englischen Film Maschenka, die Serien Tödliche Liebe und Eine Klasse für sich. „Da wurde ich sogar als Türkin verbraten. Ich war als Kind noch dunkler, da fällt den Deutschen ja nichts anderes ein, als zu sagen: Türkin. Ich spielte oft türkische Rollen.“ Als 14jährige drehte sie den Film Die Kolonien mit ihrem Vater über die berüchtigte Colonia Dignidad in Chile. Ihre Rolle: eine Tochter, die von der Sekte entführt wird.
Eigentlich wollte ihre Mutter, eine Malerin, daß Tochter Elisabeth Musikerin werden solle. Ihr Vater, der Schauspieler, wünschte sich „sehnlichst wenigstens eine Intellektuelle in der Familie. Kind, werde Ärztin oder Rechtsanwältin.“ Nichts da. Während des Abiturs sprach sie an der Fritz‐Kirchoff‐Schule für Schauspiel in Berlin vor. Nach Abschluß der Ausbildung und dem Hollywood Acting Workshop in Los Angeles fand sie ein Engagement am Hamburger Schauspielhaus. Es folgten Rollen in Hannover, Darmstadt und Düsseldorf. Bis Ende der neunziger Jahre spielte sie Dutzende Rollen in Klassikern wie modernen Stücken, von Romeos Julia übers Gretchen bis zur Donna Anna in Max Frischs Don Juan oder die Liebe zur Geometrie. „Ich habe viel geackert“, sagt Elisabeth Degen. „Ich habe ja den Luxus, daß ich meinen Beruf gerne mache.“ Mal gab es eine Flaute, mal kam gar nichts, „mal kommt es dann plötzlich wieder dicke und immer parallel.“ Dann reiste sie hin und her zwischen einem Engagement in Bad Hersfeld und einem in Hannover. Schließlich kam die Rolle der Jüdin Lotte in Aimée & Jaguar, Max Färberböcks Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers von Erica Fischer nach Memoiren von Lilly Wust. Ein Film, der international Furore machte, mit Maria Schrader, Heike Makatsch und Dani Levy, den Elisabeth Degen als Regisseur sehr schätzt. In der vielleicht dramatischsten Szene des Films um eine lesbische Liebe zwischen einer Jüdin und einer Deutschen wird Lotte auf offener Straße von der Gestapo erschossen.
Vielleicht hängt ihr deshalb überwiegend „das dramatische Fach“ an. „Leider Gottes, ich würde auch gerne mal eine böse Frau spielen oder etwas Lustiges.“ Inzwischen ist sie in beiden Gattungen zu Hause, spielte wieder mehr im Fernsehen. Dazu veranstaltet sie Lesungen: jüdische Autoren von gestern bis heute, vom Hohen Lied Davids bis zu Zeruja Shalev und Texte aus den Büchern ihres Vaters und dem Roman Michel Friedmans (Kaddisch vor Morgengrauen). Ist es ein Vorteil in diesem Beruf, einen berühmten Vater zu haben? „Nö. Nicht wirklich. Es hat vielleicht einen anderen Aufmerksamkeitswert, aber beeinflußt nicht Besetzungsentscheidungen. Ich besorge mir meine Rollen selber oder die Agentur. Dort, wo es sich ergibt, habe ich mit ihm zusammen gespielt.“
In der Zukunft möchte sie die Drehs weiter ausbauen. „Kino, vielleicht eine Rolle in den USA. Ich fände es schön, mir hier etwas aufzubauen, auf das man drüben aufmerksam wird. Sich weiterentwickeln. Man kann immer noch wahrhaftiger werden. Da ist Theater sehr wichtig, weil es die schauspielerische Praxis noch stärker fördert als der Film. Mehr arbeiten, mit mir im Reinen sein, ein zwei Wettkämpfe noch.“
Elisbabeth Degen sagt von sich aber auch: „Ich habe zwei Handicaps. Die Schauspielerei und den Kampfsport.“ Ihr Sport gilt als einer der härtesten überhaupt. „Free Fight“, genauer das „Vale Tudo“, eine brasilianische Kampfsportart, die frei übersetzt bedeutet: Alles ist erlaubt. Boxschläge wie Kicks sind seine Elemente, aber auch Bodentechniken, Hebel und „Würger“ sind gestattet – bis einer der Kontrahenten aufgibt und zweimal auf die Matte klopft. Für einen Außenstehenden möge das auf den ersten Blick schon komisch aussehen, gibt Elisabeth Degen zu, doch der Sport sei fair. Gerade gewann sie ihr erstes Turnier im „Grappling“, dem reinen Bodenringkampf. Sie lacht. „Eine Jüdin gewinnt den Preußen Cup.“ In den USA und in Japan hat der Sport bereits einen großen Markt. Dort gibt es Frauenkämpfe, die hierzulande noch selten sind.
„Ich brauche ein Ziel, muß meine Kräfte messen und an die Grenzen gehen. Wie gehe ich mit meinen körperlichen Möglichkeiten gegen einen sehr kräftigen Menschen um? Ich will sehen, wie weit ich mit meiner Zierlichkeit komme. Das hat auch einen Aspekt der Selbstverteidigung, sowohl als Frau als auch als Jüdin.“
Sie hat auch allen Grund dazu. „Bis jetzt haben sich einige Figuren darauf beschränkt, mir meine Mesusa von der Haustür zu reißen oder mein Auto zu de‐molieren und tote Ratten hineinzulegen.“ Gibt es einen Verdacht? „Ich denke, das kommt durch meinen Vater. Er ist bekannt und hat Bücher geschrieben. Ich denke, daß es aus dieser Ecke kommt, aus der rechten Szene. In der Vergangenheit hat er auch Drohbriefe bekommen.“
Elisabeth Degen wurde in Frankfurt am Main geboren, hat eine ältere Schwester und einen jüngeren Bruder. Später zog die Familie in den Berliner Grunewald. Als sich ihre Eltern trennten, blieb sie bei der Mutter. Das Leben ist ein Kampf, und wer angegriffen wird, hat das Recht sich zu verteidigen. „Oh ja. Auf der netten Rudolf‐Steiner‐Schule hatte ich viele prägende Erlebnisse. Der Deutschlehrer sagte über Lessings Kaufmann von Venedig: ‚Man kennt das ja, die Juden sind sehr geizig, und sie greifen zu drastischen Mitteln, die überhaupt nicht christlich sind.’“ Elisabeth Degen klopft sich an die Stirn. „Da geht es doch nicht um Geld, sondern es rächt sich jemand. Das sollte man als Lehrer doch erkennen. Das ist eine hundsmiserable Verleumdung, ein Überbleibsel aus dem Mittelalter, um nicht zu sagen aus dem Drit‐ ten Reich.“ Der Deutschlehrer habe gekontert: „Die Wahrheit zu ertragen, gehört auch nicht zu den Tugenden des Juden.“ Die 14jährige Jüdin stand auf und wollte den Unterricht verlassen. „Ich sorge dafür, daß du einen Verweis bekommst“, habe der Lehrer gedroht. „Ich sorge dafür, daß Sie eine Anzeige bekommen“, war ihre Antwort. „Meine Mutter ist dann aufgekreuzt wie die biblische Rache persönlich.“ Richtig Zoff habe es gegeben, aber der Lehrer mußte die Schule nicht verlassen. Der Eklat hatte aber andere Folgen. „Davon aufgestachelt, gab es Schüler, die mir hinterhergelaufen sind und Judensau, Judensau schrien Und: Ihr Juden seid Christenblutsäufer. Da habe ich mir einen von den Jungen geschnappt und ihn in einem Wutanfall verprügelt. Als Mammi kam, wurde laut gejault. Man glaubt nicht, wie tief das in den Köpfen ist.“ Statt zum Ballett ging Elisabeth von da an heimlich in eine Judoschule. Das war 1985. Manchmal wünsche sie sich noch heute, ihr Vater wäre mit der Familie nach Israel ausgewandert.
Aber Michael Degen war geblieben. In seinem Buch Nicht alle waren Mörder beschreibt er, wie er und seine Mutter im Berliner Untergrund das Dritte Reich überlebte und ihnen immer wieder Menschen geholfen haben. „Ich wäre nicht mehr in diesem Land, wenn es nicht auch viele gute Menschen hier gäbe“, sagt Elisabeth Degen. Und das sind nicht immer die, von denen man es erwarten würde. Zum Beispiel furchterregend aussehende Herren mit Glatze und Tattoos aus ihrem Kampfsportstudio, das gleich im Nachbargebäude liegt: „Wenn ich weg bin, passen die auf meine Wohnung auf.“
Noch an diesem Abend wird Elisabeth Degen im Zug nach Hamburg sitzen, am nächsten Morgen bereits mit den Proben beginnen. Dort spielt sie an den Kammerspielen in dem Stück 16 Verletzte des holländisch‐jüdischen Autoren Eliam Kraiem – zusammen mit ihrem Vater. Im September ist Première. Das Stück ist im vergangenen Jahr mit großem Erfolg am Broadway gelaufen und mit Preisen ausgezeich‐ net worden. Michael spielt darin den Juden Hans und Elisabeth seine Tochter Nora, die sich in einen Palästinenser verliebt, einen „politischen Kämpfer“. Das Stück wirft die Frage auf, ob Menschen Subjekte oder Objekte der Geschichte sind, und ob sie sich aus den Zwängen einer politischen Vergangenheit befreien können. „Das ist heikel zu inszenieren“, sagt Elisabeth Degen. „Ich spiele darin schon fast so einen Gutmenschen, einen Charakter, den ich langsam nicht mehr so sympathisch finde.“ Der Konflikt ist jetzt überall. „Ich glaube inzwischen, daß einige Länder in Europa, einige Leute auch von der linken Szene ihr Opferding brauchen. Wenn Israel ausgelöscht wird und niemand mehr lebt, dann wird es heißen: Das war jetzt aber wirklich übertrieben, Jungs«, sagt sie zynisch. „Dann können sie wieder Lichterketten zaubern und zur Unterstützung von Minderheiten Zettelchen drucken.“
Nun also 16 Verletzte in Hamburg. Eine kleine Schauspielerwohnung in der Nähe des Theaters, zwei Monate Proben und Aufführungen zusammen mit dem berühmten Vater. Und die Rolle der Nora. „Dieser Gutmensch“, der nur den Wunsch hat, daß alles so einfach sei zwischen den Juden und Palästinensern. Nur, so einfach ist es nicht. Weil der Mensch nicht so ist.“

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