Fußball

»Die deutsche Gleichmacherei«

Herr Oswald, Sie haben ein Buch zum Thema »Fußball-Volksgemeinschaft« vorgelegt, wie kommt man auf so etwas?
oswald: Als sich die Zeitgeschichte für das Thema Fußball im Nationalsozialismus zu interessieren begann, lag es nahe, dass zunächst die Rollen der Funktionäre und die der einzelne Stars im Mittelpunkt standen. Zuerst kommt immer die Frage nach der persönlichen Verstrickung, der persönlichen Schuld, erst später richtet sich das Augenmerk eher auf strukturelle Zusammenhänge.

Ihr Untersuchungszeitraum beginnt bereits 1919. Warum so früh?
oswald: Das hat zwei Gründe. Nach der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg hat sich die bürgerliche Sportkultur ideologisch neu formiert. Als Gegenmodell zu Parlamentarismus und Pluralismus entstand die Idee von der Fußballmannschaft beziehungsweise dem Sportverein als »Volksgemeinschaft im Kleinen«. Vor 1914 hatte die Position dominiert, Körperertüchtigung sei zweckfrei. Nunmehr sollte sie aber als »Wehrersatz« und der »Volksgesundung« dienen. Außerdem etablierte sich der Fußball erst nach dem Ersten Weltkrieg als Massenkultur. Der einstmals bürgerliche Sport gewann Anhänger aus der Arbei-
terschaft.

Wie kam es dazu, dass in der Weimarer Republik auch die Konkurrenten des bürgerlichen Sports, also der Arbeitersport und die jüdischen Sportvereine, die Volksgemeinschaftsideologie zum Teil verinnerlicht haben?
oswald: Ich greife auf eine These von Erich Geldbach zurück, der in den späten 70er-Jahren zum protestantischen Sport geforscht hat. Er prägte den Begriff der »Strategie des Doublettierens«. Ob Sport der katholischen Glaubensgemeinschaft dienen sollte, dem Sozialismus oder auch dem Zionismus: Körperliche Betätigung wurde vor allem als Dienst am Ganzen aufgefasst. Man wollte zwar etwas Eigenes formulieren, aber im Grunde war die Sportsprache, das Denken über Sport weitgehend schon in festen Bahnen, es war geprägt von der Tradition Turnvater Jahns, von Sprach- und Denkfiguren des bürgerlichen Lagers im 19. Jahrhundert. So überlebten viele rückwärtsgewandte Topoi in der Ideologie des sich ja eigentlich als fortschrittlich verstehenden Arbeitersports.
Ist der Gedanke, eine Volksgemeinschaft im Fußball entstehen zu lassen, ein deutsches Phänomen?
oswald: Ganz gewiss. Man kann in den 20er-Jahren Vergleiche zum mittel- und osteuropäischen Fußball ziehen. Dort ging es nicht darum, das spielerische Indiviuum völlig der Mannschaft unterzuordnen. Vielmehr sprach etwa der österreichische jüdische Sportjournalist Willy Meisl davon, eine Mannschaft wie ein Konzertorchester zu formen, bei dem die einzelnen Instrumente harmonisieren, aber nicht verschwinden sollen. Ganz anders als die Gleichmacherei deutscher Sportideologen. Meisl war ein wichtiger Vordenker und entstammt dem liberalen Judentum.

Gab es solche Vordenker auch in Deutschland?
oswald: Die großen Figuren gab es nicht, man zog viel aus geschichtsphilosophischen Werken, wie aus Oswald Spenglers Untergang des Abendlandes, wo ja auch die Kommerzialisierung für den Untergang einer Kultur steht. Das kulturpessimistische Gedankengut, das spätestens ab 1918 en vogue war, ging einher mit der Ideologie des Amateurismus, die später teilweise antisemitisch aufgeladen wurde. Der Ex-Reichstrainer Otto Nerz schrieb 1943, »die Juden und ihre Hörigen« seien vor 1933 verantwortlich gewesen für die »Tendenz zum Berufsfußball.«
In den 20er- und 30er-Jahren gab es oft Ausschreitungen. Waren das Vorläufer der heutigen Hooligans?
oswald: Der Hooliganismus der 70er- und frühen 80er-Jahre ist etwas anderes. Der Krawall der 20er-Jahre war unorganisiert, immer vom Geschehen auf dem Platz abhängig und an das Stadion gebunden. Ab 1919 traten im Fußball gewalttätige Massen in Erscheinung: Da wurde die lokale Ehre Wochenende für Wochenende verteidigt.

War das für das System nützlich oder subversiv?
oswald: Subversiv. Der Fanatismus war für jedes politische Regime unberechenbar. Fangruppen gingen mit einer bestimmten Erwartungshaltung ins Stadion. Wurde diese nicht erfüllt, musste das NS-Regime, das sehr auf Repräsentanz basierte, mit dem Schlimmsten rechnen, und das ist auch einige Male passiert. Interessanterweise blieb die Beurteilung solcher Ereignisse den Fachzeitschriften und den Sportteilen in den Tageszeitungen vorbehalten.

Das Gespräch führte René Martens.

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026

Sanktionen

Iran will weiter internationale Ziele anfliegen

Ab Mittwoch sollen iranische Airlines nach Worten der US-Regierung internationale Ziele nicht mehr anfliegen können. Die zivile Luftfahrtbehörde in Teheran widerspricht

 23.09.2026

Gideon Joffe, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin

Berlin

Gideon Joffe: »Mit Elif Eralp wird Geis zur Gärtnerin gemacht«

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde mahnt, dass die Hauptstadt vor massiven Herausforderungen stehe

 22.09.2026

Washington D.C.

USA wollen Saudi-Arabien 48 moderne F-35-Kampfjets verkaufen

Die Tarnkappenjets gelten als die aktuell modernsten Kampfflugzeuge. Im Nahen Osten waren sie bislang dem US-Verbündeten Israel vorbehalten. Nun zeichnet sich ein geplanter Deal mit Saudi-Arabien ab

 18.09.2026

Magdeburg

AfD will FPÖ-Erfahrungen in Sachsen-Anhalt nutzen

»Von den politischen Erfahrungen der FPÖ können wir sicherlich profitieren«, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion

 18.09.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  16.09.2026

Sachsen-Anhalt

BSW will AfD-Landtagspräsidenten mitwählen

Bundesweit ist es der AfD noch nie gelungen, das Amt eines Parlamentspräsidenten zu übernehmen – auch wenn sie die stärkste Partei war. Das könnte sich in Sachsen-Anhalt jetzt ändern

 08.09.2026