Der Vorleser

Deutsche Liebe

von Jörg Taszman

Selten hat ein Roman, der als Tabugeschichte beginnt, den Leser auf eine solch falsche Fährte geführt wie Bernhard Schlinks Der Vorleser. Als würde das Thema der Liebe zwischen einem 15-Jährigen und einer 36 Jahre alten Frau im muffigen Klima der 50er-Jahre nicht reichen, erzählt Schlink gleichzeitig auch vom Judenmord, von deutscher Schuld und Gleichgültigkeit. Das Buch beginnt als »amour fou« zwischen Michael, einem Jungen aus kleinbürgerlichem Milieu und der Straßenbahnschaffnerin Hanna. Urplötzlich verschwindet Hanna – und damit für Michael die Liebe. Von diesem Verlusttrauma wird er sich auch als Mann nicht erholen.
In der Verfilmung, die jetzt in die Kinos kommt, spielt David Kross (bekannt aus Krabat und Knallhart) den jungen Michael. Hanna, die Frau, die er so leidenschaftlich liebt, wird von Kate Winslet verkörpert. Regisseur Stephen Daldry gelingt es, die Erotik des Buches in sinnliche Filmbilder zu übersetzen, auch bei den schwierigen Schlüsselszenen, in denen Michael Hanna, auf deren Verlangen hin, immer wieder aus Büchern vorlesen muss. In den lichtdurchfluteten Bildern schwingt etwas Leichtes, Romantisches mit.
Schwerer tut sich der Film mit dem zweiten Handlungsstrang. Jahre nach ihrem Verschwinden kommt es für Michael zu einem dramatischen Wiedersehen mit Hanna. Seine große Liebe steht vor Gericht, als ehemalige KZ-Aufseherin. Diese Enthüllung, die im Buch plötzlich, wie ein Peitschenhieb daherkommt, wird im Film verschenkt durch eine unnötige Dramaturgie mit Rückblenden schon im Vorfeld. Der Zuschauer weiß zwar nicht von Anfang an, was Hanna genau getan hat. Aber allein durch die Verschiebung der Zeitebenen ist er vorgewarnt, dass da noch etwas kommt.
Dafür arbeitet die Verfilmung deutlich heraus, was man im Buch geneigt ist, zu überlesen, zu verdrängen, um sich die tragisch-schöne Liebesgeschichte nicht kaputt machen zu lassen. In Film bekommen die jüdischen Opfer ein Gesicht. Alexandra Maria Lara spielt eine junge Frau, die eindringlich schildert, wie KZ-Aufseherinnen 300 Juden in einer Kirche verbrennen ließen. Deutlicher als im Roman wird auch die emotionale Unmöglichkeit einer Aussöhnung mit Mördern verdeutlicht. Wenn der erwachsene Michael, verkörpert von Ralph Fiennes (Schindlers Liste), in einer Schlüsselszene Jahrzehnte später auf diese Überlebende trifft, jetzt von der großartigen Lena Olin gespielt, stehen sich ein verunsicherter Mann aus der Generation der »Spätgeborenen« und eine selbstbewusste Jüdin gegenüber, die keine gemeinsame Sprache finden. Michael ist alles andere als ein Leugner deutscher Schuld, möchte aber aus seinen privaten Gründen die Verbrechen einer Einzelnen verzeihen lassen. Doch Absolution von Opferseite gibt es nicht.
Der Vorleser als Film ist eine amerikanische Produktion, gedreht zwar in Deutschland, aber auf Englisch. Nicht nur die britischen Weltstars Kate Winslet und Ralph Fiennes sprechen diese Sprache, auch die deutschen Darsteller David Kross, Alexandra Maria Lara und Bruno Ganz. Das verfremdet diese doch sehr deutsche Geschichte, verleiht ihr eine unscharfe Uni- versalität. So wirkt paradoxerweise in diesem Fall ausnahmsweise die deutsche Synchronfassung origineller als das Original, auch wenn die asynchronen Lippenbewegungen eine künstliche Distanz schaffen).
Dass der Film trotz dieser Schwächen durchaus sehenswert geworden ist, liegt nicht zuletzt an Kate Winslet. Sie spielt die Hanna mit einer überzeugenden Mischung aus Feminität und Härte, Zärtlichkeit und Grausamkeit. Dafür wurde sie am Wochen-ende zu Recht mit einem Oscar als beste Darstellerin ausgezeichnet. Regisseur Stephen Daldry hat allen Unkenrufen zum Trotz keinen banalisierenden Hollywoodfilm mit einfachem Gut-Böse-Schema gedreht. Schlinks Roman konfrontierte den Leser mit der Frage, ob individuelle Liebe kollektive Schuld zu relativieren vermag. Das ist auch die Botschaft des Films, der unterkühlter herkommt als die Buchvorlage. Er entlässt die Zuschauer mit einem unbehaglichen Zwiespalt, mit Zweifeln an der Vereinbarkeit von Liebe und Schuld, Verdrängung und Sühne. So wie das Leben es auch tut.

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