Ludwigsburg

Die Fahnder

von Kathrin Wesely

Das karge Gebäude in der Schorndorfer Straße 58 ragt weithin sichtbar aus dem Gelände, umfriedet von einer fünf Meter hohen Mauer. Der Sitz der »Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen« in Ludwigsburg wurde im 19. Jahrhundert als Gefängnis erbaut. Es ist weltweit die einzige Behörde, die gegen Verbrechen des eigenen Volkes während einer Diktatur ermittelt. Ihr gegenüber erstreckt sich der Alte Friedhof mit neogotischer Kapelle. Eine gedrungene Pietà aus Sandstein steht darin. Die Ludwigsburger gedenken hier ihrer »Toten und Vermissten 1939–1945«. Frischer Blumenschmuck überall, »Tote der Heimat birgt unser Herz« steht auf einer Tafel. Im Gefängnis auf der anderen Straßenseite wurden nach der Pogromnacht 1938 die Juden der Stadt eingesperrt. Das Zugangstor ist noch heute ver‐ gittert, eine Klingel mit Kameraauge hängt links daneben. Kurt Schrimm, Oberstaatsanwalt und Herr des Hauses, öffnet selbst. Es ist Freitagnachmittag, die meisten seiner Mitarbeiter sind schon gegangen.
Treppab, durch kahle Korridore führt er zum »Herzstück unserer Firma«, zur Zentraldatei. Sie liegt hinter einer tresorartigen Tür, für deren Öffnung nebst Schlüssel eine Zahlenkombination erforderlich ist. Das Herz ist ein 30 Quadratmeter großer, alarmgesicherter Raum, zugestellt mit grauen Aktenschränken, die 1,675 Millionen Karteikarten enthalten. Täter, Tatorte, Zeugen, Menschen, die Anfragen stellten – alles ist hier säuberlich verbucht. Seit 50 Jahren. Gegen 106.496 Beschuldigte ist wegen NS‐Verbrechen von Ludwigsburg aus ermittelt worden, es gab aber nur 6.498 Urteile. »Viele Verfahren wurden eingestellt, weil die Sachverhalte nicht ganz geklärt werden konnten«, sagt Schrimm. Beispielsweise sei oft nicht mehr feststellbar, ob es sich bei einer Tat um Mord oder Totschlag gehandelt hat. Totschlag verjährt, Mord nicht.
Das 50‐jährige Jubiläum der Behörde ist am Montag in der vornehmsten Adresse der Stadt gefeiert worden: im Residenzschloss, mit einer Rede von Bundespräsident Horst Köhler. Solche Wertschätzung wurde der Behörde nicht immer zuteil. Noch Mitte der 60er‐Jahre sprach der damalige Oberbürgermeister Anton Saur vom unschönen »Geruch«, den die Einrichtung Ludwigsburg verleihe. Für Saur waren »die« von der Zentralen Stelle Nestbeschmutzer. Willi Dreßen, Schrimms Vorgänger, empfahl man bei seiner Einstellung, er solle besser nicht sagen, wo er arbeitet, wenn er in Ludwigsburg eine Wohnung suche. Er bekäme sonst keine.
Die Behörde war vor dem Hintergrund des Ulmer‐Einsatzgruppen‐Prozesses von 1957/58 eingerichtet worden. Erstmals wurde ein ganzer Verbrechenskomplex Gegenstand eines Verfahrens. Und es handelte sich um den ersten Prozess gegen NS‐Täter vor einem deutschen Strafgericht. Dementsprechend groß war das öffentliche Interesse. Zehn Männer wurden wegen der Ermordung von mehr als 5.500 Juden im litauisch‐deutschen Grenzgebiet verurteilt. Während des Prozesses stellte sich heraus, dass ein Großteil der Verbrechen im Ausland und an ausländischen Staatsbürgern bis dato nicht verfolgt worden, ja nicht einmal bekannt gewesen war.
Die Konferenz der Justizminister und Justizsenatoren beschloss daraufhin die Gründung der Zentralen Stelle, die sich künftig mit der systematischen Aufarbeitung nationalsozialistischer Straftaten befassen und Vorermittlungen für die Staatsanwaltschaften leisten sollte. Am 1. Dezem‐ ber 1958 nahm sie ihre Arbeit auf. Ihr erster Leiter wurde Erwin Schüle, der im Ulmer Einsatzgruppen‐Prozess das Plädoyer der Anklage gehalten hatte. Sein Engagement für die Einrichtung wurde oft gerühmt. Doch 1966 musste Schüle seinen Hut nehmen. Man fand heraus, dass er Mitglied der SA und der NSDAP gewesen war.
Seit 2001 ist Kurt Schrimm Leiter der Zentralen Stelle, wie sie im Behördenverkehr abgekürzt wird. Der Stuttgarter Jurist hatte sich als Experte für Naziverbrechen einen Namen gemacht, vor allem im Prozess gegen Josef Schwammberger. Dessen Akte füllt 23 Leitz‐Ordner. Schrimm konnte den ehemaligen Kommandanten des Ghettos von Pryzmsl in Argentinien aufspüren. Nach langwierigen Ermittlungen saß Schrimm Schwammberger dann gegenüber. Er vernahm ihn sechs Tage lang im Beisein seiner Sekretärin. Nach den ersten beiden Tagen hat sie zu Schrimm gesagt: »Du musst dich irren. Dieser nette alte Herr ist doch kein Massenmörder!« Nach vier weiteren Tagen stöhnte sie: »Gott sei Dank bin ich diesem Mann erst heute begegnet.«
Schwammberger hatte auf Befehl und zum Vergnügen gemordet. Er war bei angeordneten Erschießungen zur Stelle und bei der brutalen Räumung des Ghettos in Pryzmsl, bei der viele Menschen zu Tode kamen. Gerne hetzte Schwammberger auch seinen Hund auf die Häftlinge. Oder er trieb sie in eine Scheune, die dann angezündet wurde. »Ich habe nie zuvor einen so janusköpfigen Menschen getroffen«, sagt Schrimm. »Der Mann hatte sich vor dem Krieg nie etwas zuschulden kommen lassen. Auch danach war er ein braver Bürger, der vermutlich nicht mal falsch parkte. Doch in den beiden Jahren zwischen 1942 und 1944 wurde er zu einer Bestie.« Schwammberger zeigte keine Reue und leugnete. Bis zuletzt. Das ganze Verfahren gegen ihn sei ein »Komplott«. Schrimm erwiderte, dass es 150 Zeugen gäbe, die auf der ganzen Welt verstreut lebten, keinen Kontakt untereinander pflegten und daher auch keine Verabredungen hätten treffen können. Dennoch sagten alle das Gleiche aus. »Dann müssen die den Komplott gegen mich schon im Ghetto geschmiedet haben.« Schwammberger wurde 1991 wegen Mordes und Beihilfe zum Mord an mehr als 635 Menschen zu lebenslanger Haft verurteilt.
Es gibt zuweilen Fälle mit 450 Zeugen, die überall in der Welt ausfindig gemacht werden müssen. Schrimm teilt die Befragten in drei Kategorien ein: die, die nichts sagen wollen, weil sie es halbwegs geschafft haben, alles zu verdrängen; solche, die erst nichts sagen wollen, es aber dann doch tun, weil sie glauben, es all jenen schuldig zu sein, die nichts mehr sagen können. Und es gibt diejnigen, die bereitwillig berichten.
Die Fahnder von Ludwigsburg sammeln sämtliches Material über nationalsozialistische Gräueltaten. Sie versuchen zu klären, welche Täter zu welchen Zeitpunkten an welchen Orten waren. Und sie bemühen sich, die mutmaßlichen Verbrecher ausfindig zu machen. Zwei Staatsanwälte, vier Richter und ein Polizist sind bei der Zentralen Stelle damit beschäftigt, akribische Detektivarbeit zu leisten. »Wir suchen nach Nadeln im Heuhaufen«, sagt Schrimm. Dafür müssen Archive in Italien, der Ukraine, Russland, Tschechien, den USA, Kanada, Chile und Argentinien nach Hinweisen durchforstet werden. Sind die Vorermittlungen abgeschlossen, wird das zusammengetragene Beweismaterial an die zuständige Staatsanwaltschaft geleitet. So auch jüngst im Fall von Iwan »John« Demjanjuk (siehe Infokasten).
Zwischen 1967 und 1971, damals liefen noch mehr als 600 Vorermittlungsverfahren, hatte die Zentrale Stelle 121 Mitarbeiter, darunter 49 Staatsanwälte und Richter. Heute wirkt das ehemalige Gefängnisgebäude etwas verwaist. Nur wenige Räume dienen noch als Büros, in denen Rechner stehen und wo die hier Beschäftigten ein paar Bilder oder private Fotos aufgehängt haben. Bei Schrimm ist es ein Poster von Vancouver. »Wenn ich je ins Ausland gehen müsste, dann dorthin.« Er werde wohl der letzte Leiter der Zentralen Stelle sein, vermutet Schrimm. Die ausgewerteten Akten wandern schon jetzt ins Bundesarchiv, das mit sechs Angestellten in der Ludwigsburger Behörde sitzt. Das Karteikartengedächtnis dient dann den Forschern. Historiker wie Daniel Goldhagen und Christopher Browning haben bereits in Ludwigsburg recherchiert.
Noch werden die Fahnder gebraucht. An 30 Ermittlungsverfahren wird derzeit gearbeitet. Wie viele Naziverbrecher laufen weiter frei herum? »Keine Ahnung«, sagt Schrimm. »Es gibt ja noch unzählige Taten, die gar nicht bekannt sind.«

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