Abschied

Die ganz großen Ferien

Es klingelt zur letzten Pause vor den Sommerferien. Kinderstimmen dringen von den Fluren in den Hebräischraum. »Ich habe so ein Gefühl, als wenn ganz normal die Ferien anfangen«, sagt Rachel Bendavid‐
Korsten, seufzt und räumt ein paar Papiere ins Regal. Die Hebräisch‐ und Judaistiklehrerin der Heinz‐Galinski‐Schule wird nach den Ferien nicht wiederkommen, denn sie hat sich entschieden, in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen. Nun ist sie dabei, das Klassenzimmer aufzuräumen. Sie möchte nicht mehr an ihre Arbeit gebunden sein, sondern mal in den Tag hineinleben und sich frei fühlen können. In diesen Tagen feierte sie mehrmals Abschied, denn sie beendet auch ihre Lehrtätigkeit in der Grunewaldschule, ebenso wird sie nicht mehr den Bar‐ und Batmizwa‐Unterricht in der Synagoge Pestalozzistraße geben, und als Dozentin in der Jüdischen Volkshochschule möchte sie auch nur noch unregelmäßig Seminare anbieten.
Ein Schwarzweißfoto fällt ihr in die Hände. Auf dem Bild gestikuliert im Vor‐
dergrund der ehemalige HGS‐Schulleiter Micha Barkol und weit hinten steht Rachel Bendavid‐Korsten. »Zusammen mit Micha Barkol hast du das jüdische Lebensgefühl in das alte Gemäuer der Bleibtreustraße geholt«, hat ihr eine Kollegin zum Abschied geschrieben. Die 61‐Jährige war von der ersten Minute der Jüdischen Grundschule an mit dabei und wird dort als »Grande Dame« beschrieben.

Herkunft Als Kind emigrierte sie mit sechs Geschwistern, einer Großmutter und ihren Eltern von Rabat in Marokko nach Israel. Dort lebten sie zu neunt auf 54 Quadratmetern in Beer Schewa. »Das ging nur gut, weil wir respektvoll miteinander um‐
gingen.« Rachel Bendavid absolvierte ihre Lehrerausbildung, arbeitete noch fünf Jahre als Grundschullehrerin in Israel und wurde dann nach Brüssel entsandt, um an einer jüdischen Schule in Belgien zu unterrichten. Nach zwei Jahren zog es sie nach Berlin, wo sie erst einmal Deutsch lernen wollte. Französisch, Hebräisch, Englisch und Arabisch konnte sie bereits. Als eine Vertretung im Labor des Jüdischen Krankenhauses gesucht wurde, bewarb sie sich und wurde prompt genommen. Acht Jahre wirkte sie dort. Eine schöne Zeit sei das ge‐
wesen, sagt sie. Dort lernte sie auch ih‐
ren späteren Ehemann kennen. Als sie hörte, dass die jüdische Religionslehrerin der Grunewaldschule aufhören wollte, reichte sie ihre Unterlagen bei Rabbiner Stein ein, der damals dafür zuständig war. Wenig später rief er sie an und meinte, dass sie am nächsten Tag gleich anfangen sollte. Das war im Mai 1982.

Lehrtätigkeit Der damalige Direktor der Grunewaldschule, Eberhard Welz, erinnert sich immer noch gerne: »Als ein besonderer Glücksfall, Liebe auf den ersten Blick, erwies sich, dass Frau Bendavid an die Schule kam, die nicht nur die Herzen ihrer Kinder, sondern auch die der Kolleginnen gewann.« Damals sei es noch eine Zeit gewesen, in der Kinder nur vorsichtig erwähnten, dass sie jüdisch sind, sagt Rachel Bendavid‐Korsten. Und sie wünschte sich, dass sich das ändert. Mehr miteinander machen, schauen, was Christen und Juden voneinander trennt und verbindet – das war ihr Konzept, das geglückt sei. Sie konnte feststellen, dass das Miteinander so normal geworden ist, dass die unterschiedlichen Religionen heute kein Thema mehr sind.
Ihre Schüler würden sie eher als streng empfinden, glaubt Bendavid‐Korsten, die auch Fachbereichsleiterin für Judaistik war. Aber sie würden auch feststellen, dass sie etwas bei ihr gelernt haben. Im richtigen Leben müsse sich ebenfalls jeder an bestimmte Regeln halten, und das Lernen von Selbstdisziplin und Respekt findet sie sehr wichtig.

Engagement Neben der Arbeit als Lehrerin hat sie sich auch ehrenamtlich engagiert, so war sie im WIZO‐Vorstand und war Berliner Vorsitzende der Zionistischen Organisation. Und sie möchte sich auch weiter engagieren: »Das ist mir wichtig.« Nun warten auf sie erst einmal neun Opern‐ und Theaterabonnements. Und überhaupt möchte sie sich mit Kultur und Musik beschäftigen. »Wie kann man in Berlin leben und so ein Angebot nicht nutzen?« In den nächsten Tagen verlässt sie erst mal Berlin, um in ihre Heimat zu fahren, wo fast alle ihre Geschwister leben.
Sie nimmt ihr Abschiedsheft, ihre Ta‐
sche – ein letzter Blick ins aufgeräumte Zimmer, dann geht sie.

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