Tauchgang

Dicke Kruste

von Lars Brinkmann

38 Kilogramm in einzelnen Bleistücken, strategisch verteilt auf die vielen Bein‐ und Brusttaschen des weit sitzenden Overalls. Dann noch die 15‐Liter‐Stahlflasche mit der Atemluft auf den Rücken, noch mal ein gutes Dutzend Kilo. Ein enormes Zusatzgewicht, ohne das hier, in En Gedi am Westufer des Toten Meeres, niemand untergehen könnte. Der Grund dafür: Rund 34 Prozent Salzgehalt machen das Wasser des Toten Meeres zu einer übergewichtigen Lauge, auf der Menschen normalerweise wie Korken an der Oberfläche schwimmen. Zum Vergleich: Das Mittelmeer hat gerade mal drei Prozent, das bei Unterwasser‐Sportlern als salzhaltig bekannte Rote Meer etwa vier Prozent.
Das Gesicht der Taucher verschwindet hinter dem schwarzen Silikon einer Vollgesichtsmaske, wie sie von Berufstauchern verwendet wird. Wer die Salzlauge in die Augen bekommt, für den ist der Tauchgang zu Ende, und er kann nur hoffen, daß der Tauchpartner ihn wie ein Blindenhund an die Oberfläche zurückbringt. Ein paar beschwerliche Schritte durchs Wasser, dann schließt sich die Oberfläche über den Köpfen. Die Sicht ist schlecht. Schon nach rund fünf Metern verschluckt ein schlieriger Dunst den Horizont. Unterhalb von 15 Meter Tiefe beginnen Salzkristalle, alles zu überziehen: Felsbrocken, Ankerseile, vereinzelte versunkene Holzmasten – alles wird von den Kristallen in einen glitzernden Panzer geschlossen. „Wenn wir ein Seil ins Wasser hängen, zeigen sich spätestens nach einer Woche die ersten Kristalle. Und zum Schluß sieht es aus wie ein Tannenbaum“, sagt Moti Gonen, einziger Berufstaucher und Schiffsbetreiber am Toten Meer und Chef der Marine Services & Underwater Works in En Gedi. Für das Entstehen der Kristalle hat er eine überraschende Erklärung. „Es ist wie in einer Tasse Tee. Ein, zwei oder drei Löffel Zucker lösen sich noch auf. Aber spätestens nach dem zehnten ist Schluß. Und wenn das Wasser des Toten Meeres mit Salz gesättigt ist, dann kristallisiert es.“
Bei 42 Meter Tiefe stoppen die Taucher ihren Abstieg. Solide Kristallstrukturen glitzern im Licht der Lampen, ein Anblick, den bislang nur rund 40 Taucher genießen konnten. Hier unten sind die Kristalle von einer festen, scharfkantigen Konsistenz, weiter oben fühlen sie sich eher bröselig an. So bröselig, daß man mit den Fingern darin herumrühren kann. Ein Versuch, bei dem man sich weiter unten schmerzhafte Schnitte zuziehen würde.
Das Tote Meer ist nach erdgeschichtlichen Maßstäben jung. Rund 10.000 Jahre, erklärt Zvi Ben‐Avraham, Professor für Geophysik an der Universität Tel Aviv und Chef des Minerva Dead Sea Research Centers. Der Wissenschaftler sitzt in seinem kleinen Büro, eingekeilt zwischen Büchern, Landkarten und Computern, und blickt zurück in die Erdgeschichte. Vor vier Millionen Jahren füllte die „Sedom Lagoon“ einen Großteil des Beckens, in dem heute das Tote Meer liegt. „Lagune“ sagen die Forscher dazu, weil dieser riesige See eine Verbindung zum Mittelmeer hatte. Diese Verbindung trocknete vor drei bis 2,5 Millio‐ nen Jahren aus. In der Folge entstanden und verschwanden Seen verschiedener Größe mit unterschiedlichem Salzgehalt. Zum Beispiel der gigantische Lake Lisan, der etwa von 68.000 bis 13.000 vor Christus vom See Genezareth bis zu einem Punkt reichte, der etwa in der Mitte zwischen der Südspitze des heutigen Toten Meeres und Eilat liegt. Dessen Wasserspiegel reichte damals etwa 200 Meter weiter hinauf in die judäischen Berge als der des heutigen Toten Meeres. Doch auch der Lake Lisan trocknete aus und hinterließ einen vergleichsweise kleinen Salzsee: das Tote Meer.
Vor etwa 5000 Jahren, erzählt Ben‐Avraham, könnten die Fluten des Toten Meeres die Städte Sodom und Gomorrha verschluckt haben, die biblischen Symbole für Ausschweifung und Laster, die laut dem ersten Buch Moses wegen ihres sündhaften Lebenswandels von Gott zerstört wurden. Wie so oft könnte die Geschichte mehr als einen Kern Wahrheit enthalten. Zumindest gehen zahlreiche Historiker, Archäologen und Theologen davon aus, daß die beiden Städte existiert haben müssen. Ein erster Hinweis darauf ist der Umstand, daß in der Bibel eigentlich keine Phantasie‐Städte vorkommen. Jericho, Bethlehem, Jerusalem – alles real existierende Orte. Und Sodom findet sich in der Bibel immerhin 39 Mal, Gomorrha 19 Mal. Ein weiterer Hinweis: In einigen antiken Quellen wird das Tote Meer „ama schel Sodom“ genannt, zu deutsch „Meer von Sodom“. Die Araber nennen das Gewässer bis heute nach dem Protagonisten der biblischen Geschichte Bahr Lut, das „Meer des Lot“. Nach Ansicht vieler Forscher könnte es sein, daß eine Naturkatastrophe die beiden Städte von der damaligen Landkarte getilgt hat, ein Erdbeben oder ein Erdrutsch beispielsweise. Der Boden in der Uferzone des Toten Meeres ist bis heute eine bröckelige Angelegenheit. Davon zeugen Karsttrichter, Stellen, an denen durch die Auswaschung von Salzkernen wie aus heiterem Himmel der Boden einbricht.
Eine US‐amerikanische Expedition machte sich vor rund fünfeinhalb Jahren auf die Suche nach den zerstörten Städten. Zu diesem Zweck tauchte sie mit einem Zwei‐Mann‐U‐Boot 200 Meter tief hinaus ins Tote Meer, entdeckte aber statt Spuren der biblischen Katastrophe nur rote Bakterien, die im lebensfeindlichen Milieu des Toten Meeres überleben können.
Mit an Bord war auch Professor Zvi Ben‐Avraham, der aber dem eigentlichen Expeditionsziel schon damals keine großen Chancen einräumte. „Es ist schon möglich, daß Sodom und Gomorrha dort unten liegen. Aber wenn, dann sind diese Jahrtausende alten Städte unter 30 Meter Sediment und Salz begraben. Und das ohne Spur an der Oberfläche dieser Schicht.“ Ohnehin vermutet der Geophysiker die biblischen Städte an anderer Stelle als die gängige Lehrmeinung. „Die meisten Forscher wähnen Sodom und Gomorrha im Süden des Toten Meeres. Ich meine, es ist im Norden.“ Ben‐Avraham verweist auf Entfernungsangaben in der Bibel und das Faktum, daß viele antike Städte an Flüssen lagen – und der Jordan fließt im fruchtbareren Norden ins Tote Meer. Die Suche sei wie so oft eine Geldfrage. „Die Fahndung nach Sodom und Gomorrha würde sicherlich mehrere Millionen Euro kosten. Sie wäre für mich aber das spannendste Projekt des Jahrhunderts.“
Die Geschichte des Toten Meeres ist nicht zu Ende. Das Gewässer wird in zehn Jahren rund zehn Meter flacher. Ständig verdunstet mehr Wasser als nachfließt. So erreichte der Wasserspiegel des Toten Meeres 2004 den historischen Tiefstand von 417 Metern unter Normalnull, der tiefste begehbare Punkt der Erde, Tendenz weiter fallend. „Total austrocknen wird das Tote Meer aber nie“, sagt Ben‐Avraham. Spätestens bei minus 510 Metern sei Schluß, und bis dahin würde es noch 200 bis 400 Jahre dauern. Erst dann sei eine solche Dichte erreicht, daß keine Verdunstung mehr möglich sei.
Gegenmaßnahmen gegen die Austrocknung sind im Gespräch. Das Tote Meer soll aus der Einzelhaft entlassen und wieder an das internationale Meeresnetz angeschlossen werden. In den frühen 80er Jahren reifte in der israelischen Regierung der Plan, einen Kanal zum Mittelmeer zu bauen. Die Distanz wäre relativ kurz. Doch das Projekt hätte zwei gravierende Nachteile. Zum einen müßte der Kanal durch das extrem dicht besiedelte Mittelisrael führen. Zum anderen müßten die judäischen Berge zwischen Mittelmeer und Totem Meer, die bis auf über 500 Meter ansteigen, durch Tunnel überbrückt werden, was wiederum die Kosten des Projekts explodieren ließe.
Also sann man vor Ort über Alternativen nach und wurde im Süden fündig. Die aktuelle Version des Plans sieht den Bau eines Kanals vom Roten Meer vor. Die Strecke wäre zwar weiter, würde aber durch kaum besiedeltes Gebiet führen. Zudem bräuchte man kaum Tunnel, da der Weg durch den afrikanisch‐asiatischen Grabenbruch nordwärts ein einigermaßen kontinuierlicheres Gefälle aufweist. Erwünschter Nebeneffekt dieses Wasserlaufs: Das rohstoffarme Israel hätte eine zuverlässige Quelle zur Elektrizitätserzeugung. Zehn Jahre lang, so errechneten die beteiligten Wissenschaftler, könnte das Wasser ungebremst nordwärts fließen. Erst dann müsste man den Zufluß mittels Schleusen bremsen und steuern. Dennoch wäre der Aufwand riesig. Und so blieb es beim Planen.
Für Moti Gonens Marine Services & Underwater Works sind die Pläne eine Riesenchance. Sie sind das einzige Unternehmen vor Ort, das den Wissenschaftlern und Ingenieuren taucherische Infrastruktur und ein Schiff zur Verfügung stellt. Seit 30 Jahren sitzt Gonen am Toten Meer, zwischen Wohncontainern und Werkstätten, alten Schiffsteilen und vor sich hin rostenden Kränen. Doch der ärmliche Eindruck seiner Anlage täuscht – Forschungsinstitute aus aller Welt, darunter die Universitäten von Hamburg und Potsdam sowie das renommierte israelische Weizmann‐Institut, greifen auf seine Tauchlogistik zurück. Der ehemalige Kampftaucher einer israelischen Unterwasser‐Vernichtungseinheit steckt voller Pläne und Visionen. So kaufte der alte Haudegen einst in der Türkei ein Passagierschiff mit 110 Plätzen und brachte es über Haifa ans Tote Meer. Hier wollte er Touristen‐Rundfahrten anbieten und dabei auch die arabische Ostküste ansteuern. Doch dann durchkreuzte die zweite Intifada seine Pläne. Zu allem Überfluß riß sich das Schiff eines Tages im Sturm vom Anker, strandete und zeugt von zerplatzten Träumen.
Doch Gonen ist kein Mann, der schnell aufgibt. Ein Schiff hat er heute schon wieder. Mit der „Tuglit“ erledigt er in erster Linie Forschungsaufträge. Wenn er sich nicht an Bord des Bootes befindet, dann oft genug darunter. Denn das Salz des Toten Meeres überwuchert ständig Kiel und Schraube und muß mit Hammer und Meißel gelöst werden. „Echte Knochenarbeit“, sagt Gonen und verzieht sein faltiges Gesicht zu einem Seufzer.
Dann überrascht er seine Zuhörer mit der Geschichte der „Adele“. Das 23‐Meter‐Versorgungsschiff der deutschen Marine gelangte im Ersten Weltkrieg in Einzelteilen per Pferdeanhänger von Haifa ans Tote Meer. Hier diente es dem Transport von Waffen, Munition und Lebensmitteln zwischen dem jordanischen Karak und Jerusalem. Adressaten waren die verbündeten türkischen Truppen, die vor Ort gegen die Briten kämpften. Im Jahr 1918 gewannen Londons Truppen aber die Oberhand. Bevor sich die „Tommies“ die „Adele“ unter den Nagel reißen konnten, füllten die deutschen Marinesoldaten das Boot mit Steinen und versenkten es irgendwo im Norden des Toten Meeres. Dort verschwand es unter einer Salzschicht, die bis heute auf mindestens einen Meter Dicke angewachsen sein dürfte. Das vermutet zumindest Professor Zvi Ben‐Avraham, der sich per Magnetometer und Sonar auf die Suche nach dem Schiff gemacht und einen Anker bereits gefunden hat. „Ich habe einige Anhaltspunkte, wo die Adele liegen könnte“, sagt der Geophysiker. „Im Nordteil des Toten Meeres haben wir neun Spots mit Hinweisen auf Metall gefunden. Einer davon muß es sein.“ Eine Bergung sei vom technischen Standpunkt aus kein Problem. Zumal Chancen bestehen, das Schiff in einem erstklassigen Zustand zu finden, denn in dem sauerstofflosen Wasser und im Salzkokon dürfte das Metall keinen Rost angesetzt haben.
Bisher aber fehlt das Geld. Die Kosten für Suche und Hebung beziffert der Professor auf rund 120.000 Dollar. Doch wer weiß, vielleicht gibt ja eines Tages der sinkende Wasserspiegel des Toten Meeres die Adele von ganz alleine frei.

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