NS-»Endlösungs«-Plan

Deutsch-arabische Mordallianz

von Kerstin Eschrich

»Es ist gut, wenn uns der Schrecken vorangeht, daß wir das Judentum ausrotten. Der Versuch, einen Judenstaat zu gründen, wird ein Fehlschlag sein«, hatte Adolf Hitler am 25. Oktober 1941 angekündigt. Damals warteten die NS-Massenmörder noch auf den Einsatzbefehl für den Nahen Osten. Die Konsequenz aus den strategischen Planungen der Nazis für die Jahre 1941 und 1942 wäre die Vernichtung der jüdischen Gemeinde in Palästina gewesen. Zu diesem Ergebnis kommen der Leiter der NS-Forschungsstelle in Ludwigsburg, Klaus Michael Mallmann, und sein Mitarbeiter Martin Cüppers in ihrer Studie über das Einsatzkommando bei der Panzerarmee Afrika 1942.
Dieses Kommando, das Erwin Rommels Panzerarmee unterstellt war, lag im Sommer 1942 in Athen in Bereitschaft. Anfang Juli 1942 war es unter SS-Obersturmbannführer Walther Rauff aufgestellt worden. Den Recherchen der beiden Historiker zufolge hatte es vor allem ein Ziel: nach einem Einmarsch in Palästina die dortigen Juden zu ermorden. Die Richtlinien der Einsatzgruppe entsprächen inhaltlich jenem Text, der seit dem Vorjahr die Grundlage für den Massenmord der Einsatzgruppen in der Sowjetunion bildete. »Es liegt auf der Hand, daß die Geschichte des Nahen Ostens völlig anders verlaufen wäre und ein jüdischer Staat dort wohl nie hätte gegründet werden können, wenn das Vorhaben von Deutschen und Arabern gemeinsam in die Tat umgesetzt worden wäre.«
Daß es soweit nicht kam, ist den britischen Truppen zu verdanken, die im Herbst 1942 die deutsche Armee in der entscheidenden Schlacht um das ägyptische El Alamein besiegten. Danach wurde das Einsatzkommando nach Tunis abkommandiert.
Mallmann kannte bereits seit einigen Jahren NS-Akten, aus denen hervorging, daß sich Rauff im Sommer 1942 in Athen aufhielt. »Ich habe allerdings diese Tatsache nicht mit dem Einsatzkommando in Verbindung gebracht. Rauff war kein Experte für den Afrika-Krieg und das Kommando hatte nur eine minimale Mannschaftsstärke«, erläutert der Historiker. Rauff war zwar kein Afrika-Experte. Aber mit der Ermordung von Juden kannte er sich aus. Den Recherchen zufolge gehörte zu seinem Aufgabenbereich etwa die Entwicklung und Be- aufsichtigung des Einsatzes der ungefähr zwanzig Gaswagen, die in der Sowjetunion sowie in Serbien seit Ende 1941 beim Judenmord verwendet wurden. »Offenbar waren es gerade Rauffs Entscheidungskompetenz und dessen Vertrautheit mit dem Prozeß der rationalisierten Vernichtung der Juden, die ihn für den neuen Posten als Chef einer mobilen Todesschwadron prädestinierten«, heißt es in der Studie.
Durch Zufall entdeckten die Historiker dann das fehlende Verbindungsglied zwischen Rauff und der Einsatztruppe in den Akten zu einem anderen NS-Verfahren. Dort hatte SS-Obersturmführer Hans-Joachim Weise, der auch zu Rauffs Truppe gehörte, von dem Einsatzkommando berichtet. Die weiteren Zusammenhänge erschlossen sich bei intensiven Recherchen unter anderem im Archiv des Auswärtigen Amts, im Militärarchiv in Freiburg und in der Zentralen Stelle zur Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. Die Autoren konstatieren selbstbewußt, daß »Quellenkenntnis, Phantasie und Kombinationsgabe der Historiker bisher nicht ausgereicht haben, um dieses geplante, letztlich aber durch die Alliierten verhinderte deutsch-arabische Massenverbrechen aufzudecken«.
Der Judenhaß als rein europäischer Exportartikel in die arabische Welt, Antisemitismus arabischer Kreise als pure Reaktion auf die Gründung des Staates Israel – derartige Beschönigungen wären nach den Forschungsergebnissen nicht mehr aufrechtzuerhalten. Auf die Hilfe der arabischen Freunde beim Judenmord hätten die Nazis unbedingt vertrauen können, das geht aus der Studie eindeutig hervor. Nicht nur der notorische Antisemit Haj Amin el-Husseini, der Mufti von Jerusalem und ein Verwandter des späteren Palästinenserpräsidenten Jassir Arafat, tat sich bei der Anbiederung an die Nazis hervor. Mallmann und Cüppers zitieren etwa aus einem Bericht über Palästina von Walter Schellenberg, dem Chef des Auslandsgeheimdienstes der SS, der im Sommer 1942 verfaßt wurde: »Die außergewöhnlich deutschfreundliche Stimmung der Araber ist im wesentlichen darauf zurückzuführen, daß man hofft, ‚daß Hitler kommen möge‘, um die Juden zu vertreiben.« Die deutsche Gesandtschaft in Teheran vermeldete bereits im Jahr 1941, daß ein Teheraner Bildverleger Abbildungen von Hitler und des ersten Imams hergestellt und rechts und links an der Tür zu seinem Geschäft ausgestellt habe. »Jeder Eingeweihte verstand diese Nebeneinander- stellung. Es bedeutet: Ali ist der erste, Adolf Hitler der letzte Imam.«
Für Mallmann war es überraschend, festzustellen, welches Ausmaß an Antisemitismus in den zwanziger und dreißiger Jahren im Nahen Osten vorhanden war. »Wir sind keine Islam-Wissenschaftler, aber wir können zeigen, daß es zu der Zeit in der Region einen tief verwurzelten Antisemitismus gegeben hat. Wichtig ist daneben vor allem die Erkenntnis, daß die Deutschen sich im Nahen Osten nicht anders verhalten hätten als in der Sowjetunion. An einheimischen Helfern beim Judenmord hätte es ihnen auch hier nicht gefehlt.«
Nach dem Krieg wurden weder der Mufti von Jerusalem, der in einem Schreiben an den Reichsaußenminister im April 1942 offiziell um deutsche Unterstützung für die »Beseitigung der jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina« nachsuchte noch andere Unterstützer der Nazis in der arabischen Welt vor Gericht gebracht. »Aus der Angst heraus, es sich mit der arabischen Welt zu verderben, haben die Alliierten auf eine Anklage des Muftis vor dem Internationalen Militärgerichtshof verzichtet. In der arabischen Welt genoß er weiter auch gerade wegen seiner Kollaboration mit den Nazis hohes Ansehen«, sagt Cüppers. Die Briten hätten wohl Zugriff auf den Mufti gehabt, weiß Mallmann, aber kein Interesse an einer Anklage. »Alle die an den Planungen für die beschriebenen Verbrechen im Nahen Osten beteiligt waren, kamen gut weg.«
Auch die Mitglieder der Einsatztruppe wurden deswegen nicht vor Gericht gebracht. Verurteilt wurden nur einzelne von ihnen wegen anderer Verbrechen. Sie hatten ihr Handwerk ja bereits lange genug geübt und fuhren nach ihrer nicht realisierten Nahostepisode eifrig damit fort.

Die Studie ist erschienen in: Jürgen Matthäus/Klaus-Michael Mallmann (Hrsg.): Deutsche, Juden, Völkermord. Der Holocaust als Geschichte und Gegenwart, Wissenschaftliche Buchgesellsch., Darmstadt 2006

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