multikulti

Die Aufsteiger

Ein starkes Duo: das rückgratlose Weichei und der Hardliner ohne Gnade. Während der eine als Bürgermeister von Amsterdam die Stadt bereitwillig an Drogenmafia und kriminelle Migrantengangs ausliefert, fordert der andere als Nummer eins in Rotterdam Eltern auf, die eigenen straffälligen Kinder bei der Polizei zu denunzieren. Dennoch gilt vielen der Verfechter von Law and Order als Symbol der galoppierenden Islamisierung der Niederlande. Und sein Laisser-faire-Pendant wird für seine Besonnen- heit gerühmt.
Immerhin eines ist gewiss: Das »Weichei« ist Jude, der »Hardliner« Muslim. Aber das finden beide eigentlich unwichtig. Job Cohen nennt sich selbst einen Humanisten, der »das Höhere« nie habe finden können. »Vor allem freisinnig und weniger jüdisch«, antwortete er einmal, befragt nach der Geschichte seiner Familie. Und Ahmed Aboutaleb, der gelegentlich in die Moschee geht, spricht gerne von »neuen Niederländern«, von seiner Loyalität gegenüber dem Land, in das er als Teenager kam. Doch anders als der säkular geprägte Cohen hat Aboutaleb, 47, einen religiösen Hintergrund. Sein Vater war der Imam des Weilers Beni Sidel im Rifgebirge. »Ahmed lief mit 14 noch in den marokkanischen Bergen herum«, sagt Cohen über Aboutaleb. Keineswegs abschätzig tut er das, eher beiläufig plaudernd, wie über einen guten Bekannten. So ähnlich ist das auch. Bis vor zwei Jahren arbeitete Aboutaleb unter Cohen als Stadtrat in Amsterdam. Seit Januar steht er seinem ehemaligen Vorgesetzten auf Augenhöhe gegenüber: Aboutaleb ist Bürgermeister von Rotterdam. Jetzt lenken die beiden Sozialdemokraten die Geschicke der zwei größten Städte im Land.
Geht man nach dem Medieninteresse, ist Aboutaleb dem 14 Jahre älteren Cohen längst über den Kopf gewachsen. Ein Politstar. Der erste Muslim, der eine europäische Metropole leitet, und der erste Migrant in einem niederländischen Stadt- haus. Schnell hatte Aboutaleb den Beinamen »Obama von der Maas«. Als er kürzlich Bilanz zog über seine ersten 100 Tage, machte er kurzen Prozess mit diesem Vergleich: »Wir haben beide afrikanische Wurzeln. Wir sind das Produkt von Emanzipation. Dass wir diese Ämter bekleiden, wäre vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen. Aber damit hört schon jede Ähnlichkeit auf.«
Das Ernsthafte und Beflissene dieses Mannes hat etwas Calvinistisches. Während Cohen mit der Gelassenheit dessen redet, der seinen Platz in der Gesellschaft ererbt hat, merkt man Aboutaleb an, dass er sich genau diesen Status erkämpfen musste. Auch er spricht meist mit ruhiger Stimme. Doch hinter den dicken Brillengläsern blinzelt der 47-Jährige fast nervös, und wenn er sich erregt, schnellt sein Zeigefinger im Sekundentakt aus dem Anzugärmel.
Elektrotechniker, Journalist, Pressesprecher im Gesundheitsministerium, Direktor eines multikulturellen Instituts, dann Stadtrat in Amsterdam und Staatssekretär für Soziales – das waren die Stationen auf dem Weg Aboutalebs ins Rotterdamer Rathaus. Kein Wunder, dass er mit dieser Vita zum Vorzeigemigranten wurde.
Und zudem erfüllt er eine weitere Voraussetzung. Ähnlich wie in Deutschland stehen im Ausland geborene Politiker auch in den Niederlanden unter starkem Druck, sich zu positionieren. Ihre Loyalität wird latent infrage gestellt. Vor allem, wenn sie wie Aboutaleb Muslim und Inhaber zweier Pässe sind. Doch der bewältigt den Hindernisparcours souverän. Der Bürgermeister äußert Verständnis für Überfremdungsängste, fordert Ausländer auf, sich an die Regeln zu halten, und schlägt vor, Burkaträgerinnen die Sozialhilfe zu streichen.
An den Moment, in dem Ahmed Aboutaleb für viele Niederländer zum Helden wurde, erinnert sich Job Cohen sehr gut. Denn er selbst geriet dadurch zur Lachnummer. Zumindest bei denen, die Politiker an der demonstrativen Deutlichkeit ihrer Worte messen. Und dazu gehört in den Niederlanden der Appell, den multikulturellen Saustall ordentlich auszumisten. Es war der Mord am Regisseur und Polemiker Theo van Gogh durch den Islamisten Mohamed Bouyeri, der diese Meinung zum Mainstream machte. Eine der vermeintlich tolerantesten Gesellschaften der Welt war bis in die Grundfesten erschüttert, zarte Nuancen verblassten im flackernden Schein brennender Moscheen. Vor allem in der Hauptstadt drohte die Stimmung zu eskalieren.
Das war die Stunde Ahmed Aboutalebs. In einer voll besetzten Amsterdamer Moschee griff er zum Mikrofon und forderte alle Migranten, die sich im niederländischen Wertesystem nicht wiederfinden könnten, zur sofortigen Rückreise auf. Offensichtlich wurden genau diese Worte vom Bürgermeister erwartet. Der gediegene Cohen aber ist nicht der richtige Typ dafür. Schon, wenn er in städtischen Werbekampagnen einen enthusiastischen Tonfall anlegt, entbehrt das nicht einer gewissen Komik. Wie er die Menschen aufrief, einen kühlen Kopf zu bewahren, war das, als serviere man einem Vegetarier einen Braten.
In Zeitungskolumnen und draußen auf den Straßen ergoss sich kübelweise Spott über ihn. Die ruhige, sonore Stimme Cohens wirkt nach Ansicht vieler deplatziert in Situationen, in denen die Lautstärke den Inhalt in die Ecke stellt. »Den Laden ein bisschen zusammenhalten«, so formulierte Cohen bei seinem Amtsantritt 2001 seine Ambitionen. Das klang salopp, unaufgeregt, aber auch provozierend nonchalant. Wer konnte schon ahnen, dass ihm der »Laden« derart um die Ohren fliegen würde? Für Cohen ist dieser Ansatz der einzig richtige Weg. »Die Alternative wäre, sich zu schlagen.«
Da war er wieder, der unbeirrbare Verfechter der multikulturellen Gesellschaft. Der 2001 die weltweit erste Hochzeit zwischen Homosexuellen schloss und trotz heftigen Gegenwinds an der Duldung weicher Drogen festhält. 2003 war Job Cohen Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten.
Doch noch einmal wird ihn seine Partei PvdA, die Partij van de Arbeid, wohl nicht aufstellen. Die Führung versucht inzwischen, der Linie der harten Hand, der »Linie Aboutaleb« zu folgen. Insofern verkörpert diese auch die neue niederländische Sozialdemokratie. Job Cohen, der für Integration und gegen Assimilation ist, steht für ihre Vergangenheit. Sein Standpunkt ist nicht zuletzt biografisch bedingt. Der ehemalige Juraprofessor aus einem großbürgerlichen Historikerhaushalt steht auch für die Zerrissenheit des niederländischen Judentums. Jahrhundertelange gesellschaftliche Integration und der Cohen wohlvertraute Aufstieg ins Establishment stehen dem Trauma der Schoa gegenüber. Cohens Großeltern wurden in Bergen-Belsen ermordet.
Auch in anderer Hinsicht steckt Cohen in einem Zwiespalt. Er geht weder in die Synagoge noch ist er gläubig, nicht einmal seine Erziehung war religiös. Trotzdem nimmt man ihn als Juden war. »Auch die jüdische Gemeinschaft sieht mich so.« Sonst ist das Verhältnis eher distanziert. Zwar schätzt ein Teil des jüdischen Amsterdam Job Cohen, der immer wieder in der Öffentlichkeit vor dem Erstarken von Antisemitismus warnt. Ein anderer Teil jedoch beobachtet seit Jahren mit Argwohn, wie er in der Integrationsdebatte vermeintlich Partei für Muslime ergreift.
Vielleicht ist es in diesem Fall an Ahmed Aboutaleb, seinen Kollegen zu rehabilitieren. Der musste grinsen, als er unlängst auf Cohens berühmtes Credo ange- sprochen wurde. Doch dann kehrte der Ernst zurück, und mit dem ihm eigenen eindringlichen Blick sagte Aboutaleb: »Den Laden zusammenhalten, das ist für mich keine schlappe Haltung. Was will man denn sonst?«

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