Atomprogramm

Die Bombe tickt

Ticktack. Ticktack. Ticktack. Eigentlich müssten die Diplomaten und Staatsführer es hören. Die Uhr tickt. Die Zeit bis zur Geburt der iranischen Atombombe läuft ab. Spätestens mit dem Eingeständnis Teherans, schon lange heimlich an einer weiteren Anlage zur Urananreicherung zu bauen und seit den Testflügen von Langstreckenraketen, müsste der Wecker geklingelt haben. Nicht nur in Washington oder Berlin, sondern auch in Moskau und Peking – dort also, wo man bisher dem illegalen Atomprogramm des Mullah‐Regimes mit einem grimmigen Gesichtsausdruck begegnet ist und im nächsten Mo‐ ment trotzdem lächelnd Geschäfte gemacht hat. Sogar mit Raketen.
Die Welt befindet sich kurz vor dem Abschluss eines Lehrstücks über das Versagen der internationalen Gemeinschaft und ihrer Institutionen inklusive der mächtigsten Staaten. Es ist absurd, wie viel Zeit der Iran schon geschunden hat mit seinem Zickzackkurs aus Frechheit und Annäherung, Provokation und Schmeichelei. Und ein Skandal, wie inkonsequent, beinahe rücksichtsvoll, die internationale Atomenergiebehörde Teheran seit Jahren begegnet. Es ist kaum zu fassen, wie viel Chancen die USA, der Sicherheitsrat und die anderen mit dem Iran‐Problem befassten Staaten verstreichen ließen.
Statt Konsequenzen aus dieser offenkundig bedrohlichen Konstellation zu ziehen, suchten immer neue Dokumente, Gipfel und Expertisen nach einem Indiz dafür, dass der Iran entweder nur blufft oder sich mit Zureden vom Atomkurs abbringen lassen würde. Der Tiefpunkt war die Lage‐Abschätzung der amerikanischen Geheimdienste Ende 2007. Ein Papier, das die weiterlaufende Entwicklung von Mittelstreckenraketen erwähnt, aber nicht in Zusammenhang mit dem Nuklearprogramm bringen mag – und deshalb nur kurzzeitig für den Trugschluss sorgt, das mit dem Iran sei halb so wild. Dabei wurden in dem Dokument alte Fakten einfach nur etwas optimistischer interpretiert. Und schon damals sagte Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy genau das, was nun US‐Präsident Barack Obama ausspricht, der damit wiederholt, was schon sein Vorgänger wusste: Größe und Beschaffenheit des iranischen Atomprogramms passen nicht zu seinem angeblich friedlichen Zweck.
Viel zu lange ist diese Erkenntnis als Wahnvorstellung paranoider Israelis abgetan worden. So, als verschwende eine winzige Gesellschaft den Großteil ihres nachrichtendienstlichen und militärischen Po‐ tenzials für ein Hirngesprinst, statt sich auf einen wirklichen Konflikt zu konzentrieren – den mit den Palästinensern und den arabischen Nachbarn. Während Exegesen über die Reden des iranischen Präsidenten angestellt wurden, hat dessen Apparat weiter Raketen gebaut, Uran angereichert, Raketen gebaut, Uran angereichert. Für den Frieden, versteht sich.
Viel zu lange haben aber auch jene, die es besser wussten, insgeheim darauf gehofft, dass die Israelis das Problem schon irgendwie lösen werden. Lasst doch den jüdischen Staat, der diplomatisch ohnehin weitgehend unten durch ist, Kampfbomber entsenden – man könnte ihn dafür öffentlich rüffeln, heimlich beglückwünschen und sich erfreulicheren Themen widmen. Vielleicht ist es nicht vollkommen unmöglich, dass genau das noch passieren wird. Sicher ist aber: Wer an dieses Szenario ohne tiefe Skepsis glaubt, hat lange nicht mehr auf die politischen und geografischen Karten des Mittleren Ostens geguckt.
Nicht von ungefähr kommen aus Jerusalem Zeichen der Resignation. Wenn Verteidigungsminister Ehud Barak sagt, Israel sei auch von einem atomar bewaffneten Iran nicht existenziell bedroht, dann ist die Botschaft wohl kaum, dass die paranoiden Israelis endlich Vernunft angenommen haben. Es heißt vielmehr, dass Israels Regierung sich und ihr Volk langsam darauf vorbereitet, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, in der ihr größter Feind über die schlimmste Waffe der Menschheit verfügt.
In dem Geheimdienstpapier von 2007 gibt es übrigens auch eine Aussage, die weiter aktuell ist: Sanktionen wirken. Die Voraussetzung ist aber, dass sie beschlossen und tatsächlich durchgesetzt werden. Das zarte Eingeständnis aus Teheran, es existiere eine zweite Atomanlage, sollte für den Westen das letzte Alarmsignal gewesen sein. Auch in Deutschland, wo Koalitionsverhandlungen und mögliche Ressortzuschnitte die klare Haltung der Kanzlerin keinesfalls schwächen dürfen. Nicht israelische Abenteuer, sondern eine große Koalition von den USA über Russland bis China ist die letzte Chance, die tickende Atom‐Uhr vielleicht doch noch anzuhalten.

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